DER LERCHENSPORN
An einem späten Sonntagabend putzt Yu-hee, die Jalousien hat sie
heruntergelassen. Der Schnee, der seit Samstagmorgen gefallen ist, hat
den Boden im Laden mit einem Gewirr aus Fußspuren bedeckt. Schon
während der Öffnungszeiten hat sie immer wieder nervös mit dem
Mopp über den Boden gewischt. Aber wegen des plötzlichen
Temperatursturzes musste sie sich besonders um die Pflanzen
kümmern, sodass sie nicht alles so sauber halten konnte, wie sie es
gerne gewollt hätte.
Zuerst wischt sie die Ecken, dort, wo der Schmutz am meisten stört.
Morgen ist Ruhetag, also könnte sie sich Zeit lassen. Aber die
Schneereste in den Ecken müssen unbedingt verschwinden – der
Anblick stresst sie schon seit zwei Tagen. Schnell färbt sich der hellgraue
Wischmopp dunkel. Ein kleines Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, als
der Boden durch ihre Bewegungen wieder seine ursprüngliche Farbe
annimmt und zu glänzen beginnt.
Gerade als sie erneut kräftig zu schrubben beginnt, ertönt deutlich
hörbar die kleine Türglocke, und die Ladentür schwingt auf. Ein kurzer
Seufzer entweicht ihr. Es war ein Fehler, die Tür nicht abzuschließen. Sie
verzieht das Gesicht, und ihr fester Griff um den Wischmopp wird
plötzlich schlaff.
Aber sie entspannt ihr Gesicht und setzt ihr gewohntes höfliches
Lächeln auf, um ruhig zu verkünden, dass der Laden geschlossen ist.
Doch die Person an der Tür kommt ihr zuvor und ruft:
»Hier ist es doch, oder?«
Es ist eine durchdringende Frauenstimme, die gehetzt klingt. Yu-hee
dreht langsam den Kopf. Die Frau ist für das Wetter unangemessen
gekleidet, sie trägt nur eine dünne Jacke und Jeans, und ihr langes Haar
ist zerzaust. An ihren Turnschuhen klebt in mehreren Schichten dunkle
Erde oder Schlamm. Ihr dunkelgrauer Rucksack ist etwas feucht, was
darauf hindeutet, dass der Schneeregen noch nicht aufgehört hat.
Während Yu-hee überlegt, was sie erwidern soll, sucht die Frau den
Augenkontakt und fragt noch einmal:
»Hier ist es doch, oder?«
Yu-hee versteht nicht sofort, was sie meint. Ob sie etwas kaufen
möchte? Sie kann den Gesichtsausdruck der abgehetzten Frau nicht
deuten.
Unauffällig schaut sie auf die Uhr. Es ist schon kurz nach neun. Wenn
sie die Kundin jetzt noch bedient, käme sie mit dem Putzen nicht mehr
hinterher. Es wäre besser, sie macht einen Termin mit ihr. Sie geht einen
Schritt auf die Frau zu und sagt:
»Sie sind bestimmt über die sozialen Medien auf uns aufmerksam
geworden. Aber wir haben leider schon geschlossen, und morgen ist
Ruhetag. Wenn Sie übermorgen wiederkommen können, kann ich einen
Termin für Sie …«
Mit nervösem Blick unterbricht die Frau abrupt:
»Menschen … kann man hier umbringen lassen, oder?«
Mit zitternden Händen lugt sie durch die Jalousien nach draußen.
Yuhee presst die Lippen aufeinander. Erst nachdem sie zweimal über den
letzten Satz nachgedacht hat, begreift sie. Es scheint, als müsse sie
notgedrungen das Putzen um einen Tag verschieben.
Die Frau ist die Erste, die solch eine Frage stellt. Sie lehnt am
Türrahmen und hält die Schultergurte ihres Rucksacks fest
umklammert. Yu-hee geht langsam auf die Frau zu und zieht sie
vorsichtig an ihrem Rucksack in den Laden. Wie ein Magnet wird auch
die Frau mitgezogen, und die Ladenglocke klingelt wieder leise. Yu-hee
öffnet die Tür und schaut hinaus, aber niemand ist zu sehen. Dann
schließt sie die Tür fest und vergewissert sich, dass alle Jalousien
heruntergelassen sind.
Die Frau steht immer noch an derselben Stelle und blickt auf den
Boden. Yu-hee hält einen Moment inne und ist unsicher, was sie sagen
soll, entscheidet sich dann aber, die Frau erst einmal zu beruhigen.
»Niemand ist draußen, es ist alles in Ordnung.«
Sie zieht einen kleinen Stuhl heran und bietet ihn der Frau an. Diese
stellt ihren Rucksack auf den Boden und setzt sich.
»Darf ich Ihnen etwas Wasser bringen?«, fragt Yu-hee, während ihr
Blick auf den durchnässten Rucksack gerichtet ist.
Die Frau nickt. Bei dem Wort Wasser bekommt sie plötzlich Durst. Die
Anspannung fällt von ihr ab, und sie spürt den Schmerz in ihrem
Knöchel. Sie ist von der U-Bahn-Station hergerannt und konnte den
vereisten Stellen auf dem Bürgersteig nicht ausweichen. Sie ist
ausgerutscht und gestürzt. Dabei muss sie sich den Knöchel verstaucht
haben. Sie merkt auch, dass ihre Turnschuhe voller Matsch sind, und
sofort breitet sich die Kälte von den Knöcheln über die Waden bis zu den
Oberschenkeln aus.
Yu-hee holt den Heizstrahler. Reflexartig streckt die Frau ihre Hände
aus. Als ihre Handflächen warm werden, treten ihr plötzlich Tränen in
die Augen. Aber vor einer Fremden kann sie nicht weinen. Unsicher
fragt sie sich, ob sie vielleicht am falschen Ort ist. Angespannt sieht sie
Yu-hee an und ringt mit sich. Schließlich beginnt sie zu sprechen.
»Ich … ich …«
Doch immer wieder bekommt sie einen Hustenanfall und muss sich
räuspern. Sie holt ihr Handy aus der Tasche und zeigt Yu-hee kurz ein
Foto.
»Ich glaube, man will mich umbringen«, sagt sie und bricht in Tränen
aus.
Yu-hee starrt auf das Foto eines Mannes mit kurzem Pony und Kapuze,
der vielleicht Mitte oder Ende zwanzig ist. Er blickt geradeaus und wirkt
überrascht. Ob er lächelt oder nicht, ist bei seinem seltsamen
Gesichtsausdruck schwer zu sagen. Ansonsten ist an seinem Aussehen
und seiner Kleidung nichts Auffälliges.
»Kennen Sie vielleicht Katpy?«, fragt die Frau und schnieft.
Katpy? Yu-hee versucht sich zu erinnern. Sie glaubt, das Wort einmal
im Internet gelesen zu haben, weiß aber nicht mehr genau, wo. Sie
blinzelt und lässt das Wort in ihrem Kopf kreisen.
»Sie haben doch sicher von dem Fall mit den streunenden Katzen im
Gangin-Viertel gehört, oder?«, fragt die Frau weiter.
Da fällt Yu-hee wieder die Herkunft des Wortes Katpy ein. Vor einigen
Monaten erregte ein Fall von Katzenquälerei in Gangin so viel
Aufmerksamkeit, dass sogar die nationalen Nachrichten darüber
berichteten. Mehrere streunende Katzen und Tauben waren brutal
getötet worden. Tierschützer besuchten den Tatort und arbeiteten mit
der Polizei zusammen, um die Täter ausfindig zu machen. Yu-hee glaubt,
gehört zu haben, dass der Täter gefasst wurde. Obwohl der Fall in der
Öffentlichkeit großes Aufsehen erregte, wurde nicht genau berichtet,
wie es endete.
Der Mann, der als Täter identifiziert wurde, soll sich unter dem
Pseudonym Katpy in die Online-Community für Streunerkatzen
eingeschlichen haben, um Informationen über Futterstellen und
Wassernäpfe zu sammeln.
