Plant Lady by Minyoung Kang Chapter 05

DIE AGAVE
Ein Mitglied des Kripo-Teams 2 bemerkt Do-kyungs innere Unruhe und
versichert ihm, dass es eine einfache Angelegenheit sei, mit der man
sich nicht aufhalten müsse. Doch sein Körper ist schneller als sein Kopf.
Er springt in den Wagen und drückt das Gaspedal kräftig durch.
Gestern Abend brannte es in der Teeküche im dritten Stock des
ShinilGebäudes aus ungeklärter Ursache. Es handelte sich um ein kleines
Feuer, das außer in der Teeküche keinen Schaden anrichtete und schnell
gelöscht werden konnte. Der Feuerwehrmann, der nach dem Notruf
eintraf, vermutete einen elektrischen Defekt. Dafür gab es gute Gründe.
Das Gebäude beherbergte mehr als ein Dutzend kleine Firmen und war
rund um die Uhr zugänglich. Es gab keine Anzeichen für etwas
Verdächtiges, aber eine Routinekontrolle war angebracht. Die zuständige
Polizeistation Sejin überprüfte umfassend die Aufzeichnungen der
Überwachungskameras der umliegenden Straßen, des Gebäudes selbst
und der Firma Onsem im dritten Stock.
Als die Feuerwehr eintraf, öffnete sie die Tür zur Teeküche und fand
drei tote Männer vor. Eine Obduktion sollte Klarheit bringen, aber nach
den herumliegenden Schnapsflaschen und Snacks zu urteilen, starben
die Betrunkenen vermutlich an einer Rauchvergiftung. Als Do-kyung
nach Eingang der Meldung am Unglücksort ankam, konnte er nichts
Ungewöhnliches feststellen. Todesfälle durch Ersticken aufgrund von
kleinen Bränden, die oft durch Kurzschlüsse verursacht werden, sind
relativ häufig. Es gab keine Anzeichen für menschliches Einwirken,
keinen Hinweis auf Einbruch oder Brandstiftung.
Das Merkwürdige fand sich an der undenkbarsten Stelle. Es war der
Name der Person, die den Brand gemeldet hatte. Als Do-kyung den
Namen Choi Yu-hee sah, erstarrte er auf der Stelle. Zuerst dachte er, es
handle sich um eine Namensgleichheit, aber als er die Nummer auf der
Visitenkarte des Pflanzen-Shops überprüfte, wurde ihm klar, dass es
tatsächlich genau die Choi Yu-hee war.
Konzentriert hörte er sich den etwa zwanzig Sekunden langen
Mitschnitt des Anrufs an. Choi Yu-hee meldete einen Brand im dritten
Stock des Gebäudes. Ihre Stimme klang etwas aufgeregt, aber es
schwangen keine großen Emotionen mit. Sie sprach wie üblich in ihrem
ruhigen, kühlen Tonfall. Wieder und wieder hörte er sich das Band an. In
seinem Bauch kribbelte es. So eine Chance würde sich nie wieder bieten.
Als Yu-hee am frühen Morgen zur Polizeistation einbestellt wurde,
durchsuchte er noch einmal den Tatort. Ursprünglich wollte er nicht
lange bleiben, da es nachts passiert war und nichts auf Brandstiftung
hindeutete. Er änderte jedoch seine Meinung, als er erfuhr, dass Choi
Yuhee die erste Anruferin gewesen war. Obwohl die Polizei den Tatort
verlassen hatte, suchte er weiter nach Hinweisen, die sie übersehen
haben könnten. »Jeder Tatort ist ein Meer an Beweisen.« Diesen Satz
hatte er während seiner Ausbildung Hunderte Male gehört. Er ließ alle
Überwachungskameras in der Umgebung überprüfen und wartete
gespannt auf die Ergebnisse.
Jetzt schlängelt er sich mit heulender Sirene fast akrobatisch durch den
dichten Berufsverkehr und erreicht in kürzester Zeit das
Polizeipräsidium. Normalerweise herrscht auf den Fluren reges Treiben,
doch im Erdgeschoss, vor allem bei der Kriminalpolizei, ist es
mucksmäuschenstill. Erleichtert atmet er auf und schaut auf sein
Telefon, denn er rechnet mit Ärger wegen der anlasslosen Sirenenfahrt.
Noch sucht ihn niemand. Wie sein Kollege vorhin am Telefon gesagt hat,
sind die meisten schon im Einsatz. Er wäre heute sowieso den ganzen
Tag auf der Wache. Es ist unwahrscheinlich, dass seine Kollegen und der
Teamleiter Verstärkung anfordern würden, und so hat er jetzt
Gelegenheit, Choi Yu-hee zu befragen, die Frau, hinter der er seit
Monaten her ist.
Motiviert öffnet er die Tür zum Besprechungsraum. Yu-hee sitzt in
einer Ecke, hebt den Kopf und legt die Stirn leicht in Falten. Sie ist es
wirklich, schießt es ihm durch den Kopf. Ohne ihn aus den Augen zu
lassen, ändert sie schnell ihren Gesichtsausdruck und beginnt zu
sprechen.
»Haben Sie mich vorhin angerufen?«
»Nein, das war ein Kollege. Aber Sie sind schön dageblieben«, antwortet
Do-kyung, legt sein Notizbuch auf den Schreibtisch und starrt sie an.
»Was meinen Sie?«
»Ich wundere mich nur, dass kein Kollege hier ist, aber Sie sind noch
da. Dabei hätten Sie auch nach Hause gehen können«, erwidert er und
beugt sich ein wenig vor, um ihre Reaktion abzuschätzen.
Sie setzt sich mit geradem Rücken auf ihren Stuhl und sieht ihn an. Es
ist das erste Mal, dass sie ihm außerhalb ihres Reviers so gegenübersitzt.
Sie ist sich darüber im Klaren, dass er auf eine Gelegenheit lauert, also
muss sie äußerst vorsichtig sein.
»Nun, dafür gibt es keinen Grund.« Am Ende des Satzes hebt sie ihre
Stimme leicht an und fährt fort: »Ich dachte, Sie wollen etwas über den
Fall wissen, aber ich habe Ihrem Kollegen, der mich vorhin angerufen
hat, schon alles erzählt.«
»Das stimmt, aber ich wollte Sie persönlich etwas fragen.«
»Sie wollen mir doch nicht dieselbe Geschichte erzählen wie beim
letzten Mal …«
»Nein«, unterbricht er sie bestimmt. »Darum geht es nicht, denn Sie
haben bereits gesagt, dass Sie nichts darüber wissen. Meine Frage
bezieht sich auf den Vorfall von gestern.«
»Wie gesagt, ich habe bereits am Telefon alles erzählt. Muss ich das
wiederholen?«
Er schlägt sein Notizbuch auf und liest es vor:
»Geschätzter Zeitpunkt des Vorfalls gegen Mitternacht. Der Notruf ging
um 00:07 Uhr ein, also kurz nach Mitternacht. Er dauerte etwa
einundzwanzig Sekunden, und die Feuerwehr war schnell vor Ort.«
»Sie wissen besser als ich, wie lange der Anruf gedauert hat und wann
die Feuerwehr eingetroffen ist.«
»Deshalb frage ich mich, warum Sie überhaupt dort waren.«
Einen Moment lang herrscht merkwürdiges Schweigen. Sie schüttelt
den Kopf und sieht ihn ungläubig an.
