DER ROSMARIN
Eine Stadt mit klarer Luft. Wenn man die Hand ausstreckt, könnte man
den Himmel berühren. So wird die Stadt Ian beschrieben,
wahrscheinlich, weil dieser Satz überall in den Parks und auf den
touristischen Flyern geschrieben steht. Weil sie von Bergen umgeben ist
und etwas höher liegt, bleibt sie vom Feinstaub verschont, der
manchmal aus anderen Ländern herüberzieht, und auch vom Gelben
Sand, der sonst im Frühjahr ins Land geweht wird. Deshalb gibt es hier
viele Rad- und Wanderwege. Blauer Himmel ist in Ian alltäglich, und die
Menschen reisen extra an, um ihn zu sehen. Es gibt nicht viele
besondere Sehenswürdigkeiten, Freizeitangebote oder Orte, an denen
man Spaß haben kann, und um hierher zu gelangen, muss man an
vielen Bergen entlang ins Nirgendwo fahren. Doch trotz der
Unzugänglichkeit bleiben die Besucherzahlen konstant und nehmen
kaum ab.
Yu-hee kann den Tag, an dem sie Ian verließ, nicht vergessen. Es war
das erste Mal, dass sie das Blau, das Grün und die unberührte Natur, mit
denen die Stadt immer beschrieben wurde, hautnah erlebte. Und sie
begriff, dass sie für immer davon getrennt sein würde. Die Dinge, die ihr
so alltäglich und deshalb unbewusst waren, sah sie nun mit blendender
Klarheit. Unzählige Landschaften, die sie bisher nicht beachtet hatte,
zogen am Busfenster vorbei.
Das Gefühl, dass der Schnellbus hin und her schwankte, legte sich etwa
eine halbe Stunde nach der Abfahrt. Kaum hatte er die Mautstelle hinter
sich gelassen, beschleunigte er und raste die breite Autobahn hinunter.
Yu-hee, die zusammengekauert auf ihrem Sitz saß und in den Himmel
starrte, streckte ihren Rücken durch, drehte ihren Kopf zum Fenster und
drückte ihr Gesicht gegen die Scheibe. Die Straßenschilder der Stadt Ian,
die gerade noch über sie hinweggeflogen waren, entfernten sich immer
weiter. Der Sicherheitsgurt spannte sich unangenehm um ihren
Unterleib, als sie sich umdrehte und aus dem Fenster sah. Aber das war
ihr egal, sie sah nur zu, wie Ians Symbole schnell aus ihrem Blickfeld
verschwanden. Sie sah zu, wie der Ort, den sie so gut kannte, die einzige
Stadt, von der sie geglaubt hatte, dass sie sie nie verlassen würde, im
Nichts verschwand.
Als die großen und kleinen Berge, die die Stadt umgaben, völlig
verschwunden waren, stieß sie einen langen Seufzer aus und tupfte sich
die Tränen aus den Augenwinkeln. Sie erinnerte sich an ihre Mutter, die
mit besorgtem Blick die wenigen Habseligkeiten in einen kleinen Koffer
gepackt und ihrer Tochter nachgewunken hatte, bis der Bus aus dem
Terminal verschwunden war. Yu-hee konnte die winzige Gestalt ihrer
Mutter inmitten der vielen Menschen in der ihr vertrauten Halle nicht
lange betrachten, weil sie Angst hatte, die Jungen in der Menge zu
erblicken. Sie wandte den Kopf ab. Mama, pass auf, dass nicht einmal der
erste Buchstabe der Stadt Sejin deinem Mund entschlüpft. Wenn jemand
nach mir fragt, sag einfach, ich sei weit weg. Immer wieder hatte ihre
Mutter sie gedrängt, dass es doch schon helfen würde, nur das Viertel zu
wechseln, da ein Mensch sowieso nicht von einem Tag auf den anderen
vergessen könne, wo er geboren und aufgewachsen sei. Doch Yu-hee
hatte energisch den Kopf geschüttelt. Nach all der Zeit war sie endlich
dabei, die Stadt zu verlassen. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem
Wunsch, schnell wegzulaufen und nie mehr zurückzublicken, und dem
Wunsch, so lange wie möglich an Ians Landschaften festzuhalten. Und
das verwirrte sie.
Das war vor fast fünfzehn Jahren. Seitdem war sie nicht mehr in ihrer
Heimatstadt gewesen. Die Erinnerungen an den kleinen Busbahnhof in
Ian und die fremde Atmosphäre, als sie in Sejin ausstieg, sind inzwischen
verblasst. Aber jedes Mal, wenn sie am Busbahnhof von Sejin
vorbeikommt, ist das Gefühl von damals wieder da. Vieles hatte sie in
Ian zurücklassen müssen: die namenlosen Wildblumen, die ihr überall
auf der Straße begegneten, die hohen Bäume, an die sie sich in der Hitze
lehnte, die Gassen, in denen sie sich mit geschlossenen Augen
zurechtfand. Als sie sich anschickte, all das hinter sich zu lassen, setzte
sie ein gezwungenes Lächeln auf, um sich den Abschiedsschmerz nicht
anmerken zu lassen. Die Erinnerung an diese Zeit schlich sich ab und zu
in ihre Gedanken, brachte alles in ihrem Kopf durcheinander und
verschwand dann. Wie ein kaputtes Video oder ein Radio, das sich von
selbst einschaltet, wurde sie ohne Vorwarnung immer wieder
zurückgerissen, nur um dann in der Gegenwart wieder ausgespuckt zu
werden. Sie hatte das Gefühl, einen Teil von sich für immer in dieser
Vergangenheit zurückgelassen zu haben.
Als sich Lee Jin-ho nach fast fünfzehn Jahren bei ihr meldet, weiß sie,
dass sie diese Gelegenheit nutzen muss. Es ist ihre Chance, die Steine
und Narben zu entfernen, die so lange in ihrem Herzen geblieben sind.
Nur wenn sie sie entfernt, kann sie sich von diesem Teil ihres Lebens
befreien, zu dem sie immer wieder zurückkehren muss. Ja, sie muss es
tun.
»Kann ich deine Handynummer haben, wenn es dir nichts ausmacht?«,
fragte Lee Jin-ho am Morgen des ersten Schultages in der neunten
Klasse. Yu-hees Freundinnen waren im neuen Schuljahr alle in anderen
Klassen, und so suchte sie eifrig nach bekannten Gesichtern, als Jin-ho
sie ansprach und ihr sein Handy reichte. In diesem Moment wurde sie
stutzig und stieß beinahe mit dem Ellbogen gegen einen anderen
Mitschüler, der gerade Milch trank. Als Jin-ho das sah, brach er in
schallendes Gelächter aus.
»Oh, entschuldige. Wir haben ja vorher noch nie miteinander geredet.
Ich bin Lee Jin-ho.«
Yu-hee starrte in sein lächelndes Gesicht. Obwohl sie noch nie direkt
miteinander gesprochen hatten, kannte sie ihn vom Sehen, seitdem sie
vor zwei Jahren an die Yeonpung-Mittelschule gekommen war. Ian war
nicht so klein, dass hier jeder jeden kannte. Aber es war auch nicht so
riesig, und wer aufmerksam war, konnte leicht an Informationen
kommen. Zum Beispiel, wer in welcher Grundschule gut aussah, was
hier Mode war, in einem anderen Viertel aber nicht. Und im Zentrum
stand Lee Jin-ho.
