DER ZERBERUSBAUM
»Warum ausgerechnet ein Pflanzenladen?«
Als Yu-hee nach ihrer Kündigung eine Woche vor ihrem letzten
Arbeitstag ihren Kollegen und Kolleginnen mitteilte, dass sie sich
selbstständig machen wolle, reagierten alle ähnlich.
»Kann man mit dem Verkauf von Pflanzen Geld verdienen?
Normalerweise macht man sich doch mit einem Café oder so
selbstständig.«
Auf die neugierigen Fragen ihrer Kollegen hatte sie nur eine Antwort:
»Keine Ahnung. Mal sehen, ob es sich finanziell lohnt. Ich werde
einfach mein Bestes geben.«
Als sie ihnen erzählte, dass sie das Geschäft am Ortsrand von Dosan
eröffnen würde, äußerten sich auch Leute, die ihr sonst nicht so
nahestanden: Dosan sei unattraktiv, niemand käme freiwillig in das
Viertel, außerdem fehle ihr der Geschäftssinn, da sie bisher nur als
Angestellte gearbeitet habe. Alle taten so, als würden sie sich um sie
sorgen, aber jeder wollte nur seinen Senf dazugeben. Yu-hee ließ die
Worte jedes Mal lächelnd über sich ergehen. Wenn sie ihr doch nur mit
dem Startkapital helfen könnten! Aber sie brachte es nicht über sich,
etwas zu sagen.
Auch als sie nach einem Ladenlokal zur Miete suchte, bekam sie
dasselbe zu hören. »Ein Blumenladen hier? Sie haben doch keine
Ahnung, oder?« Sie traf Dutzende, die ihr energisch davon abrieten. Und
alle malten ihre Zukunft schwarz in schwarz. Aber seit ihrem Entschluss
zu kündigen, hatte sie an nichts anderes mehr gedacht als an Pflanzen.
Seit ihrer Kindheit hatte sie davon geträumt, und nach einigen
Umwegen war sie endlich auf dem richtigen Weg. Einen Plan B hatte sie
nicht.
Es gibt Menschen, die ein ungewöhnliches Interesse an Blumen und
Unkraut am Straßenrand besitzen. Yu-hee ist eine von ihnen. Schon als
Kind fand sie auf dem Spielplatz manchmal ein Büschel Gras. Dann
unterbrach sie ihr fröhliches Spiel und widmete ihm ihre ganze
Aufmerksamkeit. Es war so faszinierend zu beobachten, wie die Pflanzen
an den unmöglichsten und scheinbar unfruchtbarsten Stellen wuchsen.
Die fast vertrockneten Wildblumen mit ihren verdorrten Wurzeln
begannen förmlich zu explodieren, wenn es plötzlich regnete. Immer
wieder brachten die Pflanzen ihre Augen zum Leuchten. Das hielt
weiterhin an, selbst als sie in das Alter kam, in dem man sich eigentlich
mehr um seine Freunde kümmert.
Pflanzen haben keine Beine wie Menschen oder Tiere. Sie können sich
nicht eigenständig fortbewegen, aber sie zeigen eine unglaubliche
Lebenskraft, wo auch immer sie stehen. Der Zufall bestimmt ihren
Standort, aber sie machen das Beste aus ihrer Umgebung. Sie sind stille
und verlässliche Freunde, die in jeder Umgebung ihr Bestes geben, um
zu überleben, und selbst in Katastrophen nicht aufgeben.
Als Yu-hee in die siebte Klasse der neuen Mittelschule kam, konnte sie
ihre Begeisterung über die größeren Blumenbeete und Spielplätze nicht
verbergen. Obwohl sie nun mehr für die Schule tun musste, freute sie
sich über die vielen neuen Möglichkeiten. Sie war begeistert von den
gepflegten Stiefmütterchen und Tulpen, um die sich die stellvertretende
Schulleiterin besonders kümmerte. Das zeigte ihr, dass viele Menschen
Pflanzen sehr schätzen. Umso verzweifelter war sie jedoch, als sie sah,
dass einige Leute all die schönen, unschuldigen Blumen zertrampelten.
Yu-hee lehnt sich an den Tresen und beobachtet einen wild baumelnden
Schlüsselanhänger in Form eines leuchtend hellgrünen MonsteraBlattes.
Die Besitzerin des Anhängers, der an einem schwarzen Rucksack
befestigt ist, scheint eine Mittelstufenschülerin zu sein, sie ist höchstens
in der Oberstufe. Sie hat ihr Haar ordentlich zurückgebunden und trägt
eine lila karierte Schuluniform, die Yu-hee noch nie in dieser Gegend
gesehen hatte. Sie muss damals ungefähr in ihrem Alter gewesen sein.
Die Erinnerung an diese Zeit kann sie nicht verdrängen, so sehr sie es
auch versucht. Unbewusst legt sie eine Hand auf ihre linke Brust und
beobachtet, wie die karierte Schuluniform mit dem Schlüsselanhänger
aufgeregt durch den Laden geht.