»Habe ich mich gerade verhört?«, fragt sie schließlich.
»Nein, Sie haben mich richtig verstanden. Mich interessiert, warum Sie
die Kreuzung vor dem Shinil-Gebäude überquerten, obwohl Sie dort
weder wohnen noch zur Arbeit gehen, und schon gar nicht um diese
Zeit.«
Nun breitet er vor Yu-hee einige Fotos von Personen aus, die sie kennt.
Ihre Miene verhärtet sich, und sie antwortet etwas verärgert:
»Ich weiß nicht, was Sie denken. Haben diese Personen in irgendeiner
Weise eine Verbindung zu dem Fall, den ich gemeldet habe? Und nur
weil ich in Dosan wohne, muss ich mich doch nicht die ganze Zeit dort
aufhalten, oder?«
Er hört, wie sie jedes Wort mit Nachdruck ausspricht, und hofft, dass sie
unaufmerksam ist und einen Fehler macht. Er hat sie heute nicht ohne
Zuversicht herbestellt. In wenigen Minuten würde die Überprüfung der
Videoüberwachung rund um das Gebäude und auch im Gebäude
abgeschlossen sein. Am frühen Morgen hatte er Officer Park gebeten,
ihm sofort verdächtige Personen zu melden, die gegen Mitternacht in
der Gegend herumgelaufen waren, insbesondere solche, die Choi Yu-hee
ähnelten.
Nervös blickt er zu seinem Handy auf dem Schreibtisch. Sie beobachtet
ihn aufmerksam und lässt die letzte Nacht Revue passieren. Nichts war
schiefgelaufen. Sie hatte alles genauestens vor Ort geplant. Sie ist
überzeugt, dass Cha Do-kyung heute wieder mit leeren Händen
dastehen wird.
»Ich werde jetzt gehen«, sagt sie entschlossen. Er runzelt die Stirn, und
sie steht auf. Reflexartig stellt er sich neben sie. In diesem Moment
klingelt sein Handy, und er strahlt.
»Hallo Do-kyung, hier ist Park. Wegen vorhin …«
Yu-hee lauscht auf die Stimme des Anrufers. Cha Do-kyungs Miene
verfinstert sich, und ihr wird klar, dass sie sich nicht geirrt hat. Was für
ein enttäuschtes Gesicht er macht! Wahrscheinlich ist er zu überrascht,
um seine Gefühle zu verbergen.
Die Überprüfung ergab, dass gegen Mitternacht niemand das Gebäude
betreten oder verlassen hat. Auch eine Suche in der Umgebung ergab
nichts Verdächtiges. Nur auf einer Überwachungskamera in der Nähe
des Unglücksortes ist Choi Yu-hee zu sehen, wie sie mit ihrem Handy auf
das Gebäude blickt und Meldung macht. Das ist alles.
Do-kyung beißt sich auf die Lippe. Das Problem ist nur, dass er sich
seinen Irrtum nicht eingestehen kann. Viel lieber würde er die Frau vor
sich fragen, wie sie damit durchgekommen ist. Wortlos tritt er zur Seite,
um ihr Platz zu machen, und sie mustert ihn. Fast meint sie zu hören,
wie sich alles in seinem Kopf dreht.
Sie läuft den Gang entlang, vorbei an den leeren Büros der
Kriminalpolizei. Ihre Schuhe quietschen auf dem frisch gewischten
Boden. Schweigend sieht Do-kyung ihr hinterher.
Am Ende des Ganges dreht sie sich zu ihm um:
»Übrigens, Herr Kommissar. Ist Ihnen klar, dass Sie überall da
auftauchen, wo ich hingehe?«
Nach diesen Worten streckt Do-kyung den Rücken durch. Sie achtet
jedoch nicht darauf und fährt leise fort:
»Vielleicht ist das alles nur Zufall? Ich habe keine Ahnung, warum Sie
so besessen von mir sind. Aber so klein ist die Stadt nun auch wieder
nicht, also lassen Sie es bitte gut sein.«
Dann wendet sie sich ab und verlässt die Wache. Do-kyung, der ihr
schweigend zugehört hat, ballt die Hand um sein Handy. Das darf doch
nicht wahr sein. Er sollte jetzt weiter seiner Arbeit nachgehen. Doch er
kann sich nicht rühren. Ihre sarkastischen Blicke und der eindringliche
letzte Satz »Lassen Sie es bitte gut sein« gehen ihm nicht aus dem Kopf.
Er bleibt in der Tür stehen, blättert in seinem Notizbuch und geht zu
seinem Schreibtisch. Kurz darauf erhält er eine E-Mail vom
Verkehrsamt, das ihm einige Videoaufzeichnungen geschickt hat. Er
sieht sich eine Datei nach der anderen an, und die Enttäuschung steht
ihm ins Gesicht geschrieben.
Sobald Yu-hee mit angehaltenem Atem die Polizeiwache verlassen hat,
holt sie tief Luft und dreht sich unauffällig um, um sicherzugehen, dass
niemand hinter ihr ist. Zuerst wollte sie ihre Öffnungszeiten als Vorwand
nutzen, um zu verschwinden. Sie ging davon aus, dass er immer
wiederauftauchen und sich ihr in den Weg stellen würde, um über die
letzte Nacht und den Vorfall vor ein paar Monaten zu sprechen.
Glücklicherweise irrte sie sich.
Im Bus, auf dem Weg zu ihrem Geschäft, öffnet sie ihr Handy und
checkt die Nachrichten. Sie will nicht zum Tatort zurückkehren, um
nachzusehen. Jetzt darf sie dem Kommissar Cha Do-kyung keinen
Anlass geben, sie weiter zu verdächtigen. Sie hatte alles so lange und
akribisch vorbereitet, dass ihr kein Fehler unterlaufen konnte. Vor allem
hatte sie darauf geachtet, keine Spuren zu hinterlassen. Kein Wunder
also, dass der Kommissar nichts findet. Er sucht nach Spuren, Fotos,
Fingerabdrücken, was auch immer, innerhalb und außerhalb des
Gebäudes. Aber er wird sie nie finden. Wäre ja noch schöner, wenn sie
welche hinterlassen hätte.