»Dieser Mann ist Katpy, und ich bin …«, sagt die Frau und räuspert sich
erneut. Leise, fast flüsternd fährt sie fort:
»Ich bin die Informantin in diesem Fall.«
Von jenem Tag an hatte Su-ji jede Nacht einen Albtraum. Wäre ich nur
nicht vorbeigelaufen, hätte ich nur den Müll nicht rausgebracht, hätte
ich nur mein Gesicht bedeckt … Unzählige »Was wäre, wenn«-Szenarien
spielten sich in ihrem Kopf ab, aber kein noch so intensives Nachdenken
konnte die Vergangenheit ändern. Einerseits war sie erleichtert, den
endlosen Kreislauf der bösen Taten vorerst gestoppt zu haben.
Andererseits fragte sie sich immer wieder, was geschehen wäre, wenn
sie sich an jenem Tag anders entschieden hätte. Diese Ambivalenz ihrer
Gefühle verfolgte sie weiter.
Begonnen hatte alles mit dem Blumenbeet des GanginApartmentkomplexes.
Kurz nach dem Ende der einwöchigen Regenzeit
wurden dort zwei Taubenkadaver vor Apartmenthaus 2 gefunden. Sie
lagen ordentlich da, als hätte jemand sie absichtlich dort abgelegt, aber
keiner der Bewohner dachte sich etwas dabei. Man vermutete, dass die
lange Regenzeit den Tieren zugesetzt hatte oder dass die beiden Tauben
an Altersschwäche gestorben waren. Der Hausmeister entfernte die
Kadaver, reinigte die Blumenbeete gründlich und besprühte sie
vorsichtshalber mit Desinfektionsmittel. Er brachte einen Hinweis an,
dass Hunde und Kinder von den Blumenbeeten fernzuhalten sind. Bald
war der Tod der Tauben vergessen.
Kaum war dieser kleine Vorfall vergessen, passierte es schon wieder.
Eine streunende Katze wurde tot aufgefunden, auch diesmal im
Blumenbeet vor dem Apartmenthaus 2. Sie lag ausgestreckt in der Mitte
des Beetes, als wolle sie jemand zur Schau stellen. Die Bewohner
kannten die Katze, da sie ihr schon begegnet waren. Alle, die sie gefüttert
hatten, waren sehr traurig, aber niemand dachte an eine absichtliche
Tötung. Schließlich sterben Straßentiere oft plötzlich, so wie die Tauben,
die vor einiger Zeit im Blumenbeet verendet waren. Sie fanden es nur
etwas seltsam, dass die Katze so gerade ausgestreckt dalag.
Danach wurden jedoch überall in Gangin Katzenkadaver gefunden. Die
Stadtverwaltung führte ein Projekt zur Fütterung und Kastration durch
und genoss den Ruf, sich aktiv für den Tierschutz zu engagieren. Es gab
viele Katzenmütter und -väter, die sich um die Streuner kümmerten,
und ihre Online-Community war sehr aktiv. Su-ji liebte Katzen, sah sich
aber nicht in der Lage, ein eigenes Haustier zu halten. Daher schloss sie
sich der Gemeinschaft an und kümmerte sich regelmäßig um die Tiere
in der Nachbarschaft, anstatt eine Adoption in Erwägung zu ziehen. Eine
Reihe von Todesfällen unter den Streunern erschütterte die Community,
zumal die Gegend im Vergleich zu anderen als sicher galt.
Besorgniserregend war auch, dass alle Katzenkadaver extrem
verstümmelt worden waren. Ihnen fehlte großenteils das Fell, ihre Beine
und Schwänze waren oft gebrochen, und ihre Organe lagen frei – ein
schrecklicher Anblick. Sie waren alle in belebten Gegenden platziert
worden, als ob jemand eine Warnung aussprechen oder damit prahlen
wollte. Eine in Gangin ansässige Tierschutzorganisation nahm
gemeinsam mit der Polizei die Ermittlungen auf, und der Fall wurde
schnell zum Gesprächsthema in vielen Tier-Communities. Vom Täter
fehlte jedoch jede Spur, und die Polizei tappte im Dunkeln, obwohl sich
solche Fälle immer wieder ereigneten.
Auch an jenem Tag herrschte in der Online-Community ein reger
Austausch über die Tierquäler. Doch die Menschen waren langsam
abgestumpft und ihr Eifer schnell erschöpft, nachdem sie wochenlang
immer wieder Bilder von grausam misshandelten und getöteten Katzen
gesehen hatten. Auch an diesem Tag kümmerte sich Su-ji auf dem Weg
zur Arbeit und zurück um die Katzen in der Nachbarschaft. Unter
anderem überprüfte sie die Futternäpfe direkt am Eingang des
Wohnkomplexes, um sicherzustellen, dass sich keine Fremdkörper
darin befanden und ausreichend Wasser aufgefüllt war.
Als Su-ji sich nach der sorgfältigen Kontrolle der Futternäpfe hinlegte,
fiel ihr ein, dass sie den Müll nicht rausgebracht hatte. Sie war versucht,
einfach einzuschlafen, aber sie wusste, dass es einen festen Turnus gab,
und wenn sie es heute nicht tat, würde sie wieder ein paar Tage warten
müssen. Also gab sie sich einen Ruck und stand auf. Sie zog sich etwas
an, schnappte sich den Müllsack und verließ die Wohnung. Auf dem
Rückweg wurde sie Zeugin des Geschehens.
Eine schwarze Gestalt stand am Rand eines Blumenbeets, außerhalb
der Reichweite der Straßenlaternen. Zuerst hielt sie sie für ein paar
Katzen mit dunklem Fell, die sich zusammengerollt hatten, doch dann
hörte sie zwei kurze, leise Schreie und drehte ihren Kopf in Richtung der
Geräuschquelle. Die Schreie der Katzen verwandelten sich in ein
seltsames Geräusch, das an ihren Ohren vorbeizog und sich in ihrem
Kopf festsetzte. Ohne nachzudenken, ging sie mit großen Schritten
darauf zu. Dort stand ein Mann in einem schwarzen Kapuzenpulli und
machte etwas mit einer sehr kleinen Katze.
Es dauerte nicht lange, bis sie begriff, was er tat. Leise und mit
zitternden Händen griff Su-ji nach ihrem Handy. Sie öffnete die KameraApp
und drückte auf die Aufnahmetaste. Der Blitz, den sie nicht
ausgeschaltet hatte, leuchtete auf, und der Mann drehte seinen Kopf in
ihre Richtung.
»Ich weiß nicht mehr, wo mir die nächsten Tage der Kopf stand«, sagt
Su-ji und dreht ihr Handy in der Handfläche. Jetzt versteht Yu-hee,
warum der Mann auf dem Foto einen so bizarren Gesichtsausdruck hat.
»Er wurde also nicht geschnappt?«, fragt Yu-hee.
»Do… doch, er wurde erwischt. Ich habe ihn sofort bei der Polizei
angezeigt. Die haben auch gleich am Tatort ermittelt, aber dann gab es
das Problem.«
Nachdem sie von Tierschützern und Mitgliedern der Community
erfahren hatte, dass der Mann identifiziert worden war und die Polizei
gegen ihn ermittelte, dachte Su-ji, es sei vorbei. Mehr als zwei Monate
lang hatten die Misshandlungen und Tötungen für Unruhe und Angst
gesorgt. Jetzt war der Fall endlich abgeschlossen, dachte sie.
»Als wir herausfanden, dass es sich um denselben Mann handelte, der
sich in der Online-Community ›Katpy‹ nannte, waren wir alle entsetzt.
Wir haben ihn beschimpft und uns gefragt: Was ist das für ein übler
Mensch? Es war ein so spektakulärer Fall in der Öffentlichkeit, dass ich
dachte, es würde ein gutes Ende nehmen.«
Während Su-ji schweigt, öffnet Yu-hee ihr Telefon und sucht nach
Nachrichten über den Fall. Sie entdeckt eine Reihe grauenvoller Fotos,
die in Communitys und Blogs gepostet wurden. Dann findet sie das
endgültige Gerichtsurteil. Yu-hees Blick bleibt an der Formulierung mit
einem blauen Auge davongekommen hängen.
»Eine Geldstrafe von 500 000 Won. Das ist alles«, sagt Su-ji nun mit vor
Wut zitternder Stimme. Sie holt tief Luft und versucht, wieder zu Atem
zu kommen.