Min-ha steht in der Mitte des Geschäfts und brennt darauf, sich jede
einzelne Pflanze genau einzuprägen. Alles hier in Sejin ist neu, aber
dieser Ort ist etwas Besonderes. Sie hatte durch Instagram gescrollt und
beschlossen, irgendwann hierherzukommen. Dass es heute sein würde,
war völlig unvorhergesehen. Wegen dieser spontanen Entscheidung
muss sie mindestens zwei Stunden für den Nachhauseweg nach Namin
einplanen. Sie kann sich nicht für jede Pflanze so viel Zeit nehmen, wie
sie möchte, denn sie will vor ihrem Vater zu Hause sein. Doch ihre
Schritte werden gebremst, als würde sie über Baumwurzeln stolpern.
Überall im gedämpften Licht des Ladens gedeihen prächtige Pflanzen,
die das Mädchen noch nie zuvor gesehen hat. Der Jahreszeitenwechsel
liegt noch nicht lang zurück, doch die sommerliche Atmosphäre des
Ladens scheint bereits in herbstliche Düfte getaucht. Dazu passen die
vielen Topfpflanzen mit ihren beruhigenden ockergelben Blüten. An
einer Wand hängen mehrere Sträuße aus Schilf. Min-ha schnuppert
daran, obwohl sie weiß, dass sie nicht duften. Daraufhin muss sie
plötzlich niesen und wendet sich ab. Ihr Blick fällt dabei auf Yu-hee, die
gebundene Schmuckkörbchen ordnet.
Yu-hee blickt direkt in das Gesicht von Min-ha, die aussieht, als wolle
sie gerade ein weiteres Niesen unterdrücken. Sie hielt die Schülerin für
viel jünger, so wie sie beim Eintreten vor Freude gejubelt und alles
fotografiert hatte. Sie war versucht zu fragen, ob sie mit ihren Eltern
gekommen sei. Aber jetzt sieht sie zu ihrer Erleichterung in ein reiferes
Gesicht, als sie erwartet hatte.
Min-ha schaut verlegen, und Yu-hee geht auf sie zu. Sie reicht ihr ein
Taschentuch und sagt:
»Tut mir leid, da ist etwas Staub drauf.«
»Ah, danke, jetzt ist es gut.«
Geräuschvoll putzt Min-ha sich die Nase. Yu-hee nickt und will sich
wieder ihrer Arbeit zuwenden, als sie plötzlich hinter sich Min-ha
fröhlich rufen hört:
»Entschuldigung!«
Yu-hee dreht sich zu ihr um, und Min-ha zeigt mit dem Taschentuch in
der Hand auf den Baum neben ihr. »Kann der wirklich sooo groß
werden? So etwas habe ich noch nie gesehen.«
Eilig stellt sie sich vor die raumhohe Monstera, streckt die Arme aus,
wobei der Schlüsselanhänger an ihrem Rucksack heftig hin und her
baumelt.
»Wenn man auf Licht und Feuchtigkeit achtet, kann eine Monstera so
groß werden. Das da drüben ist ein Ficus benghalensis. Siehst du den
Unterschied zwischen den Blättern am Stamm und in der Krone? Die
Blätter oben bekommen mehr Licht.«
Min-ha dreht ihren Kopf in die Richtung und wiederholt leise ein
paarmal den Namen des Baumes. Yu-hee fragt sich, ob schon einmal ein
Schüler der Mittel- oder Oberschule in ihren Laden gekommen ist. Sie
kann sich natürlich nicht an alle erinnern, aber unter der Woche und in
Schuluniform war ihrer Meinung nach noch niemand hier gewesen. Der
Anblick von Min-ha, die mit leuchtenden Augen vor sich hinmurmelt,
entspannt sie.
»Schau dich um und ruf, wenn du etwas brauchst. Die Pflanzennamen
sollten leicht zu finden sein, sie stehen an den Töpfen.«
Kaum hat Yu-hee ihren Satz beendet, beugt sich Min-ha nickend zu den
kleinen Schildern an den Töpfen hinunter. Als wäre ihr plötzlich etwas
eingefallen, sagt sie vorsichtig:
»Na ja, muss ich denn bei jedem Besuch etwas kaufen? Oder kann ich
mich auch einfach nur umschauen? Äh, ich meine, es ist ja nicht so, dass
ich kein Geld hätte, aber ich wohne ein bisschen weit weg, und
außerdem scheint hier alles teuer zu sein, hm …«
»Nein, du kannst dich einfach umsehen. Nur eines ist wichtig. Sei
vorsichtig mit den blühenden Pflanzen. Und … die hier kostet 1000 Won,
die daneben 3000 Won und die dahinter auch 1000 Won.«
»Ähm …«
»Also, tu dir keinen Zwang an. Ich wollte nur sagen, dass es hier einige
preiswerte Pflanzen gibt«, fügt Yu-hee lächelnd hinzu und verschwindet
in einer Ecke des Ladens. Min-ha folgt ihr strahlend: Die ruhige, klare
Stimme dieser Frau ist voller Selbstbewusstsein, und ihre Schürze ist
ordentlich gebunden. Sogar die Erde auf ihrer grünen Schürze sieht aus
wie bei einer richtigen Erwachsenen. Ob ich eines Tages so werden kann
wie sie? Seit ein paar Monaten besucht Min-ha das Berufszentrum in
Sejin, aber bisher hat ihr das nicht viel gebracht. Für sie ist es wichtiger,
aus ihrem Viertel herauszukommen, als über ihre berufliche Zukunft
nachzudenken.