In den Meldungen auf verschiedenen Portalen ist von drei Männern die
Rede. Es werden nur die Nachnamen und das Alter genannt. Alle drei
seien Mitarbeiter der Firma Onsem, einer davon in leitender Position,
heißt es in einer Nachricht. Dies ist der ausführlichste Bericht. Jeden Tag
bricht irgendwo ein Feuer aus, auch in Sejin. Über die Todesfälle im
Zusammenhang mit den Bränden wird in der Regel nicht ausführlich
berichtet. Das gilt besonders für den gestrigen Vorfall, der keine
weiteren Schäden angerichtet hat. Um die Ausbreitung des Feuers zu
verhindern, wählte Yu-hee sofort den Notruf. Sie hatte alles von Anfang
bis Ende geplant, aber nicht damit gerechnet, dass sie am Ende allein mit
Cha Do-kyung sprechen würde, nur weil sie den Brand gemeldet hatte.
Kurz nach ihrer Ankunft im Laden zieht Yu-hee wie üblich die
Jalousien hoch, um die milde Frühlingssonne hereinzulassen. Sie macht
sich einen starken Kaffee, um die Müdigkeit des Vormittags zu
vertreiben, der an ihren Nerven gezehrt hat. Da vibriert ihr Handy. Sie
sieht auf das Display. Es ist eine Benachrichtigung aus einem offenen
Chatroom. Sie schaltet den Ton wieder an und liest, worüber sich die
anderen unterhalten und ob es Neuigkeiten zu dem Fall gibt. Mehrere
Dutzend Benachrichtigungen konnte sie nicht überprüfen, weil sie die
Öffnung des Ladens vorbereitet hat. Sie nimmt ihr Telefon und sieht sich
die aufgelaufenen Nachrichten an.
[Wird dieser Chatroom jetzt aufgelöst?]
[Dieser Room wird jetzt verschwinden, oder?]
[Lasst uns austreten.]
Es sind lauter Nachrichten von Menschen, die nur auf ihre eigene
Sicherheit bedacht sind: Wäre es nicht besser, den Chatroom
aufzulösen? Wenn er nicht mehr existiert, verschwinden doch auch die
Inhalte und Bilder, die hier gepostet wurden, oder? Wir haben doch nur
gechattet, das ist doch in Ordnung, oder? Während Yu-hee durch die
Nachrichten scrollt, wird ihr wieder so übel wie damals, als sie wegen
Myung-ha zum ersten Mal den Chatroom besuchte.
Die Leute tauschen ein paar Nachrichten aus, die auch Yu-hee im
Internet gefunden hat, und hinterlassen dann nur bedeutungslose
Emoticons oder Wörter, bevor sie den Chatraum verlassen. Myung-ha
erzählte ihr einmal, dass sie seit mehr als zwei Monaten nicht mehr gut
geschlafen habe, nachdem sie den Zweck des Chatrooms kannte. Auch
Yu-hee hatte in den letzten Wochen, in denen sie das Geschehen im
Chatroom mitverfolgte, viele Albträume. Die unzähligen Fotomontagen,
bösen Worte und obszönen Gerüchte waren nicht nur für die direkt
Betroffenen wie Myung-ha eine Qual. Auch für Yu-hee als Beobachterin,
die nur auf den richtigen Moment wartete, war es eine Tortur. Auch sie
klickt auf den Button Chatroom verlassen am unteren Bildschirmrand.
Wochenlang hat sie den Atem angehalten und alle möglichen
Geschichten über sich ergehen lassen. Jetzt verschwindet der laute
Raum, der eine ständige Quelle von Nachrichten war, endgültig aus ihrer
App-Liste.
Die nächste Nachricht von Myung-ha erreicht sie erst, als der Frühling
langsam dem Sommer weicht. Überall in der Stadt sehnen sich die
Menschen nach dem Duft des Flieders. An manchen Tagen ist es jedoch
noch so kalt, dass alle ihre dicken Winterjacken tragen. Yu-hee bedauert,
dass die Blütezeit des Flieders von Jahr zu Jahr kürzer wird, und denkt
darüber nach, ob sie besonders lang blühende Sorten pflanzen könnte.
In diesem Moment piept ihr Telefon, und sie erhält eine Reihe von
Nachrichten mit Fotos von Myung-ha. Yu-hee setzt sich auf die
Eingangstreppe und beginnt zu lesen.
Es ist lange her, dass sie voneinander gehört haben, aber Myung-ha
schreibt so, als hätten sie erst gestern miteinander gesprochen. Ihre
Nachrichten sind mit vielen kleinen Blumen- und Gras-Emoticons
versehen, was typisch für sie ist. Yu-hees Mundwinkel ziehen sich vor
Freude nach oben, und sie schaut sich die Fotos genau an.
Auf allen vier Bildern ist im Hintergrund ein kleines Feld zu sehen. Vor
einem kleinen Gewächshaus, das ganz neu und ordentlich aussieht,
reihen sich fröhliche Menschen auf, die vermutlich ihre Familie oder
Bekannte sind. Eines der Fotos ist ein Selfie von ihr, das offenbar vor
ihrem Haus aufgenommen wurde. Yu-hee erkennt sofort die Pflanzen
neben ihr.
Du erinnerst dich doch an all diese hier, oder?
Yu-hee antwortet und nickt:
Ich sehe den Sägeblattkaktus, die Orangenraute und den Geweihfarn. Der
Besenginster hat wunderschöne gelbe Blüten. Man könnte diesen Ort als
die Filiale des Panzen-Shops von Gochang bezeichnen.
Myung-ha schickt ihr sogleich lächelnde Emojis, und Yu-hee lässt sich
sofort davon anstecken. Manchmal steigt ihr der leichte Fliederduft in
die Nase, und sie schnuppert unwillkürlich Luft.
Sie schaut auf die Uhr, als ein paar Leute in die Gasse einbiegen und auf
den Laden zulaufen. Schnell steht sie auf und klopft sich den Hintern ab,
um die Kunden auf der Treppe zu begrüßen. In ein paar Tagen wird es
nicht mehr so kühl sein. Vielleicht sollte sie dann die Klimaanlage
einschalten. Die Blätter der sommerliebenden Pflanzen würden schnell
austreiben und auf den Saisonbeginn warten.
Yu-hee bahnt sich einen Weg an den Kunden vorbei und kehrt an ihren
Verkaufstresen zurück. In einer Ecke liegen in dünnes Papier gewickelte
Reste von dicken Agavenblättern, die sie in der vergangenen Woche
gesammelt hat. Sie hat sie nicht abgeschnitten, sondern sie sind
während des Wachsens abgefallen und daher süßer und duftender als
die Blätter am Stamm.