Kinder, denen viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, schienen von
ihrer Beliebtheit zu leben, und eine gewisse Aura des Glanzes schien sie
immer zu umgeben. Als Yu-hee ihren Aufnahmebrief für die YeonpungMittelschule,
die größte und beliebteste Schule in Ian, erhielt, hörte sie
das Gerücht, dass ein Junge namens Lee Jin-ho ebenfalls auf diese Schule
gehen würde. Sie wusste nicht, ob die Information von Erwachsenen
oder Kindern stammte. Aber es hieß, er sei ein netter, aufrichtiger Junge,
der neben seinen guten Leistungen in der Schule auch noch Sport treibe
und viele Freunde habe. Auch Yu-hee interessierte sich ein wenig für
ihn. Am ersten Schultag fiel ihr auf, dass er aus der Menge der gleich
großen Jungen herausstach. Sie beobachtete ihn aus der Ferne. In den
nächsten zwei Jahren gingen sie zwar nicht in dieselbe Klasse, aber
Gerüchte machten in der Schule die Runde, dass Lee Jin-ho immer im
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand.
Als er auf sie zukam, sich zu ihr hinunterbeugte und ihr in die Augen
sah, brach fast aus ihr heraus: »Ich kenne dich schon.« Ihr Gesicht lief
plötzlich feuerrot an. Seine Freunde, die hinter ihm standen und die
Szene interessiert beobachteten, konnten sich diesen Moment nicht
entgehen lassen und drängten sie, mit Jin-ho Handynummern
auszutauschen. Er sagte ihr noch, dass er sie schon lange beobachte.
Diese Worte klangen ihr noch den ganzen Tag in den Ohren.
Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass sie das andere Geschlecht
bewusst wahrnahm. Vorher hatte sie sich mehr auf andere Dinge als auf
Menschen konzentriert. Zum Beispiel verbrachte sie mehr Zeit damit,
die Blumen auf ihrem Schulweg zu betrachten. Sie interessierte sich für
die Bäume auf dem Nachhauseweg oder für gepflegte Gärten. Das
bedeutete nicht, dass sie keine Freunde hatte, aber es gab nicht viele
Kinder, die sich mit einem Mädchen anfreundeten, das lieber die
Pflanzen am Straßenrand betrachtete, als sich mit Gleichaltrigen zu
verabreden. Der Platz zum Spielen war begrenzt, die beliebten Parks und
Spielplätze waren immer überfüllt. Und Yu-hee mied Menschenmengen.
Als Einzelkind war sie es gewohnt, allein zu spielen, zu lernen und zu
essen. Und ihre Mutter, das einzige Familienmitglied, hatte in ihrem
Laden immer alle Hände voll zu tun, sodass ihr niemand mehr
Aufmerksamkeit schenkte als nötig.
Schon als Kind verbrachte Yu-hee ihre Zeit lieber mit Pflanzen als mit
Freunden. Sie fragt sich oft, ob sie deshalb so ist, wie sie heute ist. Aber
wenn sie Jin-ho an jenem Tag nicht ihre Nummer gegeben hätte, wenn
sie seitdem nicht mehr mit ihm geredet hätte, wenn sie nicht dieses
Kribbeln im Bauch gespürt hätte, wenn sie nicht den Blick von dem
abgewendet hätte, was nichts Menschliches an sich hatte, dann hätte sie
vielleicht ein besseres Leben führen können. Während sie die
unzähligen Alternativversionen ihres Lebens durchging, dachte sie an
ihre Mutter und an die Worte, die sie ihr nicht zu sagen gewagt hatte. Sie
hatte sie hinuntergeschluckt. Sie hatte sie nur einmal ausgesprochen
und dann wieder zurücknehmen müssen.
»Ich habe Angst.«
»Angst wovor?«
Die Klassenlehrerin starrte Yu-hee mit weit aufgerissenen Augen an.
Als sie die echte Besorgnis auf dem Gesicht der Lehrerin sah, wurde der
Griff ihrer verschränkten Hände fester, und sie dachte, dass es eine gute
Entscheidung gewesen war, ihren Mut zusammenzunehmen und zu ihr
zu gehen.
Aber in dem Moment, als der Name Lee Jin-ho aus ihrem verkrampften
Mund kam, entspannte sich das Gesicht der Lehrerin plötzlich, und sie
versuchte, Yu-hee zu beschwichtigen. Ihre Stimme klang jetzt so, als
wäre es wirklich keine große Sache.
»Komm schon, Jin-ho macht doch so etwas nicht. Habt ihr euch
gestritten? Jungs in dem Alter können schon mal ein bisschen gemein
sein. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. So sind Jungs eben. Ich habe
auch in dem Alter …«
Das ist nicht so, und das weiß ich auch, hätte Yu-hee fast gesagt. Doch
diese Worte kamen ihr nicht über die Lippen. Jedes Mal, wenn sie von
Jin-ho erzählte, sagten alle Kinder dasselbe, sogar die Mitschülerin, die
sie für ihre beste Freundin hielt, und jetzt die Lehrerin:
Er macht das, weil er dich mag.
Weil er dich so sehr mag, so sehr.
Von da an schwieg Yu-hee. Das Gefühl, nichts tun zu können, führte
bald dazu, dass sie sich isoliert fühlte. Das macht man nicht, wenn man
jemanden mag, und so etwas tut man nicht, wenn man sich für
jemanden interessiert. Irgendwo in ihrem Herzen sickerten Gefühle ein,
die sie noch nie zuvor empfunden hatte. Jedes Mal, wenn sie versuchte,
Jin-ho zu sagen, dass es nicht richtig sei, so zu fühlen, wiederholte er:
Weil ich dich so sehr mag. Ich tue das, weil ich mich noch lange an dich
erinnern möchte.
Yu-hee dachte lange über seine freundliche Art und seinen aufrichtigen
Gesichtsausdruck nach. Als ein Foto von ihnen ohne ihre Zustimmung
ins Internet gestellt wurde und Yu-hee, die noch nie in einer solchen
Community gewesen war, die Kommentare dazu las, wusste sie nicht,
wie sie ihre unangenehmen Gefühle einordnen sollte. Alles war neu für
sie. Zum ersten Mal empfand sie etwas für einen Jungen, und plötzlich
war sie mit diesem Jungen zusammen, der für sie sonst immer
unerreichbar gewesen war. Yu-hees Welt musste sich verändern. Sie
fand sich in einer Gruppe seltsamer Jungen wieder, entdeckte Orte, die
sie vorher nicht kannte, und beobachtete beiläufig, was sie taten. Sie
hörte, dass »nur coole Leute so etwas tun«.
Sie fand in der Community ein weiteres Foto, das offensichtlich
heimlich aus einiger Entfernung aufgenommen worden war, und Jinhos
Namen als Urheber des Posts. Zuerst hielt sie das für völlig falsch
und unmöglich. Aber als sie Jin-ho bat, das Foto und den Beitrag zu
entfernen, argumentierten er und seine Freunde, dass man nicht einmal
ihr Gesicht im Detail sehen könne, wo also das Problem sei. So wurde sie
in die Enge getrieben, und sie musste sich mit den Gerüchten
auseinandersetzen. Sie konnte die Gerüchte nicht abschütteln, dass sie
ein Mädchen sei, das nur so desinteressiert und unschuldig tue. Es
dauerte nicht lange, bis sie an der Schule als das seltsame Mädchen, das
leicht zu haben ist bekannt war.