»Wie gesagt, wir sind hier sicher, alles in Ordnung«, sagt Yu-hee, und
schon stehen Su-ji wieder die Tränen in den Augen.
»Vielleicht hätte ich damals nicht die Polizei rufen sollen. Aber nein,
wenn ich es nicht gemeldet hätte, wären wieder unschuldige Katzen
gestorben, wieder und wieder.«
Yu-hee sieht die verstört dasitzende Su-ji an und wirft noch einmal
einen Blick auf das Fenster und die Tür. Vor ihrem inneren Auge
erscheint der Kommissar, der sie neulich besucht hat. Er hieß Cha Dokyung.
»Katpy verfolgt mich, seitdem ich Anzeige erstattet habe. Nur wenige
Leute erkennen sein Gesicht, und ich habe erst nach der Anzeige
herausgefunden, dass er im selben Apartmentkomplex wohnt wie ich.
Ich habe die Polizei um Hilfe gebeten, aber …«
Su-ji sinkt zusammen und vergräbt den Kopf in den Händen. Yu-hee
verzieht das Gesicht und sagt:
»Ich schätze, es hat nichts gebracht.«
Su-ji schweigt, und Yu-hee seufzt leise. Plötzlich ergeben Su-jis nicht
zum Wetter passende Kleidung und ihr großer Rucksack einen Sinn.
»Sie reden ständig davon, dass kein direkter Schaden entstanden sei.
Aber wenn das, was ich ertragen muss, keiner ist – was dann?«
Sie hat mehrere einstweilige Verfügungen beantragt und ist sogar
persönlich zur Polizeistation gegangen, um ihre Situation zu erklären,
aber alles, was sie als Antwort bekam, war kein materieller Schaden.
Obwohl Katpy sie die ganze Zeit verfolgte und unter Druck setzte,
bemerkte außer Su-ji niemand, was er sagte oder tat. Keine der
Überwachungskameras in der Nachbarschaft zeichnete etwas auf. So
war die Antwort jedes Mal dieselbe: Er habe keine Vorstrafen wegen
Einbruchs oder Diebstahls und sei bei den polizeilichen Ermittlungen
sehr kooperativ gewesen. Deshalb dürfe er nicht als Krimineller
behandelt werden. Als sie sich beschwerte, dass er sie stalke, hieß es,
dass sie im selben Apartmentkomplex wohnten und die Nachbarn das
unter sich ausmachen müssten. Sie war verzweifelt.
Su-ji, die mit brüchiger Stimme gesprochen hat, blickt plötzlich auf und
sieht zum Fenster.
»Ihr habt hier viele Katzen, nicht wahr? Als ich das letzte Mal hier war,
habe ich mehrere im Hof sitzen sehen.«
»Ja, Katzen kommen oft hierher. Ich glaube, die meisten Katzen aus der
Nachbarschaft sind tagsüber hier, um sich auszuruhen.«
»Huh.«
Su-ji verzieht das Gesicht, und ihre Augen füllen sich wieder mit
Tränen.
»Ich glaube, ich hätte nicht vorbeikommen sollen«, fährt sie fort, »denn
ich bin mir sicher, dass dieser Bastard herkommen wird, und dann sind
die Katzen in Gefahr, und vorhin war es bestimmt …«
Su-ji lässt die Szene noch einmal Revue passieren: Die Handbewegung,
die in der Dunkelheit deutlich zu sehen war, und der schwache, aber
intensive Schrei. Dann der Mann, der sich zu ihr umdrehte, gerade als
der Blitz ihres Handys aufleuchtete. In dem Moment, als der Mann sich
bewegte, wurde das Unfassbare wahr. Es gibt Erinnerungen, die nicht
auf Fotos festzuhalten sind. Seitdem schreckt sie vor Katzen zurück. Die
Wunden in ihrem Herzen werden wohl nie heilen. Tränen laufen ihr
übers Gesicht, und mit beiden Händen fährt sie sich durchs Haar.
»Das wird nicht passieren«, sagt Yu-hee. Unter Tränen und mit
ausdruckslosem Gesicht starrt Su-ji sie an.
»Niemals«, fügt sie entschlossen hinzu, während Su-ji sich die Tränen
abwischt und schluckt.
Als diese einsame Gasse noch nicht so belebt war, gab es hier mehr
streunende Katzen als Menschen. Und Yu-hee, die sich mit ihnen nicht
auskannte, beobachtete ihre begierigen Augen. Sie wusste nicht, ob sie
neugierig waren, weil Yu-hee den ganzen Tag hindurch
herumfuhrwerkte, oder ob sie einfach nur auf der Suche nach Futter
waren. Jedenfalls hatte sie nichts dagegen, dass sie um den Laden
umherstreunten. Im Gegensatz zu Pflanzen blieben Tiere für sie immer
rätselhaft, weil sie ihre Emotionen deutlich und unmittelbar zeigen
können.
Obwohl Yu-hee als Kind oft Hunde und Katzen auf der Straße sah und
viele ihrer Freunde Hamster, Goldfische und Papageien als Haustiere
hielten, hatte sie nie das Bedürfnis, sich ihnen zu nähern. Für die kleine
Yu-hee waren Tiere immer eher schwache, hilflose Wesen als
freundliche Begleiter – ein Bild, das ihr die coolen Kids in ihrer Klasse so
oft vermittelten. Diese Jungs, die sich ständig in kleine Zwischenfälle
verstrickten, hatten ihr die Welt auf ihre Weise gezeigt.
Diese Kinder brannten darauf, sich in den Vordergrund zu drängen. Es
schien, als wollten sie mit ihrem ganzen Körper demonstrieren, wie
stark, lässig und toll sie waren. Sie beschädigten die Blumen und Bäume
am Rande des Schulhofs. Und als ob das noch nicht genug wäre,
zertrampelten sie alle kleinen Tiere wie Ameisen, Schnecken und
Frösche. Für alle sichtbar hinterließen sie ihre Spuren auf den violetten
Pflastersteinen, die den Schulhof säumten.
Yu-hee erinnert sich noch heute an die Blicke und Gesichter der
Jungen, als sie auf die kleinen braunen Frösche sprangen. Sie waren
kleiner als eine Handfläche, und ihre Augen rollten, als suchten sie einen
Ausweg. Die Jungen betrachteten die Spuren, die sie hinterlassen hatten,
als wären es Ehrenabzeichen. Ihre kleinen Münder lachten und
sprachen laut. Dann wandten sie sich Yu-hee zu, in den Händen die
Steine, die sie eben noch auf die kleinen Tiere geworfen hatten. Diese
kleinen Münder und Hände richteten sich nun auf sie, und Yu-hee wird
nie den Ausdruck in ihren Augen vergessen, wie sie mit ihrer Tat
prahlten.
»Sie wollen doch nicht wieder nach Hause, oder?«, fragt Yu-hee Su-ji.
»Nein. Zumindest …«, sagt Su-ji und hält dann inne.
»Zumindest, bis er weg ist, meinen Sie?«
Su-ji nickt wortlos. Yu-hee starrt mit zusammengekniffenen Augen auf
den Heizstrahler, wendet sich zum Tresen um und wirft einen Blick auf
den Tischkalender.
»Ich sollte das jetzt erledigen«, fährt sie fort, »bevor es noch kälter wird
und der Boden ganz gefriert. Ich habe noch etwas zu erledigen, das ich
bisher vor mir hergeschoben habe.«
Sie zieht ihre Schürze aus, faltet sie ordentlich zusammen und legt sie
vorsichtig auf den Tresen. Dann zieht sie die Schublade unter dem
Tresen auf und holt ein kleines weinrotes Notizbuch heraus. Sie notiert
sich die Informationen über die Community, die Adresse und Katpys
richtigen Namen, bevor sie Su-ji fragt:
»Das soll ich doch auch genauso machen, oder?«
Su-ji versteht die Frage nicht und schaut verwirrt aus. Yu-hee wirft ihr
einen Blick zu, der verrät, dass sie keine Antwort erwartet.
Do-kyung starrt mürrisch auf seinen Monitor und seufzt schwer. Die
Vermisstenfälle, die sich sonst alle zwei Monate ereigneten, sind über
den Winter weniger geworden. Und alle Fälle, die ihm zugeteilt wurden,
sind auf Drängen von Teamleiter Lim als Cold Cases eingestellt worden.