Die Agave war durch eine plötzliche Veränderung der Umgebung
verkümmert, also schnitt sie ein Stück vom Stamm ab und stellte es ins
Wasser. Bald hatte es Wurzeln geschlagen. Vorsichtig nimmt Yu-hee die
Agave aus einem alten Becher und betrachtet die winzigen jungen
Wurzeln. Sie spürt, dass die Pflanze bald kräftig genug sein wird, um
verschenkt zu werden. Anfangs hat sie gedacht, dass mit einem Teil des
Stammes etwas nicht stimmte, aber im wärmeren Süden wird sie sich
sicher erholen und noch kräftigere Blätter treiben. Die Agave ist keine
pflegeleichte Pflanze, aber in den erfahrenen Händen von Myung-ha
wird sie besser gedeihen.
Yu-hee blickt auf die junge Pflanze, die, verglichen mit einem
Menschen, gerade das Kleinkindalter erreicht hat. Sie erinnert sich an
das Bild eines unbekannten Künstlers, auf das sie eines Tages beim
Surfen im Internet gestoßen ist. Eine Agave im grellen Licht, die den
Sonnenstrahlen standhielt. Dabei sah sie aus, als wäre sie einem
Fantasyspiel entsprungen. Sie strahlte in einem seltsamen,
geheimnisvollen Licht, das sie von innen heraus leuchten ließ. Yu-hee
hat sich das Bild nur flüchtig angesehen, aber es blieb tief in ihrem
Gedächtnis haften. Es schien, als hätte der Zufall Myung-ha in den
Pflanzen-Shop geführt, aber vielleicht war es auch ihr eigenes Glück,
denn sie war immer fröhlich und heiter.
Myung-ha wusste alles über den Pflanzen-Shop. Obwohl sie keine
Verbindung zu Dosan hatte, war sie im letzten Jahr fast genauso oft dort
wie zu Hause oder bei der Arbeit. Der Laden liegt fast eine halbe Stunde
mit dem Bus von ihrem Büro oder ihrer Wohnung entfernt, trotzdem
besuchte sie ihn mindestens viermal pro Woche. Wenn sie nicht gerade
Überstunden machte oder am Wochenende an Workshops teilnahm,
schaffte sie es immer irgendwie, vorbeizukommen.
Manchmal blieb sie lange, aber an Werktagen hatte sie nur ein paar
Minuten Zeit, weil sie als Berufstätige immer unter Zeitdruck stand. Sie
schaute sich nur um und ging wieder, ohne sich eingehender beraten zu
lassen. Yu-hee fiel sie schon beim ersten Besuch auf. Die Augen von
Pflanzenliebhabern glänzten immer beim Anblick der verschiedenen
Grüntöne, so auch die von Myung-ha. Vor allem aber fiel die junge Frau
auf. Sie trug ein gepflegtes hellblaues Hemd und lange, ordentlich
zusammengebundene Haare. Mit ihrer etwas dunkleren Haut wirkte sie
exotisch. Ausländer kamen nicht oft in den Laden, und so überlegte
Yuhee jedes Mal, ob sie sie auf Englisch ansprechen sollte. Sie kam ohne ein
Wort, sah sich alles an und verschwand wieder, bis sie eines Tages eine
Frage stellte:
»Können Sie mir die in einen Karton packen?«
Yu-hee musste sich nun keine Gedanken mehr über die Sprache
machen. Myung-ha sprach so fließend und fehlerfrei Koreanisch, dass
sie kurz innehielt. Als hätte Myung-ha ihre Gedanken gelesen, sagte sie
mit einem breiten Lächeln:
»Ich weiß, was Sie denken! Das fragt sich jeder, der mich zum ersten
Mal sieht: Muss ich Englisch sprechen?«
Ihre Stimme klang hell und fröhlich. Sie blickte auf eine Strahlenaralie,
die vor dem Umtopfen vorübergehend in einem braunen Plastiktopf
stand, und fuhr fort:
»Ich heiße Myung-ha, Park Myung-ha.«
Als Yu-hee sich ihr näherte, roch sie einen schwachen Duft von Flieder.
Sie konnte nicht genau sagen, ob es eine Lotion oder ein Parfüm war,
aber der angenehme Geruch kam ihr vertraut vor. Fast so, als hätte
Myung-ha wieder ihre Gedanken gelesen, kramte sie in ihrer Tasche und
reichte Yu-hee eine Handcreme. Myung-ha verteilte sie sanft auf Yuhees
Handrücken. In diesem Moment fiel Yu-hee wieder die Frage der
Kundin ein.
»Wenn Sie den Karton so tragen können, geht es. Ansonsten ist es
besser, sie noch fester zu verpacken. Was meinen Sie?«
Myung-ha nickte mit leuchtenden Augen. Und so nahm sie die gut
verpackte Strahlenaralie mit nach Hause und topfte sie bald um. Von
diesem Tag an unterhielten sich die beiden immer öfter im Laden.
Obwohl es viele Stammkunden gab, sprach Yu-hee nie länger als nötig
mit ihnen, nur bei Myung-ha machte sie eine Ausnahme. Außer der
Strahlenaralie kaufte sie mehrere kleinere und kompaktere
Zimmerpflanzen. Yu-hee war fasziniert, dass sie bei ihr alle gut
gediehen, sogar die auf Feuchtigkeit und Temperatur empfindlich
reagierenden Pflanzen. Myung-ha zeigte Yu-hee Fotos von ihrer kleinen
Einzimmerwohnung, in der die Pflanzen ordentlich und dicht gedrängt
standen. Unbewusst stellte Yu-hee für Myung-ha im Laden neue
Pflanzen aus, die sie interessieren könnten.
Große und breite Blätter beruhigten Myung-ha. Deshalb liebte sie vor
allem Pflanzen aus den Tropen und Subtropen. Sie wusste wenig über
die Besonderheiten des dortigen Klimas, über den Monsun oder die
Vegetation des Regenwaldes. Aber sie zog den Frühling und die langen,
sonnigen Sommertage den kalten Wintertagen vor und liebte die
Pflanzen, die sich in diesen Jahreszeiten sprunghaft entwickelten.
Für Myung-ha war es eine selbst auferlegte Regel und eine Übung in
Disziplin, sich mit Pflanzen zu trösten. Zwanghaft verfolgte sie ihren
Vorsatz, keine negativen Gedanken oder schlechte Laune mit nach
Hause zu nehmen. Jedes Mal, wenn sie ihre gemütliche grüne Wohnung
betrat, versuchte sie, alle schlechten Gedanken loszuwerden. Obwohl sie
wusste, dass es aussichtslos war, zwang sie sich dennoch immer wieder
zu einem Lächeln, wenn sie vor den glänzenden Blättern stand. So wie
es ihr im Pflanzen-Shop für einen Moment gelungen war, wollte sie es
auch zu Hause schaffen.