»Lass uns auch in der Oberschule gut miteinander auskommen«, sagte
Lee Jin-ho zu ihr. Genau dieser Satz war es, der sie dazu brachte, die
Yeonpung-Mittelschule und das Stadtzentrum zu verlassen. Anstatt
automatisch auf die Yeonpung-Oberschule zu wechseln, entschied sie
sich für eine andere Schule in einem etwas abgelegeneren Viertel. Als
Ausrede gab sie an, dort bessere Noten bekommen zu wollen. Sie hatte
niemandem von ihrem Geheimnis erzählt. Wenn er nicht mehr in
Sichtweite wäre, würde sie sich automatisch wohler fühlen, und er
würde sie nicht mehr belästigen.
Aber Ian war kleiner, als sie gedacht hatte. Es war nicht mehr so
schlimm wie zuvor, weil sie ihn nicht mehr jeden Tag sehen musste.
Doch sie konnte ihm nicht entkommen. Ihre Bilder kursierten immer
noch in der Community, außerdem postete er ständig neue von anderen
Mädchen. Und dann waren da noch seine Kumpels, die immer wieder
kichernd ihre Kommentare unter die Fotos setzten und wieder löschten.
Das ging ihr nicht aus dem Kopf, und sie hoffte oft, dass die Welt
morgen, übermorgen oder zumindest in naher Zukunft untergehen
würde. Dann beschloss sie, die Stadt zu verlassen.
Jedes Mal, wenn Yu-hee von einem Verbrechen mit versteckter
Kamera erfährt, unterbricht sie ihre Arbeit, hört zu und versucht, ihre
Aufregung zu verbergen. Sie vernimmt Namen in den Nachrichten und
glaubt fast, den einen zu hören, den sie nie vergessen kann – den
Namen, der sie immer wieder in die Vergangenheit zurückversetzt.
Manchmal, wenn in den Nachrichten über einen großen Fall berichtet
wird, sucht sie in dem verschwommenen Mosaik aus Fotos und Videos
nach Lee Jin-ho. Sein strahlendes Gesicht, der Ausdruck in seinen
Augen – sie leuchteten damals, als er ihr in die Augen schaute. Wie sehr
muss er sich seitdem verändert haben.
Gleich nach ihrem Schulabschluss zog sie nach Sejin und traf viele
neue Menschen. Lee Jin-hos Gesicht scheint zu verblassen, doch wie aus
dem Nichts tauchen immer wieder Männer auf, die sich genauso
verhalten wie er. Sie bringen Yu-hee zurück an ihren Platz in der
mittleren Reihe eines heruntergekommenen Klassenzimmers am ersten
Schultag der neunten Klasse.
Sommer liegt in der Luft. Yu-hee steht mit einer karottenförmigen,
orange und grün bemalten Gießkanne im Hof und blickt eine Weile auf
den Boden zu ihren Füßen. Alle übergriffigen Männer scheinen durch
eine unsichtbare Leitung über ihren Köpfen miteinander verbunden zu
sein. Eines haben sie gemeinsam: Die Ziele ihrer Gefühlsausbrüche sind
vorbestimmt. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, der sich bei allen
zufällig betroffenen Frauen wiederholt, muss der Auslöser gefunden
und spurlos beseitigt werden. Yu-hee denkt an die Frauen, die sie durch
den Pflanzen-Shop kennengelernt und weiter begleitet hat. Zu kaum
einer hat sie noch regelmäßigen Kontakt. Und doch kann sie das letzte
Gespräch mit jeder einzelnen nicht vergessen, nicht einmal ihren letzten
Gesichtsausdruck. Ob sie alle ihren Frieden gefunden haben?
Sie kippt die gefüllte Gießkanne. Der Schwerpunkt ihres Handgelenks
verlagert sich, und das Wasser rinnt durch das kleine Loch. Und was ist
mit mir? Ich stehe hier und frage mich, ob ich das, was ich für mich tun
muss, nicht schon längst hätte tun sollen. Ein paar Wassertropfen sind
an der Gießkanne entlang auf ihre Füße gespritzt. Ihre Zehen fühlen sich
feucht an, aber sie bewegt sich nicht und schüttelt das restliche Wasser
ab. Sie ist bereit, sich von dem Trauma zu verabschieden.
Aber wie? Mit welcher Methode? Einfach in meine Heimatstadt
zurückkehren? Das Jahrbuch der Mittelschule durchblättern, das ich
noch nie aufgeschlagen habe? Nach dem Wechsel auf die Oberschule,
die nichts mit der Yeonpung-Mittelschule zu tun hatte, freundete sie sich
mit niemandem an. Denn sie hatte nur noch einen Gedanken: die Stadt
zu verlassen. Die vielen Pflanzen, die sie in ihrem Zimmer und im Hof
hatte, gaben ihr in dieser Zeit Halt. Im Laufe der Jahre zogen viele dieser
Pflanzen in ihre Wohnung, ihr Büro und ihren Laden ein und wurden
Teil ihres Lebens. Sie blieben viele Jahre bei ihr.
In ihrer Heimatstadt ist ihre Familie, aber das war es auch schon. All
ihre Erinnerungen an diese Stadt, die sie liebte und verehrte, endeten im
Frühjahr ihres neunten Schuljahres. Diese Erinnerungen sind für immer
eingefroren. Und sie hat nicht vor, darin zu wühlen. Nach all den Jahren
hat sie keine Lust, dorthin zurückzukehren und nach ihm zu suchen. So
denkt sie sich im Laufe der Jahre Dutzende, vielleicht Hunderte von
Möglichkeiten aus, wie sie ihn finden könnte.
Die heißen Tage mit hoher Luftfeuchtigkeit haben begonnen, und schon
nach kurzer Zeit im Freien rinnt der Schweiß in Strömen. Mit
Luftentfeuchter und Klimaanlage bereitet sich Yu-hee darauf vor, gut
durch den Sommer zu kommen. Auch in diesem Jahr gibt es Pflanzen,
die das Auf und Ab des Frühlings überlebt haben und nun endlich ihre
großen Blätter austreiben. Für sie sucht sie den richtigen Platz für den
Sommer und bringt an einigen Fensterscheiben die dünne
Sonnenschutzfolie an.
Sie schiebt alle Folienreste auf dem Arbeitstisch beiseite und zieht das
Teppichmesser aus der Schürzentasche. Licht ist in dieser Jahreszeit
genauso wichtig wie Feuchtigkeit. Schon von Weitem sieht sie den
Helligkeitsunterschied zwischen dem Fenster mit und ohne Folie. In
diesem Sommer will sie das Licht noch mehr kontrollieren als im letzten
Jahr. Deshalb hat sie eine große Rolle gekauft. Um die letzte Folie
abzuschneiden, klickt sie das Teppichmesser auf. Gleichzeitig mit dem
Klicken vibriert ihr Handy, das sie mit dem Display nach unten an den
Rand des Tisches gelegt hat. Sie blickt kurz in die Richtung, konzentriert
sich aber schnell wieder auf die Folie. Sie erwartet keinen dringenden
Anruf. Höchstens eine Anfrage, eine Rechnung oder eine Spam-SMS,
denkt sie.
Doch das Gerät vibriert immer weiter, während sie die Folie auf ganzer
Länge durchschneidet. Mit dem Messer in der Hand starrt sie eine Weile
auf ihr nun wieder ruhiges Handy. Es war also kein Anruf, sondern
mehrere Nachrichten. Da der Laden heute geschlossen ist, kann sie die
eigentlich ignorieren. Ob die Keramiktöpfe angekommen sind, die ich
neulich bestellt habe? Sie legt das Messer auf den Tisch und greift nach
ihrem Handy.