Sie bereut es nicht, dass sie heute von ihrem Tagesplan abgewichen ist.
Sie schaut sich noch einmal im Geschäft um und vergleicht es mit den
Fotos, die die Leute ins Internet gestellt haben. Die gut beleuchteten
Bereiche stimmen mit den Fotos auf dem Account des Ladens überein,
und auch die dunkleren Ecken sind ordentlich und dekoriert.
Es scheint nichts herumzuliegen, was aber nicht bedeutet, dass alles
perfekt aufgeräumt und jede Oberfläche makellos ist. Die unerklärliche
Behaglichkeit und Geborgenheit sind wahrscheinlich auf die Anordnung
der Pflanzen zurückzuführen. Min-ha geht zurück und steht wieder vor
der Tür. Nach den beruhigenden Worten der Ladenbesitzerin fühlt sie
sich nicht mehr verpflichtet, etwas zu kaufen. »Ich kann etwa 5000 Won
ausgeben«, murmelt sie trotzdem und spielt mit den Händen in ihrer
Jackentasche.
Die große Monstera fesselt weiterhin ihre Aufmerksamkeit. Die
glänzenden Blätter an den langen, geraden Stielen sind von tiefen
Einkerbungen durchzogen, und es ist seltsam beruhigend, sie
anzusehen. Sie hat auch gehört, dass Monsteras in seltenen Farben hohe
Preise erzielen. Aber es geht ihr nicht um das große Geld. Pflanzen wie
die Monstera brauchen ständige Pflege, um perfekt auszusehen. Sie ist
fasziniert und begeistert von der Idee, sich um so etwas zu kümmern.
Seit ihrer Kindheit steht bei ihr zu Hause auf dem Hof ein kleiner
Baum. Er ist nicht größer als Min-ha und wächst ohne besondere Pflege.
Er hat schon viele Winter überlebt und trägt im darauffolgenden Jahr
immer wieder neue Blätter. Sie weiß nicht, was das für ein Baum ist und
wie lange er schon dort steht, aber immer, wenn sie traurig ist, läuft sie
zu ihm und weint. Oft erzählt sie ihm Dinge, die sie ihren Freunden
nicht anvertrauen kann. Außerdem lehnt sie sich an seinen Stamm, um
unbemerkt die Wärme der Wunden auf ihren Handrücken und den
Armen zu kühlen. Bei Minusgraden und Schneefall oder auch im
schweißtreibenden Sommer setzt sie sich für eine Weile zu ihm. Selbst
wenn sie mit starken Schmerzen im Bett liegt, denkt sie an seine
kräftigen geraden Äste und die zarten dunkelgrünen Blätter. Dann lässt
der Schmerz nach, und sie wird ruhiger, als hätte sie ein Mittel gegen
Erkältung oder Fieber genommen.
In einer Ladenecke findet sie wieder Chinaschilf. Überall stehen
Büschel, mit dünnen violetten Fäden fest zusammengebunden, in
durchsichtigen Vasen. »Vielleicht ist das Schilfrohr«, murmelt sie leise
vor sich hin. Den Unterschied zwischen den beiden Pflanzen kennt sie
nicht. Sie weiß nicht, was für eine Pflanze Chinaschilf ist und wo Schilf
wächst. Aber sie weiß ganz genau, wie rau die Oberfläche solch einer
Pflanze sein kann und wie hart ihre Halme sind. Vor ihrer Haustür ist ein
Feld mit Pflanzen, die genau so aussehen wie dieses Schilf. Sie haben
immer die gleiche Farbe und Höhe, sodass man nicht erkennen kann, ob
einzelne schon vertrocknet sind. Wenn Min-ha dorthin ausreißt, wird sie
immer schnell gefunden und zurückgebracht. Ihre Hände tragen nun
die gleichen Narben wie die ihrer Mutter.
Min-ha streckt ihre Hand nach den weichen Enden des straff
gebundenen Chinaschilfs aus. In ihrer Handfläche fühlt es sich
angenehm weich an. Fragen gehen ihr durch den Kopf: Woher hat die
Frau so etwas Schönes? Sind die Halme und Wurzeln nicht rau und
hart? Dann neigt sie den Kopf, um sich das untere Ende der
zusammengebundenen Halme in der Glasvase anzusehen. In diesem
Moment kippt langsam eine andere Vase um, die ihr Pferdeschwanz
berührt hat.
Sie spürt noch etwas an den Haarspitzen und blickt schnell auf, doch es
ist zu spät. Sofort geht sie in die Hocke und greift nach dem Bündel
Chinaschilf, das zwischen den Scherben auf dem Boden liegt.
»O nein, bitte nicht anfassen!«
Im selben Moment ertönt Yu-hees dringliche Stimme, und Min-ha hält
inne. Yu-hee, die ihren Kopf durch die dicken grünen Vorhänge im
hinteren Teil des Ladens gesteckt hat, eilt herbei, und Min-ha lässt sich
aus der Hocke auf den Boden fallen.
»Bist du verletzt? Pass auf die Scherben auf. Die könnten auch auf dem
Boden liegen.«
Yu-hee hilft ihr auf. Min-has Arme sind nass vom Wasser aus der Vase.