Schon als Kind hasste Myung-ha die übertriebene Aufmerksamkeit, die
ihr entgegengebracht wurde. Mitschüler, die sie nur vom Sehen
kannten, tuschelten hinter ihrem Rücken und sagten hässliche Dinge,
die sie nicht vergessen konnte. Mit zunehmendem Alter und dem
gesetzlichen Verbot von Diskriminierung schienen die Überbleibsel der
Vergangenheit zu verblassen. Doch als sie ihren ersten Job antrat,
musste sie sich dem stellen, was sie bis dahin verdrängt hatte.
Als sie Kim Young-ho zum ersten Mal traf, hoffte sie, diesem Mann aus
dem Weg gehen zu können, sofern sie die Stelle bekommen sollte. Als
Abteilungsleiter stellte er im Vorstellungsgespräch keine einzige Frage
zu ihren Qualifikationen oder beruflichen Fähigkeiten. Er interessierte
sich nur für ihr Aussehen. Obwohl ihr Lebenslauf die drei Silben ihres
koreanischen Namens und ihre Personalausweisnummer enthielt,
machte er wiederholt Bemerkungen über ihr ungewöhnliches
Aussehen. Sie sah sich deswegen gezwungen, das Wort Mischling
auszusprechen. »Siehst du, was habe ich dir gesagt? In Korea ist es
unmöglich, so auszusehen«, frotzelte er, zu dem Teamleiter gewandt,
und klopfte ihm dabei auf die Schulter. Myung-ha konnte nur lächelnd
dasitzen. Sie hatte sich nach dem Studium bei vielen Firmen beworben,
und das war ihre letzte Chance. Sie dachte, es gehöre zum sozialen
Leben, so etwas durchzustehen. Solange sie das Vorstellungsgespräch
mit Bravour meisterte, würde es ihr gut gehen.
Im Nachhinein fragte sie sich, ob sie das damals hätte wissen müssen.
Myung-ha war überglücklich, als sie die Stelle bei Onsem bekam, doch
schon am ersten Arbeitstag wurde ihre Freude getrübt, denn Kim Youngho
war ihr direkter Vorgesetzter. Mit ihm wurde es immer schlimmer.
Auch nach der im Arbeitsvertrag festgelegten Probezeit und der
Übernahme in ein permanentes Arbeitsverhältnis änderte sich nichts. Er
bestimmte jeden Handgriff und schikanierte sie bis aufs Blut.
»Wow, du sprichst aber gut Koreanisch. Wie sagt man das auf
Vietnamesisch?«
Er wiederholte dies dauernd, als könne man sie und ihre Fähigkeiten
nur so beschreiben. Sie redete sich ein, dass er eine Ausnahme sei und
nur ihre gute Arbeit zähle. Doch mit der Zeit wurde das Mobbing immer
schlimmer. Kim Young-ho war oft mit zwei Kollegen unterwegs, die ihr
manchmal blöde Witze erzählten.
Sie musste viel ertragen: Seinetwegen musste sie ein paar Worte
Vietnamesisch lernen. Diese Gruppe machte es ihr auch unmöglich, in
ein Reisnudelrestaurant zu gehen. Die Frage, wie sie sich fühle, wenn in
einer Mädchenband eine Sängerin aus ihrer Gegend stamme. All das
konnte sie gerade noch hinnehmen. Was ihr jedoch einen Schock
versetzte, war die Entdeckung des offenen Chatrooms, den sie
eingerichtet hatten.
Sie wollte gerade in Kim Young-hos Abwesenheit Unterlagen zum
Unterzeichnen auf seinen Schreibtisch legen. Es war unklar, ob er den
Chatroom versehentlich auf dem Monitor offen gelassen hatte oder ob
er ihn absichtlich zur Schau stellen wollte. Myung-ha war entsetzt, als sie
die Nachrichten sah, die unaufhörlich hochgeladen wurden. Ein Kollege,
mit dem sie an einigen Projekten zusammenarbeitete, der Leiter der
Buchhaltung, den sie morgens im Aufzug sah, und einige andere, die sie
aus dem Intranet mit Namen kannte.
Es waren ausschließlich Männer, die dienstlich nicht direkt
miteinander zu tun hatten. Der Chatroom war mit einem obskuren
Akronym benannt, und es ging um nichts anderes als um weibliche
Mitarbeiter, nicht um Geschäfte, Aktien oder Anlageinformationen.
Auch Fotos wanderten hin und her. Kim Young-ho hatte ein Foto von
einer Frau von hinten gepostet, und es folgten Kommentare. Als Myungha sie las
, blieb ihr die Luft weg. Sie konnte gerade noch aus dem Büro
ins Treppenhaus fliehen, atmete tief durch und hoffte, dass alles, was sie
gerade gesehen hatte, ein Spuk war, dass sie sich getäuscht hatte.
Doch jedes Mal, wenn sie an seinem Schreibtisch vorbeiging, wurde sie
an die Existenz des Chatrooms erinnert. Kim Young-ho und seine beiden
engsten Freunde aus der Vertriebsabteilung schienen sich nicht einmal
die Mühe zu machen, den Männer-Chatroom zu verbergen. Er trug den
Titel Room Manager, und sie plauderten dort eifrig. Sie hätte die drei
gerne darauf angesprochen, konnte sich aber nicht dazu durchringen.
Sie hatte Angst, dass sich die niveaulosen Witze und abfälligen
Kommentare dann wie eine Wand vor ihr auftürmen und sie den
ganzen Tag verfolgen würden, sobald sie die Beteiligten damit
konfrontierte.
Und außerdem war es ihre erste Arbeitsstelle. Man sollte nach dem
Studium mindestens ein bis drei Jahre in seinem ersten Job bleiben. Erst
wenn man dort gewisse Erfahrungen gesammelt hat, ist es leicht, den
Job zu wechseln. Das haben ihr ältere Kommilitonen und
Kommilitoninnen immer wieder gesagt, bis sie es nicht mehr hören
konnte. Onsem war zwar nicht an der Spitze der Branding-Branche, aber
schon im guten Mittelfeld.
Nachdem Myung-ha von dem Chatroom erfahren hatte, entfernte sie
sich allmählich von allem, was mit Handys zu tun hatte. Sie checkte ihre
Anrufe und Nachrichten nicht mehr so häufig und hörte auf, zu Hause
oder auf dem Weg zur Arbeit Handyspiele zu spielen. Sie schloss alle
Konten in sozialen Netzwerken bis auf eines. Ihr Handy war immer auf
Vibrationsalarm oder stumm geschaltet, und sie war so nervös, dass sie
oft dienstliche Anrufe und wichtige Aufgaben verpasste. Kein Wunder,
dass ihre Arbeitsleistung immer schlechter wurde. Kim Young-hos
Gruppe behandelte sie deshalb noch schlechter.