Der Absender der Nachricht ist bei ihr nicht gespeichert. Sie öffnet die
Nachricht.
Ist das die Nummer von Frau Choi Yu-hee?
Könnte es ein Paketdienst sein? Sie schaut sich alle Nachrichten an, die
so schnell hintereinander eingegangen sind.
Sie schluckt, als sie die Initialen eines Namens ausmacht. Habe ich
jemals etwas anderes als meinen Namen in mein Shop-Konto
eingegeben? Ohne weiter nachzudenken, zuckt ihre Hand. Sie wählt die
elfstellige Nummer, und die Anruftaste erscheint groß auf dem Display
ihres Telefons.
»Hallo?«
Die Stimme, die sie ihr Leben lang nicht vergessen wird, hat sich
überhaupt nicht verändert. Sie dringt nun an ihr Ohr. Yu-hee holt tief
Luft.
Yu-hee hinterlässt keine Spuren. Schon als Kind hat sie sich angewöhnt,
immer dort aufzuräumen, wo sie gesessen oder gelegen hat. Diese
Gewohnheit hat sie bis ins Erwachsenenalter beibehalten. Niemand hat
es ihr beigebracht, aber sie hat es gelernt, weil ihre Mutter ständig in
ihrem Geschäft war. Der Haushalt blieb immer liegen. So sehr sich ihre
Mutter auch bemühte, sie konnte nicht alles schaffen. Als Yu-hee alt
genug war, selbst zu denken, kümmerte sie sich um das, was ihre Mutter
nicht schaffte.
Wenn sie etwas benutzt, muss sie es wieder zurückbringen. Wenn sie
etwas bastelt, muss sie hinterher aufräumen und alles, was übrig bleibt,
wegwerfen. Nur dann fühlt sie sich wohl. Man kann nicht immer alles
fein säuberlich halten, aber zumindest versucht sie, das Vorher und das
Nachher nicht zu weit auseinanderklaffen zu lassen. Als Kind hat sie
gemerkt, dass es ein Teufelskreis ist, wenn die Unordnung zu lange
anhält. Am Ende ist sie es, die da liegt, isst und lebt. Diese Gewohnheit,
die sie schon sehr lange pflegt, spiegelt sich auch im Pflanzen-Shop
wider. Was hier geschieht, darf ebenfalls keine Spuren hinterlassen.
Es macht ihr nichts aus, wenn sie Erde und trockene Laubreste an
Händen, Füßen, Kleidung und Haaren hat. Aber sie kann nicht anders,
als sich zwischendurch die Hände zu waschen und den Dreck von ihren
Turnschuhen abzuschütteln. Ständig kontrolliert sie ihre
zusammengebundenen Haare, damit sie nicht herunterfallen und ihr
die Sicht versperren oder Schmutz anziehen. Schmutz an sich ist nicht
schlimm. Wichtig ist nur, dass er hinterher verschwindet. Egal, wie
schmutzig sie sich gemacht hat, wenn sie in ihren Lieblingsraum, den
Laden, geht, kontrolliert sie ihre Kleidung. Das gilt auch umgekehrt. Sie
will nicht, dass das, was in diesem Raum passiert, nach außen dringt.
So hat sie wohl auch die Krisen überstanden, als alle Pflanzen im Laden
unter Pilzmücken litten und plötzlich hier und da von Spinnmilben
befallen waren. Sie konnte nicht alle Schädlinge fernhalten, die den
Pflanzen und dem Boden die Nährstoffe wegfraßen. Es kostete sie viel
Überlegung, aber wenn das Problem einmal da war, konnte sie es lösen,
ohne Spuren zu hinterlassen.
Könnte ich das noch einmal schaffen?
Sie schaut auf ein paar namenlose Pilze, die dank der schwankenden
Luftfeuchtigkeit aus ein paar Töpfen sprießen, und denkt nach. Es ist
Frühsommer, die Regenzeit hat noch nicht begonnen, und die Tage sind
heiß und schwül. Nach den Regenfällen ist es trotz der hohen
Luftfeuchtigkeit meist heiter, aber in diesem Sommer scheint es anders
zu sein. Durch den Klimawandel verändert sich das Wetter jedes Jahr ein
wenig. Yu-hee ist wetterfühliger als die meisten anderen und relativ gut
auf die Veränderungen vorbereitet. Trotzdem kann sie dem plötzlichen
Befall nichts entgegensetzen.
Die Pilze haben lange, dünne Stiele, die von einem winzigen,
schirmartigen Hut gekrönt werden. Dieser wird sich bald vollständig
öffnen. Der größte Pilz ist gut sichtbar, aber die daneben sind selbst bei
genauer Betrachtung kaum zu erkennen. Gestern Abend war noch
keiner zu sehen. Die weißen Stiele hängen gebündelt an der Seite des
Topfes. Yu-hee kennt diese Art noch nicht.
Pilze gehören nicht zu ihrer Expertise. Aber sie weiß, dass sie den
Pflanzen, auf denen sie parasitieren, nicht viel anhaben können.
Manchmal findet sie in den Bergen oder auf dem Feld welche, die an
Holzpfählen wachsen. Das findet sie gut und freut sich darüber. Man
sollte sie nur nicht pflücken und essen. Das Problem ist nur, wenn man
sie in Ruhe lässt, erobern sie im Nu mehrere Töpfe. Dann kann man bald
nicht mehr unterscheiden, ob man Pilze züchtet oder Pflanzen pflegt. Es
ist ein Laden und kein Berg, kein Feld und auch keine Wiese. Kinder
kommen nicht oft, aber doch manchmal hierher, und die
Wahrscheinlichkeit, dass ein neugieriger Erwachsener die Pilze
wenigstens einmal anfasst, ist nicht zu unterschätzen.
Pilze, die neben den Pflanzen wachsen, sollten sofort entfernt werden.
Ab und an verbleiben auch Sporen in der Erde. Deshalb muss ein Teil der
Erde ausgetauscht werden. Yu-hee setzt sich auf einen Hocker und
macht sich an die Arbeit. Durch die Silikonhandschuhe spürt sie die
pralle, klebrige Konsistenz. Die Pilze sind so zerbrechlich, dass sie
zerdrückt werden, wenn man sie berührt. Durch diese besondere
Beschaffenheit lassen sie sich nur mühsam entfernen.
Während sie die Pilze vorsichtig herauszieht, wandert ihr Blick hin und
wieder zu dem großen Gummibaumtopf, wo sie ihr Handy hingelegt hat.
Ihre Smartwatch, die sie normalerweise bei der Arbeit ablegt, trägt sie
immer noch. Sie würde sofort sehen, ob sie eine Benachrichtigung
bekommen hat, doch trotz allem fühlt sie sich ein wenig beunruhigt.
»Mein Büro ist ganz in der Nähe, also komme ich diesen Monat mal
vorbei, wie du gesagt hast. Ich hätte nie gedacht, dass du in Sejin sein
würdest.«
Yu-hee erinnert sich an das Gespräch mit Lee Jin-ho, und ihre
Handflächen werden feucht. Es klang so beiläufig, als hätte er erst vor
einer Woche mit ihr gesprochen. Sie wollte die Vergangenheit nicht
gleich zur Sprache bringen. Aber die Chance, auf die sie gehofft hatte, ist
da. Mehr als fünfzehn Jahre lang hatte sie diese Situation immer wieder
in ihrem Kopf durchgespielt. Und bis er die Schwelle dieses Ladens
überschreitet, darf sie sein Misstrauen nicht wecken.