Vorsichtig streicht Yu-hee über die Ärmel der Schuluniform, weil sie dort
weitere Glassplitter vermutet. Dabei entdeckt sie eine helle Narbe, die
sich vom Handgelenk bis zum Arm zieht. Als Min-ha ihren Blick spürt,
lässt sie schnell die Hand sinken und tut so, als würde sie die Arme
schütteln.
»Oh, danke, aber was soll ich … das Glas ist …«
Min-ha schaut panisch zu Boden. Yu-hee schüttelt den Kopf und
beschwichtigt sie:
»Ist schon gut. Du musst aufpassen, dass du dich nicht verletzt. Die
Vasen gehen leicht zu Bruch. Auch anderen Kunden passiert das
manchmal.«
Ruhig und professionell räumt sie die Scherben vom Boden, und Minha
entspannt sich. Von einem kleinen Hocker aus, zu dem Yu-hee sie
geführt hat, beobachtet sie, wie Yu-hee die Scherben und das Chinaschilf
zusammenkehrt. Als der Boden sauber ist, sagt sich Min-ha, dass jetzt
alles wieder in Ordnung ist. Yu-hee holt einen kleinen Schlauch und
spritzt jeden Winkel ab, um sicherzugehen, dass sie nichts übersehen
hat.
»Hast du etwas entdeckt, was dir gefällt?«, fragt sie.
Min-ha, die Yu-hee auf Schritt und Tritt mit ihren Augen gefolgt ist, ist
von der Frage überrascht und antwortet konfus, wie es ihr gerade in den
Sinn kommt.
»Ja, ich meine, die Monstera ist schön. Aber auch das Chinaschilf, so
heißt es doch, oder? Obwohl ich das Glas kaputt … die sind auch schön,
und außerdem …«
Min-has Blick wandert durch den Laden, und sie versucht, die Namen
der Pflanzen herauszufinden, die sie wiedererkennt. Ihre unruhigen
Bewegungen und ihr ratloser Gesichtsausdruck sind typisch für eine
Jugendliche. Doch die lange, scharfe und blasse Narbe an ihrem Arm
lässt Yu-hee irgendwie nicht los. Sie hat ihr gesagt, sie käme von weit
her, also muss sie gezielt hierhergekommen sein. Yu-hee betrachtet den
Schlüsselanhänger an Min-has Rucksack. Es wäre schön gewesen, wenn
sie sich damals im Alter dieses Mädchens auf etwas anderes hätte
konzentrieren können. Dann hätte sie länger durchgehalten und wäre
nicht weggelaufen.
Yu-hee mustert Min-has Schuluniformjacke und ihr Hemd, die mit
kupfernen Wasserflecken übersät sind. Dann antwortet sie:
»Ja, du hast recht, das ist Chinaschilf. Mach dir keine Gedanken, sie
waren nicht mehr frisch. Und du kannst auch das hier mitnehmen,
wenn du willst.«
Yu-hee hält etwas in der Hand, das aussieht wie ein kleiner runder
Kieselstein. Er liegt ordentlich in einem Topf, der kaum größer ist als der
Stein selbst. Min-ha schaut ihn mit großen Augen an.
»Ist das nicht süß? Das sind Lithops, auch lebende Steine genannt. Sie
gehören zur Gattung der Sukkulenten und ruhen vom Frühjahr bis zum
Sommer, um dann im Herbst zu wachsen und zu blühen. Sie sehen aus
wie Steine, das soll sie tarnen.«
»Wow, ich dachte, das sind Steine.«
Unwillkürlich streckt Min-ha ihre Hand nach den kleinen, prallen
Lithops aus, und Yu-hee zieht sie ein Stück zurück.
»Sie reagieren empfindlich auf kleine Verletzungen, deshalb darf man
sie nicht drücken. Ich habe sie letzten Winter in aller Eile gesät, und sie
sind gut gewachsen. Für alle Fälle habe ich ein paar beiseitegelegt, du
kannst dir welche aussuchen, die dir am besten gefallen.«
Yu-hee nimmt drei weitere Töpfe von einem kleinen Tisch und zeigt sie
ihr.
In den handtellergroßen Tontöpfen befinden sich Lithops, etwa so groß
wie ein halber Daumen. Min-ha betrachtet sie einen Moment und wählt
die lindgrünen, die aussehen, als wären sie mit fluoreszierender Farbe
überzogen. Sie sind einzigartig, weil sie in der Mitte einen klaffenden
Spalt haben, wie ein Mund, der sich öffnet, um etwas zu sagen.
»Du hast dir ein schönes Exemplar ausgesucht«, sagt Yu-hee, »aber es
könnte ein kleiner Spätzünder sein.«
Sie nimmt den Blumentopf, und Min-ha folgt ihr zum Tresen. Yu-hee
erinnert sie noch einmal eindringlich daran, dass Verletzungen schwer
zu heilen sind, und verpackt die Pflanze sorgfältig in einen Plastikbecher,
um sie vor Stößen zu schützen. Fasziniert beobachtet Min-ha, wie Yuhee
gekonnt aus einem festen Papier eine Schachtel formt und mit
Klebeband einen Griff daran befestigt.
»Findest du auch das so spannend?«, fragt Yu-hee.
»Ah … ja. Ich habe noch nie einen Blumentopf so eingepackt gesehen.