Sie mied ihr Handy sowie das Internet und verlor allmählich die
Motivation zu arbeiten. Yu-hee war die Erste, die bemerkte, dass sich
ihre Stimmung rapide verschlechterte. Selbst wenn Myung-ha alle
Verabredungen absagen musste, versäumte sie es nie, in den PflanzenShop
zu gehen. Aber nun blieb sie weg. Normalerweise kam sie drei- bis
viermal die Woche, aber jetzt hatte Yu-hee seit fast zwei Wochen nichts
mehr von ihr gehört. Vor einem Monat hatte Myung-ha auch aufgehört,
die Entwicklung ihrer Pflanzen zu posten. Yu-hee ahnte, dass etwas
passiert sein musste.
»Was hast du gemacht, bevor du mit dem Laden angefangen hast?«,
fragte Myung-ha wie aus heiterem Himmel Yu-hee, als sie nach langer
Zeit wieder einmal den Laden besuchte. Es war ein ganz normaler,
geschäftiger Freitagabend. Yu-hee hatte die ganze Zeit gezögert, sich bei
ihr zu melden, und war froh, sie wiederzusehen. Als Myung-ha diese
Frage stellte, versuchte Yu-hee in ihrem Gesicht zu lesen. Sie war wie
immer adrett gekleidet, und der Pferdeschwanz war ordentlich
zurückgebunden, aber irgendwie sah sie anders aus.
»Ich habe ziemlich lange als Angestellte gearbeitet«, antwortete sie,
»das hat nichts mit dem hier zu tun.«
Myung-ha senkte tief den Kopf und ließ sich auf der Zunge zergehen,
dass Yu-hee auch lange in einer Firma gearbeitet hatte. Es war jetzt ein
halbes Jahr her, dass sie bei Onsem angefangen hatte. Die Arbeit war
nicht schwer, und sie passte eigentlich ganz gut zu ihr, aber sie wusste
nicht, wie sie mit den Menschen, genauer gesagt mit Kim Young-ho und
seinen Freunden, umgehen sollte. Sie starrte finster auf die Pflanzen vor
sich.
An diesem Tag wählte sie mehr als fünf Pflanzen aus. Der Geweihfarn
war keine Überraschung für Yu-hee. Myung-ha hatte ihn sich schon vor
einer ganzen Weile bestellt, aber die anderen Pflanzen verwunderten sie
ein wenig. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Myung-ha
sich einfach jede Pflanze, die sie sah, schnappte, ohne darüber
nachzudenken. Sie beobachtete, wie Myung-ha den überfüllten Korb mit
einem dumpfen Geräusch auf den Tresen stellte. Er enthielt sogar
Pflanzen, die sie erst vor zwei Wochen gekauft hatte. Waren ihre
Exemplare inzwischen eingegangen? Das war ihr noch nie passiert. Es
musste einen anderen Grund geben.
Myung-ha betrachtete die Pflanzen eine Weile, murmelte etwas vor
sich hin und zückte ihr Portemonnaie. »Was macht das alles?«, fragte sie
mit zitternder Stimme. Yu-hee erinnerte sich an ihren letzten Besuch
vor über zehn Tagen. Damals hatte sie sechs zeigefingergroße
Sukkulenten hochgehalten und Yu-hee mit einem künstlichen Lächeln
begrüßt. Yu-hee war nicht entgangen, dass es eindeutig ein
gezwungener Gesichtsausdruck war, den sie selbst schon viele Male
aufgesetzt hatte.
»Einen Moment«, sagte Yu-hee und fasste sie an den Schultern, als
Myung-ha plötzlich zusammenbrach. Ihr Portemonnaie, das sie
umklammerte, fiel zu Boden, und der Geweihfarn, der unsicher am
Kopfende des Tresens stand, kippte um. Yu-hee konnte ihn auffangen
und sah Myung-ha an. Sie weinte.
Yu-hee war überrascht, versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen.
Myung-ha lehnte sich an den Tresen und weinte so laut, dass es im
ganzen Laden zu hören war. Da erinnerte sie sich an die erste
Begegnung und das erste Gespräch mit ihr. Ihre Augen hatten immer
geleuchtet, wenn sie den Laden betrat und die Pflanzen betrachtete. Sie
erzählte, dass sie das Gefühl hatte, ihre Sorgen würden schmelzen, wenn
sie vor den Pflanzen stand. Dabei strahlte sie eine unglaubliche Reinheit
aus. Wenn sie frei und unbeschwert durch den Laden ging, konnte man
ihre fröhliche, positive Energie auch von hinten spüren. Irgendwann
merkte Yu-hee, dass diese Fröhlichkeit allmählich nachließ. Myung-ha
war sicher schon von Geburt an ein aufgewecktes und heiteres Wesen.
Aber seit wann war ein Schatten auf sie gefallen?
Yu-hee brachte die Pflanzen von der Theke zurück an ihren Platz und
half Myung-ha auf. Ihre schlaffen Hände zitterten.
Es war nicht schwierig, sich mit einer falschen Identität Zugang zum
Chatroom zu verschaffen. Die meisten Leute benutzten ihren richtigen
Namen, aber einige blieben anonym. Manche schienen nicht einmal
Angestellte von Onsem zu sein. Sie stellten sich mit dem Namen einer
Firma vor, von der Yu-hee noch nie was gehört hatte. Sie tat es ihnen
gleich.
Als sie versuchte, an den Link für den Chatroom zu kommen, gingen
ihr verschiedene Szenarien durch den Kopf. Was, wenn Myung-ha von
Kim Young-ho erwischt würde? Oder wenn sie herausfinden würden,
dass Yu-hee sich eingeschlichen hatte? Obwohl sie die Community
Administratoren waren, handelten sie ziemlich leichtsinnig. Sie wollten
einfach nur quatschen, lachen und sich ergötzen. Wie Myung-ha schon
gesagt hatte, versuchten sie nicht einmal, es zu verbergen. Es war, als
wäre es ihr Privileg und ihr Spiel. Auf die Frage, wie Yu-hee davon
erfahren habe, verwies sie auf das Internet. Kim Young-ho schrieb
amüsiert, er habe nicht gewusst, dass der Chatroom dort zu finden sei.
Aber das Passwort war kurzzeitig von einer anderen Community
geknackt worden. Yu-hee hatte es von Myung-ha, und jeder, der den
Chatroom damit betrat, wurde nicht belangt. Yu-hee verbarg sich hinter
dem unauffälligen Namen Lee Hee-chul und mischte sich problemlos
unter die anderen Männer.
Seit einigen Jahren werden Straftaten in solchen Chatrooms, an denen
sich viele Menschen beteiligen können, kritisch beobachtet. Obwohl
Yuhee den Zweck des Chats kannte und wusste, worüber sich die Leute
dort austauschten, war sie sich nicht sicher, wie lange sie es ertragen
würde, das Verhalten der Männer unter einer falschen Identität zu
verfolgen. Sie hatte das Gefühl, dass dort Persönliches und Vertrauliches
durchgehechelt wurde, das sie an ihre eigene Geschichte erinnerte, die
sie am liebsten verdrängt hätte. Früher waren es Tratsch und Flüche
hinter ihrem Rücken oder harte Ellenbogen an Schultern und
Oberkörper. Jetzt wurde all das in Worte und Emoticons übersetzt, aber
es fühlte sich genauso an. Sie fragte sich, ob sie ohne diese Erfahrung
einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Hätte sie nicht den Ort
verlassen müssen, von dem sie eigentlich ihr ganzes Leben lang nie
wegwollte?