Er hat sich mit den Angehörigen getroffen, die die Vermisstenanzeige
aufgegeben hatten, und auch mit Personen, die in enger Beziehung zu
den Vermissten standen. Aber auch hier gab es keine nennenswerten
Hinweise. Interessanter war der persönliche Hintergrund der
Vermissten, wie sich im Laufe der Ermittlungen herausstellte.
Die ExFreundin eines der Verschwundenen, Kim Sung-min, berichtete, dass sie
wegen ihm mehrfach in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. Den
meisten anderen Vermissten erging es ähnlich. Als Do-kyung Verwandte,
Kollegen und Bekannte befragte, runzelten alle die Stirn. Ach, der? Er
wird wohl ins Ausland gegangen sein. Wer wisse das schon, hieß es oft.
Niemand ließ ein gutes Wort über die Vermissten verlauten.
Do-kyung rollt mit der rechten Hand einen Kugelschreiber auf dem
Schreibtisch hin und her. Auf einem Zettel vor ihm stehen die Namen
der Männer, die seit ihrem Aufenthalt in Sejin verschwunden sind. Mit
einem blauen Stift kreuzt er die Orte an, die sie besucht haben oder von
denen vermutet wird, dass sie sie besucht haben könnten. Einen
Supermarkt, einen Minimarkt, eine U-Bahn-Station, eine Bushaltestelle
und einen Pflanzenladen. Stirnrunzelnd schreibt er den Namen Choi
Yuhee groß auf und unterstreicht ihn, während er ihn vor sich hin
murmelt.
Choi Yu-hee muss etwas mit den Fällen zu tun haben. Zu diesem
Schluss kommt Do-kyung nach monatelangen Ermittlungen. Ob alle
Vermissten in dem Laden waren, ist unklar. Sicher ist aber, dass einige
ihrer Bekannten dort waren. Auch wenn es keinen direkten
Zusammenhang gibt, wird Choi Yu-hee die Gesichter der Vermissten
wiedererkennen, oder?
Er erinnert sich an seine Begegnung mit ihr vor dem Pflanzen-Shop, in
den er unangemeldet gekommen war. Sie machte ein freundliches
Gesicht und hatte Schaufeln in der Hand. Natürlich brachte sein Besuch
nichts. Er zeigte ihr ein Foto nach dem anderen von den Vermissten,
aber sie schien niemanden zu erkennen und fügte hinzu, dass hier so
viele Leute vorbeikämen. Er erinnert sich an ihren Gesichtsausdruck
und ihren Tonfall, als sie in ihrer dunkelgrünen, erdverschmierten
Schürze dastand, in einer Hand eine lange, große Schaufel. Ihre Stimme
klang eher tief, aber ihre Aussprache war präzise. Was hat sie beruflich
gemacht, bevor sie den Laden eröffnete? Warum ist der Laden so
bekannt geworden?
Laut Lim fahren viele Menschen extra wegen des Pflanzen-Shops an
den Stadtrand nach Dosan, und es scheint nur wenige Menschen in der
Stadt zu geben, die den Laden nicht kennen. Do-kyung kann sich des
Eindrucks nicht erwehren, dass die Popularität des Geschäfts direkt mit
dem Charisma seiner Besitzerin Choi Yu-hee zusammenhängt. Sogar in
dem von Menschen wimmelnden Laden, in dem hier und da ein Foto
geschossen wurde, schien von ihr ein gewisses Licht auszugehen. Sie
wirkte wie ein Wesen aus einer Fantasiewelt in einem abgelegenen
Wald, abgeschnitten von der Außenwelt, an einem Ort, der nur ihr
gehörte.
»Hey, Do-kyung, hast du dir etwa eine Blume zugelegt?«, ertönt Officer
Parks Stimme hinter ihm, und Do-kyung zerknüllt den Zettel mit seinen
Notizen zu dem Fall.
»Es ist einfach passiert«, sagt er und lächelt unbeholfen.
Officer Park neigt neugierig den Kopf. Do-kyung spürt seinen
bohrenden Blick und starrt auf die Rosmarinpflanze, die er an den Rand
seines Schreibtisches geschoben hat. Es war ein reiner Höflichkeitskauf.
Während Choi Yu-hee ihn durch den Laden führte, sah er zufällig die
Kräutertöpfe, die ihn nostalgisch werden ließen. Daraus entwickelte sich
ein weiteres Gesprächsthema. Do-kyung wirft den Kugelschreiber auf
den Schreibtisch und seufzt. Warum habe ich ausgerechnet ihr diese alte
Geschichte erzählt? Wäre Choi Yu-hee wachsam und angespannt
gewesen, hätte ich zuerst diese lockere Geschichte erzählt, um die
Stimmung positiv zu beeinflussen, aber so war es nicht. Als das Gespräch
beendet war und er den Laden verließ, hielt er den kleinen Topf mit
Rosmarin in der Hand. Darin war sogar ein Zettel von ihr. Sie hatte ihn
gebeten, die Pflanze diesmal nicht zu töten, sie gut zu pflegen und
wiederzukommen, wenn er Fragen habe. Mit einem Lächeln antwortete
er auf ihre Worte, und erst da fühlte er sich wieder in der Realität
angekommen. Kaum war er draußen, dachte er: Mein Gott, was habe ich
getan? Aber da war es schon zu spät. Er konnte nichts mehr rückgängig
machen. Außerdem fühlte er sich beim Anblick der Pflanzen, um die
sich jemand so sorgfältig kümmerte, ein wenig von den negativen
Erinnerungen der Vergangenheit gereinigt.
Was für ein armseliger Kommissar bin ich nur, sagt Do-kyung zu sich
selbst und schluckt seine Worte hinunter. Er ist nicht der
disziplinierteste Mensch, der alles bis ins kleinste Detail überprüft. In
einer früheren dienstlichen Beurteilung hieß es, er tue sein Bestes, um
seine Aufgaben zu erfüllen, aber hin und wieder sei er ungeschickt. Man
hat ihm schon oft vorgeworfen, dass er mit dem Kopf durch die Wand
geht, wenn er sich auf eine Sache fixiert. Aber bisher ist es ihm noch nie
passiert, dass er sich bei Befragungen ablenken ließ oder mehr Interesse
zeigte als nötig. Vielleicht lag es am Ort.
Jedes Mal, wenn eine Brise durchs Fenster weht, steigt ihm der zarte,
frische Duft von Rosmarin in die Nase. Wahrscheinlich wird er
niemandem erzählen, dass er die Kräuter mit ins Präsidium genommen
hat, weil er dachte, sie würden zu Hause wieder eingehen. Aber wer
weiß? Vielleicht kann er es Choi Yu-hee erzählen, wenn er eines Tages
wieder in ihren Laden kommt.
Er blickt absichtlich missmutig auf den Rosmarin, dessen gesunde
Blätter sich in alle Richtungen strecken.
Yu-hee steigt an der U-Bahn-Station Buyoung aus und bleibt am
Stadtplan in der Mitte der Station stehen. Eigentlich hat sie den Weg
schon ein Dutzend Mal im Internet recherchiert und weiß genau,
welchen Ausgang sie nehmen und in welche Richtung sie gehen muss.
Trotzdem wirft sie aus Gewohnheit einen Blick auf den Stadtplan. Darauf
sind oft Gebäude eingezeichnet, die das Viertel prägen, aber auf den
Karten-Apps fehlen. Für Yu-hee ist das eine gute Möglichkeit, ein Gefühl
für die Gegend zu bekommen. Sie glaubt, dass das Unbekannte eines
Viertels dadurch ein wenig an Fremdheit verliert.
Die Karte hier scheint sich nur auf die Wahrzeichen der Umgebung zu
beziehen. Alle großen Wohnblöcke mit Apartmenthäusern sind
eingezeichnet. Yu-hee findet schnell den Gangin-Apartmentkomplex.
Suji hat ihr erzählt, dass es die einzigen in der Gegend sind, wo sich die
Wohnungstüren noch an einen Laubengang reihen. Hier werden oft
Sanierungsarbeiten durchgeführt, sodass sich in der Nähe des
GanginApartmentkomplexes zunehmend streunende Katzen aufhalten. Die
meisten Bewohner sind freundlich zu ihnen und bezeichnen sich selbst
als Kümmerer.