Oh, vielen Dank!«
Min-ha nimmt die gut verpackte Topfpflanze und verlässt mit
fröhlichen Schritten den Laden. Über ihrem Kopf ertönt noch einmal die
helle Türglocke, während neue Kunden an ihr vorbei eintreten. Sie
winkt den Katzen zu, die über den Hof laufen, und stellt fest, dass sie
deutlich später aufbricht als geplant.
Obwohl keine neue Nachricht auf ihrem Handy eingeht, kann sie ihre
Nervosität nicht unterdrücken. Der Weg von Dosan nach Hause ist
länger als gedacht. Mit der Pflanze eilt sie zur Bushaltestelle. Trotz des
kühlen Windes schwitzt sie am ganzen Körper. Ob der Lehrer in meiner
Schule gemerkt hat, dass ich heute einen Teil des Programms im
Berufszentrum geschwänzt habe? Normalerweise meldet er sich nicht
bei meiner Mutter. Es wird schon gut gehen. Nein, vielleicht hat er sie
heute doch angerufen oder ihr geschrieben? Was ist, wenn mein Vater
das Gespräch mitgehört hat?
Sie verpasst den Bus, starrt auf ihr Handy und stampft nervös mit den
Füßen. Nach zweimaligem Umsteigen schafft sie es gerade noch, einen
Überlandbus zu erwischen, aber entspannen kann sie sich nicht. Bitte,
hoffentlich ist heute einer der Tage, an denen ihr Vater sehr spät nach
Hause kommt. Womöglich macht er betrunken eine Szene oder bringt
seine Saufkumpane mit, die Min-ha unangenehm beäugen. Er darf nur
nicht wissen, dass sie spät nach Hause kommt.
Der Bus rast schon die Straße hinunter, und die Sonne verschwindet
bereits hinter den Bergen. Als sie in den Nahverkehrsbus nach Hause
umsteigt, ist es schon nach sieben. Zum ersten Mal ärgert sie sich über
die langsame Fahrt. Der Griff der Lithops-Schachtel ist schweißnass.
Als sie zu Hause ankommt, atmet sie tief durch. Sie will die Schachtel in
ihren Rucksack stecken, aber da ist kein Platz mehr. Sie überlegt einen
Moment. Die Verpackung ist immer noch sauber und ordentlich. Die
Ladeninhaberin sagte, dass sie die Pflanze nicht beschädigen soll. Sie
muss heil in ihr Zimmer gelangen. Aber wo soll ich sie jetzt nur
verstecken?
»Kim Min-ha!«
Während sie tief durchatmet und ein unschuldiges Gesicht aufsetzt,
hört sie hinter sich die Stimme, der sie am liebsten aus dem Weg
gegangen wäre. Er ist also schon da. Langsam dreht sie den Kopf und
versucht angestrengt, ihr pulsierendes Herz wieder zu beruhigen.
Ihr Blick bleibt an seiner schwarzen Plastiktüte mit den klappernden
Schnapsflaschen hängen. Ausgerechnet heute! Langsam schlurft er in
seinen Latschen auf sie zu. Sie spürt, wie sein Blick unaufhörlich auf der
ockerfarbenen, rechteckigen Schachtel haftet.
Kann sie die verletzten Lithops wieder zum Leben zu erwecken? Bei
dieser Frage schließt Min-ha gefasst die Augen. Der Gedanke an das
Inferno mit ihrem Vater, das nur einen Tag später wieder beginnt, lässt
ihren ganzen Körper verkrampfen.
Am nächsten Morgen steht Yu-hee im Hof und ordnet ihre Gedanken.
Man könnte meinen, dass das Gras und die Bäume im Garten wachsen,
wie sie möchten. Doch das tun sie nicht. Wenn man sich nicht um die
Erde und das Gras kümmert, sterben sie irgendwann buchstäblich ab.
Normalerweise kümmert Yu-hee sich immer nach dem letzten
Monsunregen um den Boden und das Gras, aber dieses Jahr war die
Regenzeit besonders lang, sodass sie den richtigen Zeitpunkt nicht fand.
Deshalb haben sich einige Stellen in überdüngte rote Gruben
verwandelt, während an anderen Stellen die Erde grau geworden ist.
Yuhee sitzt auf einer kleinen Stufe vor dem Eingang und lässt ihren Blick
über den Hof schweifen.
Das Umgraben des Bodens ist zwar harte Arbeit, doch sie tut es gern.
Am liebsten berührt sie die Erde mit bloßen Händen. Die Hände lassen
sich nach der Arbeit schnell säubern, und auch die Kleidung kann ohne
großen Aufwand gebürstet oder gewaschen werden. Mit Handschuhen
würde sie die Energie des Bodens und die darunter vergrabene
Nützlichkeit nicht richtig spüren. Seit sie ihre Pflanzen züchtet, ist sie es
gewohnt, mit bloßen Händen zu arbeiten. Eine Ausnahme bilden die
Giftpflanzen.
Yu-hee teilt ihren Hof in vier Bereiche ein und überlegt, womit sie
zuerst anfangen soll. Die Pflanzen, die draußen wachsen, müssen jetzt
auf den Winter vorbereitet werden. Einige werden überleben, andere
nicht. Auf jeden Fall muss sie einen Teil des kahlen Bodens freilegen. Ihr
kommt die Idee, den Vorgang zu dokumentieren, und sie greift nach
ihrem Handy.