Doch egal, wie oft sie auch darüber nachdachte, sie konnte die
Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Nichts konnte sich ändern,
solange es den Namen gab, mit dem alles begonnen hatte, den Namen,
bei dem sie sich immer wieder schwor, dass sie ihm nicht ausweichen
würde, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte. So wie Kim Young-ho die
Existenz von Myung-ha zermürbte, so war es auch Yu-hee ergangen.
Von Zeit zu Zeit dachte sie an die Momente in ihrer Vergangenheit, in
denen sie nicht wusste, was sie tun sollte. Sie erinnerte sich an die
Namen der Jungen und musste sich dazu zwingen, den Namen Lee Jinho,
den sie wohl nie vergessen würde, in Gedanken auszusprechen. Sie
war davon überzeugt, dass Myung-has Enttäuschungen und Ängste den
Gefühlen ihrer eigenen Kindheit ähnelten. Sobald sie den Chat betrat,
suchte sie zwanghaft nach Lee Jin-ho. Denn hier passierte das Gleiche
wie damals. Sie erinnerte sich an die schrecklichen Gesichter, die sie
jeden Tag sehen musste und sich deswegen jeden Moment wie auf
dünnem Eis gefühlt hatte.
Zu diesem Zeitpunkt war Myung-has Loyalität gegenüber dem
Unternehmen längst aufgebraucht, und als sie das Interesse an der
Arbeit verlor, kam Yu-hee auf sie zu und bot ihr ihre Hilfe an. Myung-ha
fühlte sich in einer Sackgasse, und Yu-hee vertraute ihr an, dass auch sie
schon in einer solchen Situation gewesen war. Myung-ha zeigte sich
sichtlich erschüttert von den Geschichten aus der Vergangenheit, die
Yuhee ihr leise erzählte. Sie biss sich auf die Lippen und nickte, als Yu-hee
sagte, dass sie daran gewachsen und stark geworden sei und Myung-ha
es auch schaffen könne. Danach brach sie alle Verbindungen zu Sejin
und der Firma ab und tauchte unter.
Unterdessen ertrug Yu-hee die schwere Zeit geduldig und hoffte auf
den richtigen Moment. Nach dem Verschwinden von Myung-ha füllte
sich Kim Young-hos Chat fast täglich mit neuen Gerüchten über sie.
Manchmal wurden den ganzen Tag lang unvorstellbare Dinge
ausgetauscht. Yu-hee wartete beharrlich und beobachtete den Fluss der
Nachrichten. Wenn sich eine Lücke auftat, würde sie sie nutzen und
zuschlagen. Sie wartete mit angehaltenem Atem auf den Moment, in
dem sie einen Rundumschlag ausführen konnte, der jedes Gespräch im
Keim ersticken und jeden plaudernden Mund zum Schweigen bringen
würde.
Als die Zeit gekommen war, ergriff sie die Gelegenheit und schlug
unerbittlich zu. Yu-hee hatte sich alles durch stetige Wiederholung gut
eingeprägt: Die Teeküche, in der Kim Young-ho und sein Gefolge sich
aufhielten, die Lüftungs- und Abzugsschächte, die die Teeküchen der
einzelnen Stockwerke miteinander verbanden, der feste Zeitplan, nach
dem die Männer dort regelmäßig Saufgelage veranstalteten, und die
Umgebung des Shinil-Gebäudes. Am Tag der Vollstreckung trat keine der
Variablen ein, über die sie sich Sorgen gemacht hatte. Die Männer
hielten sich erstaunlich genau an ihre eigenen Regeln.
Das Letzte, worüber sie lange nachgedacht hatte, war, welche Zutaten
sie verwenden sollte. Sofort fiel ihr die grüne Frucht vom letzten Jahr
ein, aber es schien ihr zu riskant, dasselbe Werkzeug noch einmal
einzusetzen. Diesmal sollte es etwas Süßes sein. Sie überlegte lange, wie
sie den herben Bitterstoff und das tödliche Gift überdecken könnte.
Beim Durchstöbern des Ladens fiel ihr Blick auf eine Agave mit spitzen
Blättern – eine Pflanze, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Aloe von
vielen verwechselt wird. Mit ihren breiten und harten Blättern war die
Agave eine der Lieblingspflanzen von Myung-ha, die nun die Stadt
verlassen hatte. Sie gedeiht sowohl in der heißen Wüste als auch in
andern Böden. Yu-hee kümmerte sich besonders um sie und wollte sie
Myung-ha später zeigen, wenn sie noch größer geworden war. Ohne zu
zögern, ging sie zu der Agave und sammelte die abgefallenen Stängel
und Blätter ein. Wenn etwas fehlte, würde der Alkohol es verdecken.
Wie immer.
Seit alle bis auf die Nachtschicht in der Polizeistation Sejin Feierabend
gemacht haben, läuft Do-kyung schon über eine Stunde
gedankenverloren durch den Vorgarten. Eine Hand hat er in der
Hosentasche, in der anderen hält er den Grundriss des Shinil-Gebäudes.
Die ganze Zeit über geht er vom Eingangstor zu den Tulpen- und
Hortensienbeeten und wieder zurück. Das ist seine Marotte, wenn er
nachdenkt. Der regelmäßige Ablauf hilft seinen Gedanken, eine Lösung
zu finden.
Er geht zum Getränkeautomaten und führt zwei zerknitterte 1.000-
Won-Scheine ein, die er so gut es ging glatt gestrichen hat. Innerhalb von
Sekunden spuckt der Automat beide Scheine nacheinander wieder aus.
»Haben diese Personen in irgendeiner Weise eine Verbindung zu dem
Fall?«
Das hatte ihn Choi Yu-hee mit scharfer Zunge gefragt. Und diese Worte
hallen in seinem Kopf wider, während die Geldscheine lautlos zu Boden
fallen. Wie von einer Nadel gestochen, dreht er sich um, und der
Grundriss, den er beim Herausziehen der Scheine unter den Arm
geklemmt hatte, wird mitten in das Blumenbeet vor dem Automaten
geweht.