Yu-hee zieht einen Mundschutz aus der Jackentasche und setzt ihn
sorgfältig auf. Zum einen will sie sich vor dem Feinstaub schützen, vor
dem seit Tagen gewarnt wird. Aber nur für alle Fälle. Zumindest könnte
Katpy sie so nicht erkennen.
Mun Ji-hwan, der sich im Internet Katpy nennt, wohnt direkt im
Nachbarhochhaus von Su-ji.
In dem L-förmigen Gebäude reiht sich entlang des Flurs Wohnung an
Wohnung, sodass man leicht sehen kann, wer wann die Wohnung betritt
und verlässt. Da Mun Ji-hwans Identität nie öffentlich gemacht wurde,
wissen nur diejenigen, die sich für die Tötungsdelikte interessieren, in
welchem Stockwerk er wohnt. Nur Su-ji weiß genau, wie er aussieht, wo
er wohnt und wie seine Stimme klingt. Sie ist auch die Einzige, die in der
Anzeige erwähnt wird, sodass man genaue Daten über sie herausfinden
kann.
Als Yu-hee den Haupteingang des Wohnkomplexes betritt, sieht sie die
Futterstellen für die Katzen und die kleinen Schilder, die darauf
hinweisen. Wie Su-ji beschrieben hat, ist es nicht schwer, die Katzen zu
finden. Sie kommen zutraulich auf Yu-hee zu und reiben sich an ihr. Sie
geht in die Hocke und tätschelt sie. Als sie sich dem Eingang des
Apartmenthauses 2 nähert, schaut sie instinktiv auf die Blumenbeete.
Sie fragt sich, ob sich die grausame Szene mit Su-ji hier oder weiter
hinten abgespielt hat. Ob Mun Ji-hwan regelmäßig hierherkommt, um
sich an seine Taten zu erinnern? Yu-hee wendet den Blick ab und zieht
den Mundschutz wieder fest, um sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.
Seit Su-ji im Laden war, kamen keine verdächtigen Kunden. Ein
paarmal war ein Mann allein da, aber keines ihrer Gesichter stimmte mit
dem Foto von Mun Ji-hwan überein, das Su-ji ihr gegeben hatte.
Trotzdem wurde Yu-hee das Gefühl nicht los, dass er irgendwo da
draußen war und sie beobachtete. Sie ließ die Tür weit offen und wartete
auf sein Erscheinen. Wenn er Su-ji so unerbittlich verfolgte, musste er an
den Ort kommen, an dem sie verschwunden war.
Doch entgegen Yu-hees Hoffnungen tauchte er nie in ihrem Laden auf.
Sie wusste nicht, ob er auf der Suche nach einer Gelegenheit die Gegend
durchstreifte oder sich in seiner Wohnung eingeschlossen hatte. Aber
solange er hier wohnt, kann Su-ji nicht nach Hause gehen, also bleibt
Yuhee nur eine Möglichkeit: Sie muss einen starken Anreiz schaffen, um
ihn in den Laden zu locken.
Yu-hee findet den Briefkasten mit der Nummer 202 am Eingang des
Apartmenthauses 2, auf den Su-ji sie hingewiesen hatte. Sie sagte, sie
könne sich nicht daran erinnern, seit der Konfrontation mit Mun Jihwan
irgendwelche Briefe, Rechnungen oder Pakete erhalten zu haben.
In der Tat ist ihr Briefkasten leer. Alle Briefkästen in Haus 2 sind voll mit
Werbeprospekten, nur der von Su-ji ist leer. Yu-hee schiebt den von ihr
vorbereiteten Umschlag schräg in das Fach 202. Der gelbe Umschlag ist
schon von Weitem gut zu erkennen und enthält eine Postkarte mit
gepressten Blumen sowie eine Visitenkarte, auf der die Adresse des
Ladens vermerkt ist.
Yu-hee dreht sich um und geht zurück zum Haupteingang. Vor der
Futterstelle neben der Pförtnerloge liegen ein paar Katzen auf Matten
und sonnen sich. Yu-hee hockt sich hin und tätschelt die Hinterteile der
Katzen, während sie die Briefkasten von Haus 2 im Auge behält. Nach
ein paar Minuten kommt ein Mann und nimmt den gelben Umschlag
aus dem Fach. Er sieht sich um, steckt ihn in seine Tasche und schlendert
zum Nachbarhaus, Apartmenthaus 3.
Überzeugt, dass es sich um Mun Ji-hwan handelt, folgt Yu-hee ihm
vorsichtig mit schnellen Schritten. Auf der Postkarte steht, Su-ji solle
zum vereinbarten Zeitpunkt in den Laden kommen und die bestellten
Waren abholen. Die Nachricht war höflich und freundlich formuliert,
wie eine Hochzeitseinladung. Mun Ji-hwan kommt bestimmt zu der
angegebenen Zeit in Yu-hees Geschäft. Aber sie will wissen, wie er
aussieht, wenn sie nun schon einmal den weiten Weg zurückgelegt hat.
Der Mann trägt eine schwarze Kappe, einen schwarzen Kapuzenpulli
und eine dünne Steppjacke. So schwarz gekleidet, wirkt er unauffällig.
Ab und zu blickt er zurück, aber ohne großes Misstrauen oder Interesse.
Bald ist er im Haus 3 verschwunden, und sie beobachtet, in welchem
Stockwerk er aus dem Aufzug steigt. Es ist das zweite Obergeschoss. Von
dort aus hat er eine gute Sicht auf Su-jis Wohnung. Er verlässt den
Aufzug auf der linken Seite und geht nach rechts den Flur entlang.
Yuhee läuft in die entgegengesetzte Richtung und lässt ihn nicht aus den
Augen.
Er bleibt vor einer Tür stehen und dreht sich um, als würde er etwas
am gegenüberliegenden Apartmenthaus beobachten. Yu-hee prägt sich
sein Gesicht ein und verlässt den Wohnkomplex. Auf dem Weg zur
UBahn-Station nimmt sie die Maske ab und steckt sie in ihre Jackentasche.
»Hallo, Entschuldigung!«
Die Stimme kommt von hinten, als sie die Treppe zur U-Bahn betritt. Es
ist eine Männerstimme, und ihre Hand in der Jackentasche
umklammert die Maske. Sie wendet sich nicht um. Vielleicht ist sie gar
nicht gemeint. Sie kennt ja niemand in dieser Gegend, weshalb sie
unbeirrt weitergeht.
»Sind Sie Frau Choi Yu-hee?«
Der Mann weiß ihren Namen. Sie beißt sich auf die Lippe. Vielleicht
war es ein Fehler, die Maske abzunehmen. Sie hat nicht damit
gerechnet, hier jemandem zu begegnen, den sie kennt. Sie dreht sich um
und erkennt den Mann, zu dem die Stimme gehört.
»Ach ja, die Besitzerin des Pflanzenladens. Das sind Sie. Schön, Sie hier
zu sehen, es ist lange her.«
Do-kyung steht etwas unbeholfen da, und Yu-hee begrüßt ihn mit
einem leichten Nicken. Dann sagt sie:
»Hallo, aber es ist noch gar nicht so lange her, glaube ich.«
»Ach ja? Tut mir leid, Sie so zu überfallen. Aber eines weiß ich: Ich
kann mir Gesichter gut merken. Sie sehen heute anders aus als sonst,
und deshalb war ich mir eben nicht ganz sicher, ob ich mich nicht
täusche.«
Er freut sich, sie zu sehen, ohne eine Spur von Feindseligkeit oder
Misstrauen. Yu-hee schiebt ihre Maske tiefer in die Tasche und sieht ihn
mit verschränkten Händen an.