Aber der Anruf kam zu plötzlich, und sie konnte in der kurzen Zeit
nicht alles bedenken. Er hatte zwar gesagt, sein Büro sei in der Nähe,
aber würde er wirklich kommen? Und wenn ja, allein oder mit
Freunden? Es war ein Fehler, nicht zu fragen, wann genau und ob er
jemanden mitbringen würde. Dieser Fehler hat sie nun in diese Situation
gebracht, und sie wartet auf seinen Anruf.
Unwillkürlich macht sie Fäuste, und die kleinen Pilze zerfallen in ihren
Händen.
»Hallo, ist hier jemand?«, ruft ein Mann.
Yu-hee ist gerade in ihre Arbeit auf dem Hof vertieft, als sie hört, wie
der Riegel am Zaun sich bewegt. Erschrocken wendet sie den Kopf. Zu
ihren Füßen ragen zwei Finger in die Höhe, die sie noch nicht ganz
eingegraben hat.
Wegen des Baustellenlärms am anderen Ende der Gasse ist es schwer,
über den Zaun hinweg etwas zu hören. Aber sie ahnt, dass jemand
gekommen ist und einen Blick in den Laden wirft. Nein, das darf nicht
wahr sein. Sie legt die Schaufel beiseite, tritt auf die Reste, die aus dem
Boden hervorlugen, und wirft grob eine Handvoll Erde darauf. Mit
angehaltenem Atem blickt sie zum Eingang.
»Hallo, ist hier jemand?«
Für einen Moment verstummt der Baulärm, und eine Stimme dringt
klar und deutlich an ihr Ohr, die sie nur zu gut kennt.
»Ich bin Cha Do-kyung von der Polizeiwache Sejin. Frau Choi, sind Sie
da?«
Yu-hee schluckt schwer. Sie weiß nicht, warum er gerade jetzt kommt.
Habe ich einen Fehler gemacht? Nein, das kann nicht sein. Ist er Jin-hos
Spur gefolgt? Nein, auch das ist unmöglich. Er kennt ihn nicht.
Sie spürt ihren schnellen Herzschlag in den Ohren. Ganz ruhig, Choi Yuhee.
Du weißt nicht, was los ist, aber du musst die Situation jetzt in den
Griff bekommen. Sie blickt hinunter auf die Stelle, an der die Erde
durcheinandergewirbelt ist. Ihre Aufräumarbeiten sind noch nicht
abgeschlossen. Es dreht ihr den Magen um, weil dieser Ort im Moment
nicht perfekt ist.
»Ja, einen Augenblick bitte.«
Nach ihrer Antwort setzt der Baustellenlärm wieder ein. Do-kyung tritt
ein paar Schritte vom Zaun zurück und lauscht auf das Brummen des
Baggers.
Eigentlich ist er nicht aus einem bestimmten Grund gekommen. Es ist
eher der Gedanke an diesen Ort, der ihm beinahe Bauchschmerzen
bereitet. Er wollte nur noch einmal nach dem Rechten sehen. Vielleicht
würde er ja noch einen Hinweis finden. Als er am Eingang der Gasse
stand, nestelte er nervös an dem Notizbuch in seiner Tasche herum.
Langsam ärgerte er sich über sich selbst. Dann fiel sein Blick auf einen
seltsamen aschfarbenen Stoff, der über einem großen Schaufenster
hing. Das sah verdächtig aus. Unbewusst beschleunigte er seine Schritte.
Aschfarbene Planen und Absperrgitter sind auf Baustellen an der
Tagesordnung, aber irgendetwas stimmt hier nicht. Ein leises Rumpeln
hinter ihm veranlasst ihn, sich unwillkürlich umzudrehen. Er sieht die
lange Schaufel eines Baggers und wendet sich dann wieder zu den
Planen und Stahlzäunen um, die den Laden umgeben. Bauen die hier
an? Aber dafür ist es zu ruhig. Die Plane ist für die Baufahrzeuge viel zu
eng gespannt. Sie sieht aus, als würde sie beim kleinsten Kratzer
auseinanderfallen.
Mehrere Abschnitte des Eisenzauns sind zu einem provisorischen
rechteckigen Tor verbunden. Das muss der Eingang sein. Er drückt
vorsichtig dagegen, aber er öffnet sich nicht. Dann spürt er, dass jemand
dort drin sein muss, und es kribbelt in seinem Bauch.
Kurz darauf hört er, wie sich der Riegel öffnet, und Yu-hee steckt ihren
Kopf durch den Spalt.
Er starrt auf ihre staubigen Haare und ihr Gesicht.
»Was kann ich für Sie tun? Wir haben heute nicht geöffnet.«
»Ach, ich war zufällig in der Gegend. Ziehen Sie um? Oder renovieren
Sie?«
Sie beißt sich absichtlich auf die Lippe, um ihr Unbehagen zu zeigen.
»Ja, es ist eine Art Baustelle, ich muss noch einiges aufräumen. Aber
wenn man schon in einen Laden gehen will, sollte man sich dann nicht
wenigstens vorher informieren?«, sagt sie und zieht ihr Handy aus der
Tasche. Er hört ihr ruhig zu, aber sein aufmerksamer Blick wandert über
ihre Schulter und fällt auf den wild aufgewühlten Boden.
»Ist die Baustelle so groß, dass der ganze Hof umgegraben werden
muss?«
»Ich fürchte, Sie haben mir gerade nicht richtig zugehört«, antwortet
sie kühl, und für einen kurzen Moment sieht er die Unsicherheit in ihren
Augen aufblitzen. Vordergründig wirkt sie locker, aber ihr
Gesichtsausdruck ist irgendwie von Besorgnis durchdrungen. Sie ist
anders als sonst. Was hat es mit dieser plötzlichen Baustelle auf sich?
»Ich habe eine seltsame Pflanze gefunden«, sagt er, ohne auf ihre
Antwort zu achten.
Sie sieht ihn an und tritt einen Schritt zurück, um die Tür zu schließen.
Sie hat keine Zeit zu verlieren. Bei dieser Luftfeuchtigkeit kann sie sich
keine Verzögerung leisten. Er fährt fort:
»Wussten Sie, dass es Pflanzen gibt, die Menschen töten?«
Bei dieser Frage hält sie inne. Dann starrt sie ihn mit ausdruckslosem
Gesicht an und antwortet:
»Alle Pflanzen enthalten eine kleine Menge Gift.«
»Deshalb wollte ich Sie etwas fragen. Sie kennen sich doch mit Pflanzen
super aus«, sagt er, sich vortastend, und freut sich, weil er einen Treffer
gelandet hat.
Yu-hee studiert seinen Gesichtsausdruck. In seinen Augen lassen sich
Emotionen leicht ablesen. Sie sind voller Neugier und sehen aus, als
wäre er von etwas überzeugt. Die Wut, die sie bei ihrer letzten
Begegnung auf der Polizeiwache beobachtet hat, ist verschwunden. Als
sie diese Veränderung bemerkt, ändert sie ihren Plan. Sie öffnet die Tür
und winkt ihn herein.
»Wie man sieht, ist der Hof ein einziges Durcheinander, man muss
über den Baum da drüben steigen, um hineinzukommen.«
Beim Anblick der Erdsäcke, des Strohs und der dicken Klumpen, die
nach Dünger aussehen, hält er kurz inne, aber dann drängt er sich an ihr
vorbei in den Laden. Sie beobachtet, wie bei jedem Schritt Erde an
seinen Turnschuhen kleben bleibt und sich wieder löst. Dabei schielt sie
zu der Stelle in der Mitte des Hofes, wo die Schaufel liegt.