»Warum habe ich auf diese Frage nichts gesagt?«, murmelt er, bückt
sich und hebt das Papier auf. In der Nähe von Choi Yu-hee fühlt er sich
immer unerklärlicherweise nervös. Er ist von Beruf Polizist und verdient
sein tägliches Brot auf der Wache in Sejin. Es gibt also nichts, wovor er
Angst haben müsste. Trotzdem verkrampft er sich automatisch bei
Menschen, die vom ersten Augenblick an eine seltsame Aura
ausstrahlen. Das hält zwar nur kurz an, aber solche Momente gibt es
definitiv.
Bisher hat er es mit einem Achselzucken abgetan, aber jetzt muss er es
sich eingestehen. Jedes Mal, wenn er ihr gegenübersteht, durchlebt er
dieses Gefühl. Mit jedem Zeugen, jedem Hinweis, jedem Einzelgespräch
mit einem Kriminellen führen die Ermittler einen stillen Kampf, um das
zu bekommen, was sie wollen, um die Gegenseite zu durchlöchern, um
Beweise zu finden, die sie sonst vielleicht übersehen hätten. Die
Begegnung mit Menschen ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit,
und Kommissare, die unzählige Fälle gelöst haben, verfügen über ihre
eigenen Antennen und Regeln – ein Know-how, das aus der Begegnung
mit Hunderten oder Tausenden von Menschen entsteht. Das ist die
Kernkompetenz und ein Must-have in diesem Beruf.
Do-kyung seufzt bei der Erinnerung an den Moment, als er Choi Yu-hee
vor ein paar Tagen von der Wache weggehen sah. Die Menschen, die
akribisch planen, um Dinge bewusst zu verbergen, führen ihre Pläne mit
einer Präzision aus, als würden sie alles mit einem Winkelmesser
genauestens ausmessen. Diese Menschen haben so eine Art Schatten
oder Aura. Und Choi Yu-hee hat all diese Eigenschaften, die er aus seiner
Berufserfahrung nur bei solchen Menschen wahrnehmen kann. Das soll
nicht überheblich klingen. Aber sein Bauchgefühl hat sich noch nie
geirrt. Wo soll er also noch einmal ansetzen?
Diesmal hat er tatsächlich falsch gehandelt. Sein Fehler rührt von der
festen Überzeugung her, dass es in dieser hell erleuchteten Stadt, in der
die Lichter niemals ausgehen, keine toten Winkel gibt. Er stopft die
Scheine aus dem Automaten in seine Hosentasche und wirft einen Blick
auf den Grundriss des Shinil-Gebäudes, den er den ganzen Tag bereits in
der Hand hält. Die einfache dreidimensionale Zeichnung ist übersät mit
winzigen roten Kreuzen. Sie markieren die vielen Lücken, die die
Kamera nicht erfassen kann. Hätte er am Tag des Brandes weiter
ermittelt, anstatt sich mit Choi Yu-hee zu treffen, hätte er sie dann
erwischt? Nein, das glaubt er nicht. Wenn sie alles geplant hatte, dann
hatte sie auch das einkalkuliert. Verärgert wirft er das verschmierte
Papier in den Mülleimer neben dem Automaten.
Als er sich zum Tor umdreht, um endlich Feierabend zu machen,
durchzuckt ihn ein Gedanke. Plötzlich kommt ihm eine Frage in den
Sinn, die ihm bisher gefehlt hat, eine Frage, über die er noch nie
nachgedacht hat: Warum? Warum eigentlich? Warum sind die Leute, die
mit Choi Yu-hee und dem Pflanzenladen zu tun hatten, verschwunden?
Angenommen, der Fall des Shinil-Gebäudes hat etwas mit ihr zu tun, wie
er es vermutet, was ist dann der Grund dafür?
Er hält inne und blickt zu Boden. Er hat etwas Wichtiges vergessen: das
Motiv. Alle Vermissten waren Männer, die in dem Pflanzen-Shop in
Dosan vorbeigegangen sind. Er hat sich zwar gefragt, warum
ausschließlich Männer verschwunden sind, aber nicht, aus welchem
Grund. Wenn Choi Yu-hee wirklich in all das verwickelt ist, muss es ein
starkes Motiv geben.
Mit großen Schritten geht er zurück zur Wache. In dem
menschenleeren Flur betritt er die ausgestorbene Abteilung der
Kriminalpolizei. Officer Park, der in einer Ecke eingenickt ist, hört die
Schritte und reißt erschrocken die Augen auf.
»Ach, du bist noch hier?«, fragt er leise, doch Do-kyung beachtet ihn
nicht, sondern geht zu seinem Schreibtisch und lässt sich geräuschvoll in
den Stuhl sinken. Officer Park schmatzt einmal und versucht, wieder
einzuschlafen.
Do-kyung öffnet eine Schublade und zieht einen kleinen Hefter heraus.
Am Tag der Zeugenvernehmung kamen die Zeugen früh am Morgen auf
die Wache, um ihre Aussagen zu machen. Sie mussten unterschreiben,
dass die Vernehmung aufgezeichnet wird. Er zieht die
Einverständniserklärung von Choi Yu-hee aus einem Stapel. Dann
entfernt er die Büroklammer von dem Papier mit ihrem Namen und
ihrer Handynummer und nimmt die steife, glänzende, hellgrüne
Visitenkarte aus einem kleinen Kästchen direkt unter dem Monitor.
Er tippt ihren Namen, ihre Telefonnummer und ihre E-Mail-Adresse in
seinen Computer ein. Dann starrt er schweigend auf die Buchstaben.
Bisher hat er nicht nach einer Verbindung gesucht, weil es ihm nicht in
den Sinn kam, dass es eine gibt. Alle haben nach der Verbindung gefragt,
aber er hat gewissermaßen darauf gewartet, dass die Beweise zu ihm
kommen. Ab jetzt gibt es nur noch eines: Mehr über die Person
herauszufinden, die im Zentrum dieser nebulösen Fälle steht.
Er atmet einmal bewusst aus und konzentriert sich auf den Bildschirm.
Dann ruft er das Programm auf, in das er sich schon x-mal mechanisch
ein- und ausgeloggt hat, und tippt den Namen Choi Yu-hee ein. Es ist die
Pflicht der Polizei, die Personalien von jedem zu überprüfen, der als
wichtiger Zeuge in einem Fall auf der Wache erscheint. Das hat er vor
ein paar Tagen versäumt, und es könnte ein wichtiger Anhaltspunkt
sein.
Bald erscheinen Informationen über sie auf dem Bildschirm. Er setzt
sich aufrecht hin und konzentriert sich auf die wenigen Worte, die
hauptsächlich aus Zahlen bestehen. Er sieht bekannte Wörter wie Dosan
und Sejin und schreibt eine Reihe unbekannter Namen und
Ortsbezeichnungen, die er noch nie zuvor gehört hat, in sein Notizbuch.
Gangwon-Provinz, Stadt Ian, Yeonpung-Mittelschule. Er reibt sich die
müden Augen, tippt die Wörter aus seinem Notizbuch in das
Portalfenster und drückt die Eingabetaste.

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