»Ich nehme an, Sie haben hier etwas zu erledigen«, beginnt er, als sie
ihn unterbricht:
»Ich muss den Laden aufmachen. Kann ich gehen?«
Bei diesen Worten blinzelt er kurz. Choi Yu-hee hier zu begegnen, war
ein unerwarteter Zufall. Er hatte gerade bei der Polizei in Gangin
vorbeigeschaut, als er sie sah. Obwohl er sich nicht sicher war, hat er sie
einfach angesprochen. Gibt es hier in der Nähe einen Blumenmarkt? Er
versucht, sich an die Geschäfte entlang der Straße zu erinnern, die von
der Polizeistation zur U-Bahn führt. Er bemerkt, wie sie ihre Verärgerung
gar nicht zu verbergen sucht und gleichzeitig ein seltsames Lächeln
aufsetzt. Eigentlich kann er die Mimik und Stimmungen von Menschen
gut lesen, aber wie schon beim letzten Mal fällt es ihm schwer, die
genaue Gefühlsregung auf ihrem Gesicht einzuordnen.
Jetzt wartet sie auf seine Antwort, doch er verabschiedet sich höflich.
Yu-hee geht weiter.
»Oh, ich kümmere mich gut um die, die ich bei Ihnen gekauft habe!«
Do-kyungs Stimme dröhnt in ihren Ohren, als sie die Treppe zur UBahn hinuntergeht.
Sie dreht nur halb den Kopf und lächelt ihn an. Mit
solchen Menschen wie Do-kyung kommt sie am wenigsten klar. Solche
Leute interessieren sich unnötig für andere, aber ohne bösen Willen.
Vielleicht liegt es an seinem Beruf, aber sie weicht instinktiv zurück,
wenn sie jemandem wie Do-kyung gegenübersteht. Der einzige Grund,
warum sie ihm im Grunde genommen nicht aus dem Weg gehen kann,
ist, dass er Polizist ist. Außerdem ist er hinter bestimmten Leuten her,
die sie nur zu gut kennt.
In diesem Moment piept ihr Handy. Die lang ersehnte SMS zum
Versandstatus beruhigt für einen Moment ihre angespannten Nerven.
Jetzt muss sie nur noch zurück in den Laden und einen Platz für die
Lieferung freihalten. Sollte Mun Ji-hwan nicht rechtzeitig da sein, müsste
sie sich etwas anderes einfallen lassen, aber das hofft sie natürlich nicht.
Plötzlich fallen ihr die Katzen ein, die sich vorhin so zutraulich an ihren
Beinen gerieben haben. Ihnen zuliebe muss sie dafür sorgen, dass alles
schnell und reibungslos über die Bühne geht.
Mun Ji-hwan kommt am angegebenen Tag in Yu-hees Laden. Mit Absicht
lässt sie alle Jalousien oben und beobachtet, wie er auf dem Bürgersteig
vor dem Geschäft auf und ab geht. An seiner schwarzen Kleidung ist er
leicht wiederzuerkennen.
Seit fast vier Stunden schleicht er durch das Viertel, in dem es weder
Cafés noch Minimärkte gibt. Er hat nur noch eines im Sinn: Han Su-ji zu
finden, die seit Tagen weder zur Arbeit erschienen noch zu Hause
aufgetaucht ist. Vom Eingang der Gasse aus kann er etwa die Hälfte des
Ladens einsehen. Bevor er hergekommen ist, hat er den Pflanzen-Shop
mehrmals im Internet genau geprüft. Es ist der letzte ihm bekannte Ort
vor ihrem Verschwinden, also geht er davon aus, dass sie entweder dort
ist oder auftauchen wird.
Damit die Besitzerin ihn nicht bemerkt, geht er nur etwa alle halbe
Stunde an der Vorderseite des Ladens vorbei. Anschließend kehrt er an
den Eingang der Gasse zurück und hält von dort Ausschau nach Han Suji.
Es herrscht ein reges Kommen und Gehen, doch er kann sie nicht
entdecken, während er die geschäftige, gut gelaunte Besitzerin
beobachtet. Strahlend bedient sie die Kunden. Mit ihren langen, feinen
Fingern pflegt sie die Bäumchen im Hof und kehrt Laub und Zweige
zusammen. Trotz der niedrigen Temperaturen lässt sie sich die Kälte
nicht anmerken und streichelt die Katzen. Das Geschäft scheint sehr
beliebt zu sein. Während er an einer Dose nippt, die er in einem
Minimarkt in der Nähe der U-Bahn-Station gekauft hat, wird ihm klar,
dass der Laden wohl wegen dieser Frau so beliebt ist.
Als die Frau die Jalousien herunterlässt und die kleinen Töpfe vom Hof
in den Laden bringt, ist Han Su-ji immer noch nicht aufgetaucht. Er faltet
die zerknitterte Postkarte auseinander, um nachzusehen, ob er sich
vielleicht im Datum geirrt hat. Jetzt wird das Licht im Laden gedimmt.
Nachdem sie einen letzten Blick nach draußen geworfen hat und im
Laden verschwunden ist, schleicht sich Ji-hwan an und sieht sich um.
Zuerst sucht er nach Überwachungskameras. Hier gibt es keine
öffentlichen, es ist also unwahrscheinlich, dass jemand weiß, dass er hier
ist. Aber es würde auch niemanden interessieren. Er ist zuversichtlich,
dass er heute eine bessere Ernte einfahren kann als Han Su-ji.
Die Lichter im Laden sind fast erloschen, und er öffnet die Tür einen
Spalt. Sie ist nicht abgeschlossen, und die kleine Ladenglocke gibt keinen
Ton von sich. Niemand ist zu sehen. Nur leise Musik ist zu hören.
»Ist hier jemand?«
Seine Augen tasten das Geschäft kurz ab, finden keine Kameras, und so
tritt er ein. Mehrmals ruft er laut, aber niemand antwortet. Als er mitten
im Laden steht, fällt ihm als Erstes der saubere Boden auf. Er glänzt nur
so vom Wischen. Die Topfpflanzen stehen ordentlich da, als wären sie
mit dem Winkelmaß ausgerichtet worden. Er schnaubt verächtlich.
Heute wird er mit großem Vergnügen beobachten, wie jemand mit einer
so zwanghaften und sensiblen Natur zusammenbricht. Han Su-ji ist in
gewisser Weise auch so. Nun ist es nicht mehr wichtig, ob sie hier ist
oder nicht. Er will nur noch den entsetzten Gesichtsausdruck der
Ladenbesitzerin sehen, die er einen halben Tag lang beobachtet hat.
Mun Ji-hwan reckt sich: Eine einsame Frau in einer Sackgasse. Und es
gibt keine Kameras weit und breit.
»Haben Sie sich das nicht zu leicht vorgestellt?«, sagt Yu-hee beiläufig,
als Mun Ji-hwan mit einem stechenden Schmerz in derselben Position
aufwacht, in der er seine Arme ausgestreckt hatte.
»Ich glaube, Sie sind jetzt wach«, fährt sie fort, »Sie sollten in einem
fremden Geschäft nicht so viel Lärm machen, noch dazu mit so
schmutzigen Schuhen.«
Der Versuch zu antworten gelingt ihm nicht, denn sein Mund ist mit
schwarzem Paketband verklebt. Hastig suchen seine Augen die
Umgebung ab. Gut möglich, dass er sich noch im selben Raum befindet.
Aber sicher ist er sich nicht. Unter ihm raschelt es, und in seinem
Hinterkopf pocht es so schmerzhaft, wie er es noch nie zuvor erlebt hat.
Er versucht zu strampeln, aber sein ganzer Körper scheint taub zu sein.
»Das bringt doch nichts. Kommt Ihnen das alles bekannt vor? Ich habe
gehört, dass Sie Katzen auf diese Weise töten. Wie fühlt es sich an, selbst
so dazuliegen?«
Seine Augen wandern zu der Flüssigkeit in ihrer Hand.
»Ich habe gewartet, bis Sie aufwachen. In der Zwischenzeit konnte ich
Ihre Fußabdrücke wegwischen und mich auf dieses und jenes
vorbereiten. Eigentlich wollte ich die für etwas anderes verwenden«,
sagt sie und richtet ihren Blick auf die Maschine neben seinen Beinen.
Dann fährt sie fort: »Mal sehen, was sie kann.«
Sie geht auf ihn zu und lächelt bitter; er schwitzt inzwischen stark. Der
harmlose Gesichtsausdruck von vorhin ist verschwunden. Ein Schauer
läuft ihm über den Rücken.