Der satte, erdige Geruch, den er draußen nicht wahrgenommen hat,
gibt ihm ein seltsames Gefühl. Es ist, als sei er mitten in einen
unbewohnten Wald eingetreten. Der Hof, den er schon so oft besucht
hat, ist komplett verändert und scheint aus einer anderen Welt zu
stammen. Er steigt die Treppe zum Laden hinauf und tastet mit seinen
Augen langsam den Hof von einem Ende zum anderen ab.
»Es ist rutschig da oben, also Vorsicht, ich mache gerade etwas mit dem
Moos«, sagt sie, als sein Blick zu der Schaufel in der Mitte des Hofes
wandert. Er blickt auf seine Füße und spürt den matschigen Boden.
»Ich dachte, drinnen wird gebaut, aber nur der Hof wird wohl neu
gestaltet.«
Sie folgt ihm und klopft sich die Erde von ihrer Kleidung und schüttelt
ihre Haare.
Es ist aufgeräumt wie immer. Eine leichte, kühle Brise aus der
Klimaanlage streift sein Gesicht. Er wundert sich, dass er so mühelos
einen Raum betritt, in dem ihm noch vor wenigen Monaten schwindelig
geworden wäre. Vielleicht liegt es daran, dass er so oft die Pflanzen
betrachtet hat, während er Choi Yu-hee nachspioniert hat.
Sie lässt die Tür offen und geht auf den Tisch zu. Er läuft hin und her,
ganz anders als sonst, und schaut sich alles an. Es gibt viele Pflanzen, die
er noch nie gesehen oder von denen er noch nie gehört hat. In der
Hoffnung, vielleicht ein paar neue Hinweise zu bekommen, zückt er sein
Notizbuch und schreibt die Namen aller Pflanzen auf, die er bisher nicht
kannte. Yu-hee ist erleichtert, heute wird er hier nichts finden.
Sie holt eine Dose Limonade aus dem Kühlschrank und reicht sie ihm.
Erst jetzt hört er auf herumzulaufen, und setzt sich auf den Hocker vor
der Tür. Das Geräusch, als er die Dose öffnet und das Getränk in großen
Schlucken hinunterkippt, erfüllt den stillen Laden. Als er den Kopf hebt,
um sich die letzten Tropfen in den Mund zu schütten, zittern die Blätter
der Pflanze, die direkt neben seinem Nacken zu einem Rankenbündel
zusammengefasst sind. Unwillkürlich greift er danach. Der krautige
Geruch streichelt seine Nase. Er hat ihn schon einmal gerochen.
»Wie geht’s dem Rosmarin?«, fragt sie und beobachtet, wie er mit
verschwitztem Gesicht die Blattspitze berührt. Er betrachtet das Blatt
genauer, als sei ihm gerade etwas klar geworden. Sein Blick fällt auf eine
Lücke zwischen den langen Blättern, die aussieht, als wäre sie
absichtlich herausgeschnitten worden.
Lee Jin-ho griff sich an den Kopf und beugte sich vor, wobei seine
Schulter den Rosmarinstängel berührte. Yu-hee fing die
Rosmarinpflanze flink auf, die auf den Boden zu fallen drohte. Die
schwankende Pflanze kam schnell wieder zum Stehen, aber einige lange
Rosmarinstängel wurden von Lee Jin-hos Körper mitgerissen und fielen
zu Boden.
»Ach?«
Er kämpfte und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Doch ob er
wollte oder nicht, bald sackte er zusammen. Unwillkürlich stützte er sich
mit beiden Händen auf dem Boden ab, und ein paar Blutstropfen fielen
auf seine Handrücken. Er drehte den Kopf und sah Yu-hee an, die auf ihn
eingeschlagen hatte.
Sein kreidebleiches Gesicht schien voller Fragezeichen zu sein, und
seine panischen Augen tasteten langsam den Laden ab. Er versuchte
seine Beine zu heben, aber sein Körper gehorchte ihm immer noch
nicht. Yu-hee sah auf ihn herab, wie er fast am Boden klebte, und trat
einen halben Schritt zurück. Der Schweiß lief ihr über die Handflächen,
und die Schaufel drohte ihr aus der Hand zu gleiten, also umklammerte
sie sie noch fester.
Ruhig blickte sie in seine Augen. Das Gesicht, der Ausdruck, die
Handbewegung, die Stimme – alles war in einer Zeit festgefroren, die sie
am liebsten aus ihrem Gedächtnis gestrichen hätte, wenn sie fünfzehn
Jahre hätte zurückreisen können. Er hatte sich sehr verändert, aber
wenn sie ihm auf der Straße begegnet wäre, wäre sie so fassungslos
gewesen, dass es ihr das Herz aus der Brust gerissen hätte. Genau wie
jetzt.
Langsam ging sie auf die ausgestreckte Gestalt zu und beugte sich dicht
über ihn.
»Sag es noch einmal.«
Er schwieg.
»Sag es.«
Er sah sie an, ohne zu antworten. Sie starrte eine Weile in seine
ängstlichen Augen. Er hatte einen Blick, der ihr sagte, dass er harmlos
und unschuldig war. Sein Gesicht war blass, sogar bläulich, und auf
seinem Scheitel begann sich purpurrotes Blut zu sammeln. Der
Plastikbecher, den er in einem Zug geleert hatte, lag auf dem Boden. Sie
legte die Schaufel beiseite, hob einen Rosmarinstängel vom Boden auf
und steckte ihn in den Wasserkrug auf dem Tisch.
»Was, zum Teufel … warum …«
Mit zitterndem Mund brachte er gerade noch die wenigen Worte
hervor. Sie bemerkte, wie er litt. Ist es nicht absurd, dass ich so lange
gewartet habe, um ihn so zu sehen? Sie lachte bitter.
Doch sie hatte kein Mitleid mit ihm. Sie wollte den Plan nicht ändern, in
den sie so viel Zeit und Mühe investiert hatte. Vielleicht war dieser
Laden genau für heute geschaffen worden. Die Topfpflanzen überall und
diejenigen, die unter den Bäumen im Hof langsam zu Dünger
verrotteten, waren alles Sprungbretter zu diesem Ende. Würde ich
wieder lächeln können? Würde ich für immer die Angst verlieren,
diesem Menschen auf der Straße, in der U-Bahn oder im Bus zu
begegnen?
Lee Jin-ho ließ den Kopf zu Boden sinken. Hätte er gesagt, was sie von
ihm hören wollte, als er den Laden betrat, hätte sie ihn vielleicht gehen
lassen. Hätte er nicht zuerst mit der Geschichte von damals angefangen,
hätte sie sich vielleicht die Zeit genommen, ihm die Worte zu entlocken,
die sie von ihm hören wollte.
»Es war doch schön damals. Du erinnerst dich, oder? Ich meine die Zeit
in der Mittelschule.«
Kaum waren die Worte aus seinem Mund in ihr Ohr gedrungen, da griff
sie nach der Schaufel, die am Blumentopf lehnte, und schwang sie ihm
entgegen. Sie hatte sich vorgenommen, ruhig zu bleiben und alles
sauber und ordentlich zu halten – so, wie sie es immer tat. Doch diese
unerwarteten Worte, die wie ein Riss in ihre Erinnerung fuhren, ließen
alles in ihr zerbrechen. In diesem Moment verlor sie jegliches
Bewusstsein für das, was um sie herum geschah. Sie nahm nicht mehr
wahr, ob er noch stand, ob er das Wasser ausgetrunken hatte, das sie
ihm gereicht hatte, oder was sich hinter ihm befand.