Die Benachrichtigungen für alle Social-Media-Accounts und E-Mails hat
sie ausgeschaltet. So bekommt sie in der Regel nicht mit, wer ihr
Nachrichten schickt, auf Gefällt mir klickt oder Kommentare schreibt.
Doch manchmal tauchen unerklärlicherweise Benachrichtigungen auf.
So wie heute.
Das mag sie nicht. Also loggt sie sich in ihr Konto ein, um das rote
Symbol in der Ecke des App-Icons zu entfernen. Eine Flut ungelesener
Nachrichten und Kommentaren erwartet sie. Seit sie das Konto
eingerichtet hat, hat sie ihre Nachrichten nicht mehr gelesen.
Vermutlich hat sich einiges angesammelt. Und wenn sie eine Nachricht
liest, muss sie alle lesen. Als sie die Anwendung sofort wieder schließen
will, bleibt ihr Blick an der ersten Benachrichtigung hängen, und sie hält
inne. An sich ist es nichts Bemerkenswertes, und den Absender kennt sie
auch nicht. Doch die Anzahl der Nachrichten – fast zehn – macht sie
stutzig.
Ha11 hat unzählige Fotos geschickt, die offensichtlich immer wieder
aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen wurden. In der Betreffzeile
steht mehrmals Hilfe. Sie klickt auf eines der Fotos. Es ist die
Frontalaufnahme hellgrüner Lithops mit einer tiefen Wunde in der
Mitte. Sie scheinen nicht mehr zu retten zu sein. Auch die Erde ist
aufgewühlt, und ein Teil des Topfes scheint leicht angeknackst, auch
wenn das nicht ganz genau zu erkennen ist.
Erst als Yu-hee sich alle Fotos angesehen hat, wird ihr klar, dass es ihre
Pflanze ist. Sie überfliegt die Nachrichten von Ha11. Hilfe! Was soll ich
tun? Sie sind hastig geschrieben, und der Absender fragt, wie man die
Lithops retten kann. Niemand hat in letzter Zeit Lithops hier gekauft.
Yuhee wollte sie erst präsentieren, wenn ein paar Töpfe in voller Blüte
stehen. Aber einer Person hatte sie einen solchen Topf geschenkt.
Unwillkürlich muss Yu-hee an die lange, dünne Narbe denken, die sich
unter dem elfenbeinfarbenen Hemd der Schuluniform abzeichnete.
Ha11 schreibt und löscht immer wieder Nachrichten. Yu-hee scrollt
nach oben und entdeckt ein weiteres Foto. Sie kann nicht glauben, dass
sie einen Tag später schon so eingegangen sind. Vielleicht habe ich ihr
eine Pflanze gegeben, die zu schwer zu pflegen ist. Vielleicht habe ich sie
schlecht eingepackt, vielleicht hätte ich sie fester zusammenbinden
sollen.
Das
Das war ich nicht.
Zwei Nachrichten hintereinander. Yu-hee erinnert sich an das Mädchen
mit dem gepflegten Pferdeschwanz und den leuchtenden Augen, das
durch den Laden ging, als wäre alles aufregend und spannend. Sie
möchte verstehen, was passiert ist und ob die Lithops überleben werden,
doch noch mehr interessiert Yu-hee, warum die Schülerin mit den
wachen Augen so etwas schreibt. Sie unterbricht ihre wirren Worte mit
der Frage:
Kannst du wieder in den Laden kommen? Jederzeit.
Nach dieser Nachricht von Yu-hee blickt Min-ha auf den Kalender über
ihrem Schreibtisch. Durch die gestrigen Ereignisse kann sie unmöglich
etwas für die nächste Zeit planen. Sie hat ihrem Vater gesagt, dass es ein
Geschenk gewesen sei und sie nichts dafür bezahlt habe, aber er hat ihr
nicht geglaubt. Er beschuldigte sie, sein hart erarbeitetes Geld für Unsinn
auszugeben, und stellte, wie so oft, das Haus auf den Kopf. Doch sein
Ausbruch dauerte länger als sonst, und Min-ha musste mit ansehen, wie
der Inhalt der Schachtel durch den ganzen Raum flog. Erneut fühlte sie
sich zutiefst frustriert. Min-ha hatte still dagestanden, während ihr Vater
und seine Freunde kichernd sagten, dass man Kinder auch schlagen
dürfe, um sie zu erziehen. Und nun wurde ein Geschenk, das nur für sie
bestimmt war, zu Boden geworfen und in den Garten geschmissen. Bei
diesem Anblick kroch wieder die Angst in ihr hoch, dieser Knechtschaft
niemals entkommen zu können. Kann eine zerstörte Pflanze oder ein
Mensch wie ich jemals wieder lebendig werden? Als sie die verletzte
Pflanze betrachtete, stieg Wut aus der Tiefe ihres Herzens auf. Auf dem
Social-Media-Account des Pflanzen-Shops stand, dass sie keine DirektNachrichten
beantworten. Aber Min-ha hatte keine Wahl.
Wieder und wieder liest sie Yu-hees Nachricht. Es dauert immer eine
Weile, bis sich der Zorn ihres Vaters legt. Eine verflucht lange Zeit. In den
nächsten Monaten kann sie nicht nach Sejin fahren. Sie weiß nicht, ob
sie das diesmal durchsteht.