An der silbergrauen Maschine legt sie einen Schalter um. Der Apparat
brummt ein paarmal, dann verstummt er. Das Geräusch klingt wie das
Aufziehen einer Feder. Auf der Rückseite ist eine große Plastiktonne
befestigt. Er starrt sie an und schreit aus Leibeskräften. Doch seine
Stimme wird vom Klebeband gedämpft.
Während sie ihm dabei zusieht, wie er sich abmüht, erinnert sie sich an
Su-jis fassungslosen Gesichtsausdruck und an die Bilder von brutal
verstümmelten Tierkadavern in der Online-Community. Ihr wird übel
bei der Erinnerung an die Jungs aus ihrer Kindheit, die fröhlich in den
Turnschuhen Ball spielten, mit denen sie gerade Frösche getötet hatten.
Dann schüttet sie ihm eine Flüssigkeit in die Nasenlöcher. Er hustet,
und der Rotz läuft ihm aus der Nase. Die stark nach Kokosnuss
riechende Flüssigkeit rinnt ihm übers Gesicht und den Hals.
»Es ist ein natürlicher Extrakt, aber er ist sehr konzentriert und macht
etwas benommen«, sagt sie, beugt sich vor und greift nach einem seiner
Beine. Dann fährt sie fort: »Aber der Schmerz wird wohl bleiben.«
Sie schiebt das Bein in die Vorderseite der silbergrauen Maschine, die
wie ein dickes Lüftungsrohr wirkt. Das Gerät gibt ein leises Ticken von
sich, während mehrere große Messer sich kreisend in Bewegung setzen.
Die schmalen Klingen rotieren schnell, aber leise. Sie scheinen bereit,
alles zu zerkleinern und zu verschlingen, was sich ihnen in den Weg
stellt. An der Seite des Häckslers prangt in leuchtend roten Lettern die
Warnung: Niemals mit der Hand hineinfassen.
Bald greifen die Stahlklingen ins Fleisch und zerkleinern die ersten
Teile des Fußes. Sofort spritzt Blut aus der Maschine, und Mun Ji-hwan
kann genau sehen, wie seine Zehen verschwinden. Er schreit, so laut er
kann, aber seine schwache Stimme wird bald vom dumpfen Brummen
der Maschine übertönt.
Yu-hee geht in die Hocke und beobachtet, wie die roten Stücke von den
rotierenden Messern in den Plastikbehälter auf der Rückseite
geschleudert werden. Die Maschine ist tatsächlich so gut, wie der
Installateur versprochen hatte. Sie erinnert sich an sein Lächeln, als er
damit prahlte, dass die Maschine Zweige und Sperrholz im
Handumdrehen durchtrennen würde, von Ästen ganz zu schweigen.
Aus dem halb abgetrennten Bein schießt ein Blutstrahl auf den Boden.
Dort sammelt sich das Blut und fließt in die Rinne der vorbereiteten
Plane. Damit es gerade in den Abfluss läuft, streicht sie alles glatt und
befestigt das Ende. Ihre Schürze ist längst durchnässt.
Der Geruch von Kokosnuss ist dem von Eisen gewichen. Yu-hee zieht
den halb bewusstlosen Leib aus der Maschine und greift nach der langen
Klappsäge in der Ecke. Seine blinzelnden Augen verraten
unbeschreibliche Schmerzen. Sie blickt in seine vor Verzweiflung und
Angst erstarrten Augen und treibt die Säge mit aller Kraft in den Körper.
[Stimmt, seit Tagen ist nichts passiert.]
[Vielleicht ist er umgezogen? Weiß jemand was?]
[Einer von uns wohnt doch in demselben Appartementhaus, oder?]
[Jedenfalls ist es schön, ihm nicht mehr begegnen zu müssen.
Er hat die Katzen immer mit diesem unangenehmen Blick angesehen.]
[Angeblich hat er die Strafe noch am selben Tag bezahlt.]
[Meine Rede, er ist verdammt böse.]
[Nun, wir müssen abwarten und weitersehen.]
Nach dem Verschwinden von Mun Ji-hwan tauschen sich die selbst
ernannten Kümmerer von Gangin in einem offenen Chatroom über ihn
aus. Er hatte seine Nachbarn auf subtile und hinterhältige Weise
belästigt und war dann plötzlich verschwunden. Viele Leute sind
neugierig, wie es ihm geht, aber niemand macht sich Sorgen. Alle sagen
wie im Chor: Wenn er gestorben ist, dann hoffentlich auf so grausame
und verhängnisvolle Weise wie die Tiere, die er getötet hat.
Su-ji verlässt die Online-Community und löscht alle Fotos von ihm auf
ihrem Handy. Sie wirft auch alle anonymen Drohbriefe und Zettel weg,
die sie aufbewahrt hatte. Sonst würden die Bilder und alles, was sie
gesehen hat, weiter in ihrem Kopf herumschwirren.
Zum ersten Mal seit langer Zeit führt Su-ji wieder ein normales Leben.
Noch rutscht ihr manchmal das Herz in die Hose, und ihr bricht der
kalte Schweiß aus, wenn sie jemanden in Schwarz »Hallo« rufen hört.
Doch je mehr die Schatten des Winters verschwinden und die ersten
Frühlingsboten sichtbar werden, desto mehr verfliegt die Angst.
Der Schnee, der sich den Winter über auf dem Hof angesammelt hatte,
ist komplett geschmolzen, und der Frühling hält endlich Einzug. Der
neue Häcksler hat ganze Arbeit geleistet. Yu-hee kauft einen großen
Sack Blumenerde und verteilt sie gleichmäßig. Die gefrorene Erde ist
weich geworden und fühlt sich feucht an.
Am ersten Tag, an dem die Temperatur auf über zwanzig Grad steigt,
bemerkt sie eine kleine türkisfarbene Blume in ihrem Garten. Sie weiß,
dass dort eine Unkrautpflanze Blätter trieb, aber sie war mit den
Vorbereitungen für den Frühling im Laden beschäftigt und hat nicht
weiter darauf geachtet. Sie kann sich auch nicht daran erinnern, dort
etwas gesät zu haben. Die Stelle liegt oft im Schatten des Gebäudes und
bekommt nicht viel Sonne ab, deshalb wächst dort nur sehr
widerstandsfähiges Unkraut.
Yu-hee geht in die Hocke und betrachtet die Blüte ganz genau. Die
langen, glockenförmigen Blütenblätter schmiegen sich eng an den
oberen Stängel. Sie glaubt, die Blume schon einmal gesehen zu haben,
kann sich aber nicht an ihren Namen erinnern. Habe ich sie vielleicht
letztes Jahr um diese Zeit auf einem Berg gesehen? Sie öffnet ihre
Notizen-App, in der sie Namen, Formen und Merkmale der Pflanzen
notiert. Sie scrollt nach unten und findet eine Blume mit der gleichen
Farbe.
Lerchensporn. Silberne tropfenförmige Blüten, in verschiedenen Farben –
Wildblume.
An diese blaue Blume erinnert sie sich. Sie hatte sie bei einer
Wanderung am Dumun-Berg entdeckt. Die Farbe der Blüte war eine
Mischung aus Blau und Violett. Die Blume ist ihr wegen ihres
ungewöhnlichen Namens im Gedächtnis geblieben. Man sagt, dass die
Pflanze, außer der Blüte, als Heilpflanze verwendet wird. In der
Blumensprache heißt sie Geheimer Sack und hat dementsprechend eine
dicke, längliche, nach unten hängende Blüte.
Ob so etwas einfach aus dem Nichts im Garten wachsen kann? Sie
grübelt. Seit der Bergwanderung hat sie die Blume nicht mehr gesehen
und auch nicht in den Laden gestellt. Es liegt nicht in ihrer Natur, Samen
einfach irgendwo zu verstreuen. Sie steht auf und starrt auf die Stelle,
wo der Lerchensporn blüht. Sie hat den Dünger vom letzten Winter
noch einmal zerkleinert und dann verteilt. Irgendwo hier muss sie ihn
vergraben haben. Es ist unwahrscheinlich, dass die Samen auf dem
Typen waren, also müssen sie sich mit der frischen Erde, die sie gekauft
hat, vermischt haben. Jedenfalls sehen die Blumen jetzt im Frühling
sehr schön aus. Mit beiden Händen gräbt sie ein wenig in der Erde rund
um den Lerchensporn, und winzige Zwiebeln kommen zum Vorschein.