Als er zusammenbrach, sah sie den Rosmarintopf an der Wand
baumeln. Da kam sie endlich zur Besinnung. Reflexartig streckte sie die
Hand aus und bekam ihn zu fassen. Mit einem kurzen Seufzer der
Erleichterung hielt sie einen Moment inne und schaute sich um. Sie
konnte hören, wie ihr Herz in ihren Ohren und in ihrer Kehle raste. Bis
auf den Rosmarin waren die anderen Pflanzen in Ordnung.
Lee Jin-ho, der auf dem Boden kauerte, warf ihr nun einen wütenden
Blick zu. Er versuchte, seine Hände irgendwie zu bewegen, um nach
etwas zu greifen. Doch ihre Hand war schneller.
»Du wagst es, mich zu fragen, ob ich mich erinnere?«, sagte sie, ging in
die Hocke und sah ihm tief in die Augen. »Wie, in aller Welt, kannst du
so etwas sagen?«
Tatsächlich hatte sie darüber nachgedacht, bis er zur Tür hereinkam:
Was, wenn er den ganzen Weg gekommen war, um sich zu
entschuldigen? Was, wenn er die Worte ausspucken würde, die noch nie
aus dem Mund dieser Männer gekommen waren? Was soll ich dann
tun?
Aber mit diesen Gedanken war sie wohl ganz allein gewesen. Sein fest
verschlossener Mund wollte sich nicht öffnen. Er sah sie mit einem
Ausdruck völliger Unwissenheit und Unschuld an. Als sie in diese Augen
sah, wurde ihr übel.
»Sag es, sag einfach, dass es dir leidtut«, murmelte sie vor sich hin und
hielt ihre Hand einen Moment lang still, bevor sie erneut mit der
Schaufel zuschlug. In diesem Augenblick fielen ihr seine Worte von
früher ein: »Ich tue das nur, weil ich dich mag«, und sie fuhr mit ihrem
Arm so fest sie konnte nach unten.
Du hättest dich zuerst entschuldigen müssen.
Als du über die Schwelle getreten bist, hättest du mich ansehen und
mir sagen sollen, dass du dich entschuldigen möchtest.
Warum, warum schafft ihr es nicht, diesen einen Satz zu sagen?
Das Blut spritzte überall hin, und es war ihr egal. Erst, als sich ihre
Finger verkrampften, ließ sie die Schaufel los. Das Metall klirrte, und sie
blickte auf: Seine Kleidung war von der Schaufel zerrissen worden. Sein
Körper lag auf einer Fläche aus Erde und Kies. Das Ganze sah aus wie ein
kleiner Hügel. Sein Mund würde sich nie wieder öffnen, und seine
Hände würden sich nie wieder bewegen. Diese Hände und Finger hatten
an den Handgelenken der Mädchen gezerrt, ihre Schultern umklammert
und immer wieder auf den Serienbildmodus seines Handys gedrückt. Sie
würden nie wieder in der Lage sein, diese Handlungen zu wiederholen.
Sie zog ihre fleckige Schürze aus, legte sie hin und erhob sich langsam.
Die Uhr schlug gerade vier Uhr nachmittags. Es war erst eine Stunde
vergangen, aber es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Ihre Augen brannten
leicht von den Schweißperlen, die ihr über die Stirn rannen.
Blinzelnd ging sie zum Haupteingang und stellte fest, dass sie die
beiden Riegel nicht richtig geschlossen hatte. Ein kalter Schauer lief ihr
über den Rücken. Wie konnte ich nur so nachlässig sein? Obwohl es ihr
freier Tag war, wusste sie nicht, ob jemand vorbeikommen würde, der
den Hinweis im Internet vielleicht nicht gesehen hatte. Zitternd
befestigte sie den Riegel. Sie sah noch einmal auf die Uhr und dachte an
all die Arbeit, die noch vor ihr lag. Es würde Tage dauern, alles
wegzuwischen, zu beseitigen und aufzuräumen. Muss ich zuerst eine
Ankündigung schreiben? Oder sollte ich doch mit dem Zaun anfangen?
Erst als sie sich vor den Spiegel über dem Waschbecken stellte, sah sie,
wie schrecklich sie aussah. Das Leinenhemd war durchgeschwitzt, die
Haare hingen halb offen herunter, die Augen waren gerötet, und
Blutflecken klebten wie Schnittwunden an ihrem Gesicht.
»Das sieht ja übel aus«, murmelte sie und wusch sich die Hände unter
fließendem Wasser. Sie fragte sich, ob die Person, die sie im Spiegel sah,
sie selbst war. In ihrem Leben hatte sie versucht, immer ruhig zu
bleiben, sich nicht über Kleinigkeiten aufzuregen, auch in schwierigen
Zeiten gelassen zu sein, und das war ihr auch gelungen. Doch heute
wurde sie mit dem genauen Gegenteil all dessen konfrontiert.
Langsam lief der Schmutz von ihren Händen ins Becken. Sie drehte den
Wasserhahn etwas weiter auf und wusch sich das Gesicht. Dann
befeuchtete sie die Haarsträhnen, die ihre Augen kitzelten, strich sie
nach oben und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.
Schließlich hob sie den Kopf und blickte wieder in ihr nasses Gesicht.
Wasser und Schweiß klebten an ihrem Nacken, als hätte sie gerade
geduscht, und ihr Gesicht sah immer noch unsauber aus. Sie holte tief
Luft. Einmal, zweimal, dreimal, viermal.
Jetzt ist es vorbei, oder? Endgültig vorbei? Sie setzte gerade zum
fünften Atemzug an, als sich plötzlich etwas in ihrer Brust
zusammenzog. Es fühlte sich an, als würde etwas Heißes aus ihrem
Magen aufsteigen und durch Herz und Speiseröhre wieder austreten.
Sie sackte auf der Stelle zusammen und brach in Tränen aus. Endlich
flossen die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, seit sie aus Ian
fortgegangen war. Endlich ist es vorbei, jetzt ist alles gut. Sie sagte sich
diese Worte, die ihr sonst niemand würde sagen können, und weinte
sich die Seele aus dem Leib. Sie weinte und weinte, als ob sie jetzt, da sie
an einem sicheren Ort war, all die Gefühle loswerden könnte, die sie seit
damals, vor fünfzehn Jahren, als sie sich ihrer Klassenlehrerin
offenbarte, hatte verbergen müssen.
»Ah, Sie meinen den Rosmarin.«
Do-kyung denkt an seine Rosmarinpflanze, die unten schwarz
geworden ist und wie verkohlt aussieht. Als er eines Tages die
geschwärzten Stängel bemerkte, war er peinlich berührt und wusste
nicht, was er tun sollte.
»Ich fürchte, er ist wahrscheinlich tot. Unten ist er schwarz, als wäre er
verfault.«
»Vielleicht haben Sie ihn zu viel gegossen. Wenn Sie heute nach Hause
kommen, schauen Sie sich mal die Wurzeln an.«
»Die Wurzeln?«
»Ob Überwässerung oder Schädlinge: Solange die Wurzeln noch leben,
ist es nicht schlimm. Wenn der Stängel oder der Stiel noch lebt, kann
man ihn ins Wasser stellen«, sagt sie und blickt auf ein Taschentuch auf
dem Tisch. Sein Blick folgt ihrem. Er mustert sie von der Seite, wie sie ins
Leere starrt, ohne etwas zu sagen. Er spürt, wie sich die Süße der
Limonade, die er in großen Schlucken getrunken hat, in seinem Körper
ausbreitet. Dann schlägt er das Notizbuch auf, das er in der linken Hand
hält. Aber sie kommt ihm zuvor.