Komm bitte allein, ohne die Lithops, schreibt Yu-hee. Diese Nachricht
wird als gelesen markiert, doch es erfolgt keine Antwort. Auch nicht
nachdem sie ihren Laden geöffnet, die Kunden begrüßt und ihre liegen
gebliebenen E-Mails beantwortet hat.
Die Schülerin wird auf jeden Fall wiederkommen. Yu-hee weiß nicht,
wann, aber sie wird es tun. Und wenn sie Hilfe braucht – was Yu-hee
vermutet – wird sie darüber nachdenken, wie sie ihr helfen kann. Wer
hat die Lithops nur so zugerichtet? »Lauf, Choi Yu-hee. Lauf!« Sie
vernimmt die Stimme aus der fernen Erinnerung und legt unwillkürlich
den Kopf in den Nacken. Fast hört sie die kichernden Jungen und denkt
an die unbekannte Flüssigkeit auf dem schwarz-grünen Rock ihrer
Schuluniform. Damals hatte sie die Schule mit verschlossenen Ohren
und starrem Blick verlassen. Ich war es nicht, sagte sie immer wieder,
aber niemand glaubte ihr. Plötzlich kommt ihr ein Gesicht in den Sinn,
und sie schließt fest die Augen. Yu-hee weiß nicht, was mit dem
Mädchen los ist, aber sie muss ihr helfen.
Sie nimmt ein Paar Latexhandschuhe von der Werkbank, zieht sie
vorsichtig an und macht sich dann auf den Weg zum Dachboden. Vorbei
an zwei Müllsäcken, die sorgfältig mit Erde aufgefüllt und geruchsdicht
verschlossen sind, erreicht sie das große Gewächshaus in der hintersten
Ecke, das von Plastikvorhängen verhüllt ist. Langsam öffnet sie die Tür.
In dem Gewächshaus stehen in regelmäßigen Abständen junge Bäume.
Ihr Blick wandert zur Unterseite einer weißen, hell gefleckten Blüte,
deren Mitte herauszufallen scheint. An ihr hängen zwei pralle, längliche,
hellgrüne Früchte. Sie sind noch nicht ganz reif. Yu-hee beschließt, sie
noch ein paar Tage hängen zu lassen, damit sie ihre volle Wirkung
entfalten können.
Prüfend fährt sie mit der Hand über eine Frucht. Normalerweise kann
man sie nur alle zwei bis drei Jahre verwenden, aber Yu-hee wird sie
bald ernten. Sie hatte immer ihren Zweck erfüllt, und dieses Mal wird es
nicht anders sein. Langsam streicht sie über die raue Oberfläche und
wirft einen letzten Blick auf ihr Handy.
»Siehst du dir das immer noch an?«, fragt Officer Park und blickt auf
einen Ausdruck auf Do-kyungs Schreibtisch. Nachdenklich dreht Dokyung
seinen Kopf zu dem Polizisten, zieht eine Augenbraue hoch und
springt auf.
»Warum fragst du? Hast du etwas gehört? Gibt es einen Zeugen oder
so?«
»Nein, nein, nichts dergleichen. Ich frage nur, weil ich neugierig bin.«
Do-kyungs Augen verlieren das Funkeln, als der Polizist mit den
Schultern zuckt und geht. Er kratzt sich am Kopf und lässt sich zurück
auf den Stuhl fallen.
»Ich wünschte, ich könnte etwas finden, nur eine Sache … nur eine
einzige Sache. Irgendetwas muss es doch geben«, murmelt er vor sich
hin. Missmutig kritzelt er mit seinem Kugelschreiber. Teamleiter Lim
kehrt zu seinem Platz zurück.
»Mein Gott, nach dem Bericht von vorgestern ist das doch
abgeschlossen, oder? Das ist nicht unser einziger Fall«, sagt er verärgert
zu Do-kyung und verzieht das Gesicht. Officer Park, der sie aus einiger
Entfernung beobachtet hat, gesellt sich eilig zu ihnen.
»Es wurde nicht einmal eine Leiche gefunden«, fügt Lim hinzu.
»Nein, aber es ist trotzdem etwas seltsam«, erwidert Do-kyung. »Es gibt
einige Überschneidungen bei den Routen der Vermissten, und ich bin
mir nicht sicher, ob das wirklich richtig gecheckt worden ist. Ich sage das
nur, weil es nicht von Anfang an mein Fall war.«
Missmutig deutet er auf das Blatt vor sich.
»Ich denke«, entgegnet Lim, »das ist doch alles schon überprüft
worden, oder? Und übrigens, du hast doch gesagt, dass sich die meisten
Vermissten aus Annam ins Ausland abgesetzt haben. Allein in Sejin gibt
es jedes Jahr Tausende Vermisste, nicht Hunderte, sondern Tausende. Ist
dir das eigentlich bewusst?«
Lim hebt die Stimme und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Dokyung räuspert sich und erwidert:
»Ich versuche nur, den Fall weiterzuverfolgen, und einen der Orte, die
sich überlappen, finde ich verdächtig.«
An der Stelle auf der Karte, auf die er zeigt, steht Pflanzen-Shop. Lim
schaut kurz hin und blickt sofort wieder auf. Er seufzt in Richtung Dokyung und sagt:
»Okay, nehmen wir mal an, einige der Vermissten waren in dieser
Gegend unterwegs. Na und?«
»Wenn es eine Überschneidung gibt, sollten wir dem nachgehen, oder
nicht?«
Kaum hat Do-kyung den Satz beendet, schüttelt Lim missbilligend den
Kopf und zückt sein Handy. Er sucht etwas. Es ist der Social-MediaAccount vom Pflanzen-Shop.