Vorsichtig greift sie nach der Wurzel und dem Stängel. Als sie sie
hochhebt, hört sie vorne eine laute Stimme.
»Hallo?«
Die Stimme kennt sie. Yu-hee verlässt den Hinterhof, und als sie den
Mann erblickt, muss sie seufzen.
»Guten Tag! Ich glaube, wir sehen uns in jeder Jahreszeit jeweils ein
Mal«, sagt sie.
»Oh, es ist lange her, ich bin Cha Do-kyung.«
»Ja, das weiß ich, aber wenn Sie vor dem Laden so laut sind …«
Sie erweckt den Eindruck, als fände sie sein Verhalten etwas
unangemessen. Er steht da wie bei seinem ersten Besuch, die Füße
ordentlich auf die Kokosmatte gestellt, und schaut sie an. Dann fällt sein
Blick auf den Lerchensporn in ihren Händen.
»Ist das eine neue Blume? Sieht interessant aus.«
Kurz folgt sie seinem Blick. Dann schaut sie ihm in die Augen und fragt
ihn freiheraus:
»Sind Sie wegen der Blumen hier? Oder wird noch jemand vermisst?«
Kaum hat sie den Satz beendet, schlägt er auf das Notizbuch in seiner
Hand und antwortet:
»Ja, genau, erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem wir uns an der
UBahn-Station in der Nähe des Gangin-Apartmentkomplexes begegnet
sind?«
Do-kyung hält ihr ein ordentlich gefaltetes Foto hin, ein Passbild von
Mun Ji-hwan. Sie wirft einen kurzen Blick darauf und antwortet:
»Ich sehe dieses Gesicht zum ersten Mal, aber ich erinnere mich, Sie an
der U-Bahn-Station getroffen zu haben.«
Während er ihr das Foto hinhält, beobachtet er genau, wie sich ihr
Gesichtsausdruck verändert. Ihre Augenbrauen ziehen sich leicht
zusammen, als wäre sie genervt. Ansonsten zeigt sie keine weiteren
Gefühlsregungen. Sie hat ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle. Er
fixiert sie so konzentriert, dass er unwillkürlich die Stirn runzelt. Als sie
seinen Blick spürt, tritt sie einen Schritt zurück und sieht ihn fragend an.
»Oh, es tut mir leid. Ich habe nur nachgedacht.«
Mun Ji-hwan hatte großes Aufsehen erregt und wurde erst zwei
Monate nach seinem Verschwinden als vermisst gemeldet. Auch in
diesem Fall hegt Do-kyung nur einen starken Verdacht, wirkliche
Beweise gibt es nicht. Er traf auf Yu-hee in der Nähe von Mun Ji-hwans
Wohnung. Er war für seine Ermittlungen in der Pförtnerloge des
Apartmentkomplexes, um die Videoaufzeichnungen zu überprüfen,
aber die Daten von diesem Tag waren nicht mehr gespeichert. Trotzdem
ist er sich sicher, dass Choi Yu-hee und Mun Ji-hwan etwas miteinander
zu tun hatten. So muss es gewesen sein. Leider kann er niemandem stolz
erzählen, dass sein polizeiliches Bauchgefühl ihm das sagt.
Warum wird dieser Laden immer wieder mit vermissten Personen in
Verbindung gebracht? Do-kyung hatte sich tagelang den Kopf
zerbrochen, nachdem Mun Ji-hwan als vermisst gemeldet worden war,
aber er fand keine Antwort. Könnte Choi Yu-hee eine Komplizin sein?
Überinterpretation ist eine schlechte Angewohnheit. Bildet er sich alles
nur ein?
Dieses ungute Gefühl, dass da definitiv etwas nicht stimmt, wurde zu
einem Zwang, der ihn schließlich wieder in den Laden zurückgetrieben
hat.
»Es tut mir leid, aber es sind Kunden im Laden, und ich muss diese
Blume reinbringen.«
Ohne seine Antwort abzuwarten, nickt sie leicht und lässt ihn stehen.
»Stört es Sie, wenn ich mich ein wenig umsehe?«, fragt er in der
Hoffnung, etwas aufzuschnappen. Sie hält kurz inne, reißt sich dann
zusammen und setzt ihr typisches Lächeln auf.
»Nein, bitte.«
Er ist erleichtert. Sie ist erstaunlich kooperativ. Er hatte tatsächlich
damit gerechnet, dass sie ihn zum Gehen auffordern würde. Gleichzeitig
quält ihn eine seltsame Frage: Wie kann sie nur so unbekümmert sein?
War es wirklich nur Zufall? Mit ihrer Erlaubnis schaut er sich gründlich
im Hof um. Den Laden will er nicht betreten. Es ist ziemlich voll, und er
könnte sich kaum konzentrieren. Heute schaue ich mir erst einmal die
nähere Umgebung des Geschäfts an. Vielleicht stoße ich auf etwas
Ungewöhnliches. Oder ich brauche wenigstens die Gewissheit, dass ich
am falschen Ort suche. Ein paarmal schlägt er sich mit dem Notizbuch
leicht gegen das Gesicht. Das hat er sich unbewusst angewöhnt, wenn er
einen Tatort untersucht.
Der Hof sieht anders aus als bei seinem letzten Besuch. Er fragt sich, ob
es vielleicht an der Jahreszeit liegt. Als er den hinteren linken Teil betritt,
bemerkt er eine Mulde im Boden. Hat sie dort die Blume ausgegraben,
die sie vorhin in der Hand hielt? Er geht in die Hocke und betrachtet die
Mulde, während in seinem Kopf kreuz und quer die unterschiedlichsten
Gedanken kreisen.
Nach einem langen Atemzug steht er auf, klopft sich die Erde von den
Knien und bemerkt eine große Maschine. Auf den ersten Blick sieht sie
aus wie ein Rasenmäher. Doch der fehlende Griff lässt vermuten, dass
sie nicht für diesen Zweck gedacht ist. Neugierig geht er auf das Gerät zu
und bläht seine Nasenflügel auf. Es riecht schwach nach Eisen, dann
nach Erde und Gras. Hm, so riecht wohl Rasen.
Er schnalzt mit der Zunge und wirft, die Hände in die Hüften gestemmt,
noch einen ausgiebigen Blick über den Hof. Das ungute Gefühl wird er
nicht los, aber mehr kann er hier nicht tun. Schließlich ist Choi Yu-hee in
diesem Fall weder eine wichtige Zeugin noch eine Person von Interesse.
Zumindest nicht offiziell, aber er ist sich sicher, dass sie etwas zu
verbergen hat.
Do-kyung verlässt den Hof, schaut in den Laden, runzelt die Stirn und
geht. Yu-hee starrt durch die Jalousien nach draußen, während sich die
Kunden im Geschäft laut unterhalten, und dreht sich erst wieder um, als
er völlig aus ihrem Blickfeld verschwunden ist.
»Ist die Frau noch da?«, ruft Do-kyung ins Telefon, während er im
Laufen nach Luft ringt. Er muss sich vergewissern. Am anderen Ende
der Leitung vernimmt er die zögerliche Stimme seines Kollegen:
»Ja, ich war gerade in der Nähe, als ich den Anruf bekam. Aber du willst
das doch übernehmen, oder? Wir sind hier alle in Bereitschaft wegen
anderer Sachen. Du weißt schon, die Razzia letzte Woche. Teamleiter
Lim will, dass du hierbleibst.«
»Oh, ich weiß, ich weiß. Ich bin sowieso gleich da.«
Do-kyung steckt sein Handy in die Hosentasche und beschleunigt seine
Schritte. Heute ist endlich die perfekte Gelegenheit, all die Fragen zu
klären, die sich in den letzten Monaten angesammelt haben. Er hatte
viele Vermutungen, und im Zentrum dieses Geflechts von Annahmen
steht diese eine Frau.
Seine Aufregung überwältigte ihn, als er Choi Yu-hee auf der Liste
entdeckte. Sie war nicht nur eine bedeutende Zeugin, sondern auch die
Erste, die den Brand im Shinil-Gebäude gemeldet hatte. Er hat das
Gefühl, endlich einen Hinweis gefunden zu haben, der ihm bisher
entgangen war.