»Haben Sie die Erfahrung gemacht, von jemandem verfolgt zu
werden?«
Auf die plötzliche Frage hin klappt er sein Notizbuch zu und schaut sie
an. Sie betrachtet sein Gesicht und fährt fort:
»Sie wissen schon, die Art von Erinnerung, die einen immer wieder vor
jemandem weglaufen und zurückschauen lässt.«
Er sieht sie an, seine Augen sind voller Fragen. Sie erwidert seinen Blick
mit einem seltsamen Lächeln. Er hat keine Ahnung, was sie wissen will
und warum sie solche Fragen stellt.
»Nun, unter besonderen Umständen werde ich verfolgt, aber
normalerweise bin ich derjenige, der andere verfolgt.«
»Ist das der Grund, warum Sie mich verfolgen? Weil ich wie ein
Verbrecher aussehe?«
Sie blickt auf das Notizbuch in seiner Hand. Er räuspert sich ein
paarmal und steckt es in seine Tasche.
Schließlich wird es still. Er lehnt sich an den Tresen und beobachtet,
wie sie sich im Laden umsieht. Sie scheint in Gedanken versunken zu
sein. Sie wirkt so fremd wie der Hof, der gerade umgestaltet wird. Ist ihr
in der Zwischenzeit etwas passiert? Auch ihre Gesichtsfarbe hat sich
verändert. Eine unbekannte Kraft scheint von ihr auszugehen. Liegt es
daran, dass sie völlig verschwitzt ist? Oder daran, dass sie nicht mehr die
gewohnte Korrektheit ausstrahlt? So sehr er auch darüber nachdenkt, er
findet keine Antwort.
Langsam schaut er sich noch einmal um und fragt sich, ob der Laden
sich verändert hat, aber ihm fällt nichts auf. Es ist so ordentlich und
aufgeräumt, wie er es in Erinnerung hat, kein Blatt, keine Handvoll Erde,
die aus Versehen heruntergefallen wäre, ganz im Gegensatz zu dem
Chaos draußen. Irgendetwas muss sich verändert haben, aber er kann
nicht genau sagen, was.
Sein Blick bleibt an dem Rosmarintopf hängen. Im Gegensatz zu seiner
Pflanze im Büro sind die Blätter hier prall und sattgrün. Vielleicht
kommt sein komisches Gefühl daher, dass er hier eine ihm vertraute
Pflanze sieht, die er jeden Tag beobachtet und pflegt. Er blinzelt ein
paarmal.
»Nun, es sieht so aus, als wären Sie heute beschäftigt, also komme ich
ein anderes Mal wieder«, bricht er als Erster das unangenehme
Schweigen. Sie blickt zu ihm, wie er den Rosmarin betrachtet, und sagt:
»Ihr Rosmarin macht Ihnen wohl Sorgen.«
Er wendet den Blick überrascht ab und antwortet:
»Nein, nein, das ist es nicht. Ich habe nur darüber nachgedacht, wie ich
dafür sorgen kann, dass meiner auch so gut gedeiht.«
»Na, wenn das so ist, dann bringen Sie ihn doch das nächste Mal mit.
Ich glaube, Sie werden mir sowieso wieder über den Weg laufen.«
Er schaut verwirrt, als hätte man ihn bei etwas ertappt. Heute ist sie
wirklich ein bisschen seltsam, denkt er und erinnert sich, wie
unbeeindruckt sie neulich auf der Polizeiwache war. Heute hat er einen
ähnlichen Eindruck von ihr. Er runzelt nachdenklich die Stirn, und sie
fügt hinzu:
»Ich glaube nicht, dass Sie das wissen, aber Frauen sind es gewohnt, so
zu leben. Man muss deshalb einen Weg finden, da rauszukommen.«
»Wie bitte?«
Statt einer Antwort lächelt sie ihn nur an, und er neigt stirnrunzelnd
den Kopf. Gerade will er sie fragen, was sie damit meint, als das Handy in
seiner Hand vibriert. Er wirft ihr einen misstrauischen Blick zu und
nimmt das Gespräch an.
»Ja, hier ist Cha Do-kyung. Ach ja, einen Moment …«
Mit dem Handy am Ohr verabschiedet er sich von ihr und geht zur Tür.
Telefonierend verlässt er den Hof. Sie verschließt fest das Eisentor und
vergewissert sich, dass es zu ist, bevor sie in den Hof zurückkehrt und
die Schaufel aufhebt. Die Sonne geht gerade unter, also muss sie sich
beeilen.
Nach und nach gehen die Straßenlaternen in der Gasse an. Sie
betrachtet den schwachen Schein der Laternen über ihr und versucht,
die Zeit abzuschätzen. Die Sommersonnenwende ist schon lange vorbei,
aber die Sonne steht jeden Tag hoch und weit am Himmel, als wolle sie
so lange wie möglich auf ihren Besitz pochen, um dann wieder zu
verschwinden. Es ist noch Zeit, bis die totale Dunkelheit hereinbricht.
Yu-hees Handgelenk bewegt sich rhythmisch, ruhig, aber schnell.
Draußen vor dem Laden ist kein Laut mehr zu hören.
All die Dinge, die aus der Erde verstreut hervorlugten, sind nun in der
Tiefe verschwunden. Sie legt die Schaufel beiseite und hebt die Hacke
auf. Die Spitze der kleinen Hacke, die sie nur ein paarmal im Jahr
benutzt, eignet sich sehr gut, um diese Art von Arbeit abzuschließen. Sie
glättet den Boden überall dort, wo sie ihn berührt.
Bald senkt sich die Dämmerung über den Hof. Ihr Schatten breitet sich
über die sauber bearbeitete Erde aus, als wäre nichts geschehen. Sie
schaut auf den Boden unter ihren Füßen, der immer tiefer zu sinken
scheint. Plötzlich wird ihr schwindelig, und sie stolpert ein wenig.
Die Brise, die den ganzen Tag geweht hat, ist abgeflaut, und es liegt eine
gewisse Feuchtigkeit in der Luft. »Gleich wird es regnen«, murmelt sie
vor sich hin, wirft die Hacke weg und lässt sich in der Mitte des Hofes
nieder. Die Feuchtigkeit des Bodens zieht vom Gesäß bis zu den Waden,
doch es fühlt sich nicht unbehaglich an. Yu-hee atmet tief ein und aus.
Der unangenehme Geruch, der sich unter die vertrauten Düfte der Erde
gemischt hat, ist bald ganz verschwunden.
Immer wieder rutschen ihre Hände in die lockere Erde, aber das macht
nichts, denn sie kann sie im Handumdrehen abklopfen. Sie hat die schon
unkenntlichen Stücke so tief wie möglich vergraben, dass sie mit den
Händen nicht mehr zu erreichen sind. Bald wird sie den Namen des
unter ihr Begrabenen vergessen haben.
Plötzlich kitzelt ein leichter Windstoß ihr Haar, kurz darauf setzt ein
Regenschauer ein. Sie hört die ersten Regentropfen prasseln, spürt die
frische, kühle Luft, die der Regen mit sich bringt, und starrt lange in den
unbeleuchteten Laden.