»Hier, dem folge ich auch. Jeder, der in Sejin wohnt, geht mindestens
einmal dorthin. Viele Leute fahren extra wegen dieses Ladens nach
Sejin. Stimmt’s, Ji-hwan?«, fragt Lim Officer Park, der ihn interessiert
ansieht. Dieser erstarrt kurz, richtet sich dann auf und antwortet:
Ȁh, ich war schon mal da, aber nur, weil meine Freundin mich
mitgenommen hat.«
»Siehst du? Ich habe doch recht, oder? Do-kyung, du solltest dir das
auch mal ansehen. Ich war dort, und Ji-hwan auch. Es ist ein sehr
bekannter Ort, dementsprechend gehen viele Leute ein und aus. Es ist
doch klar, dass sich dann dort die Wege kreuzen. Meinst du nicht?«
Do-kyung kneift die Augen zusammen und greift nach seinem Handy.
Auf dem Social-Media-Account des Pflanzen-Shops sind viele Bilder von
blühenden Pflanzen in allen Farben und von Gewächsen, von denen er
noch nie etwas gehört hat.
»Ich bin sicher, da ist nichts dran«, fügt Lim noch hinzu.
Do-kyung blickt zwischen seinem Handy und den Ausdrucken auf
seinem Schreibtisch hin und her. Dann beschäftigt er sich eingehend mit
dem Account des Ladens. Die Besitzerin scheint jeden Tag zu einer
bestimmten Zeit zu posten, und es gibt eine ganze Reihe von Likes. Es
sieht aus wie ein normaler Werbe-Account eines Geschäfts.
Unbewusst scrollt er bis zu einem Beitrag aus dem letzten Jahr, der
Basilikum und Minze zu dieser Jahreszeit zeigt. Plötzlich runzelt er die
Stirn. Die anderen Pflanzen kennt er nicht, aber Basilikum und Minze
kann er genau identifizieren, denn sie sind bei ihm schon häufig
eingegangen.
Seine ungewöhnliche Leidenschaft, Pflanzen aus Samen zu ziehen,
trieb ihn dazu, Basilikum und Minze auszusäen, aber auch nach über
einem Monat keimte nichts. Da er dachte, sie bekämen zu wenig Wasser,
goss er reichlich und wartete einige Wochen, bis er nur noch
verschimmelte Erde vorfand. Auch wenn er gesunde Kräuter aus einem
örtlichen Blumengeschäft mitbrachte, verwelkten sie immer, sobald er
damit die Schwelle seiner Wohnung überschritt. Er bekam den Rat, dass
es für die Pflanzen zu viel sein könnte, wenn er sie den ganzen Tag
anstarrte. Also versuchte er, sie bewusst zu ignorieren. Er brachte sie
persönlich zum Blumenhändler, ließ sie nach einer Beratung
fachmännisch umtopfen und die Erde wechseln, aber auch dies blieb
ohne Erfolg.
Wie oft waren ihm die Wurzeln verfault? Und er musste sie mitsamt
der Erde entsorgen. Die schwarzen Stängel und die schlaffen Blätter sind
ihm bis heute im Gedächtnis geblieben. Mürrisch schaut er sich noch
einmal die Fotos der Kräuter und des Ladens auf seinem Handy an. Im
Vergleich zu seinen Pflanzen, deren hängende Köpfe trotz seiner
Bemühungen immer wieder kläglich zur Seite fielen, scheinen
Basilikum und Apfelminze dort in einer anderen Welt zu leben. Wie
können die nur so viele Blätter haben? Do-kyung betrachtet die Fotos
und schüttelt verständnislos den Kopf. Das frische Grün erinnert ihn an
die Vergangenheit, und plötzlich liegt ihm das Mittagessen schwer im
Magen. Er verzieht das Gesicht.
»Was ist los? Stimmt etwas nicht?«, fragt Lim.
»Doch, mir ist nur ein bisschen übel. Weißt du, ich mag eigentlich kein
Grünzeug.«
Do-kyung checkt noch schnell die Ankündigungen der Ladenbesitzerin
und klappt dann sein Handy zu.
»Also, ich weiß«, sagt er, »dass es ein beliebtes Geschäft ist, aber ich
habe so ein komisches Gefühl. Es ist zwar nicht offensichtlich verdächtig,
aber trotzdem – irgendetwas erscheint mir suspekt. Es gibt in dieser
Gegend nur einen Markt und kaum Überwachungskameras.«
»Auch keine öffentlichen?«
»Nein. Es ist keine normale Wohngegend und außerdem etwas
abgelegen. Dosan liegt doch am Stadtrand von Sejin.«
Lim schüttelt resigniert den Kopf.
»Okay, okay, das ist ja alles schön und gut, aber lass uns bitte tun, was
getan werden muss. Ich weiß, du hörst nicht auf mich, bis Ende der
Woche muss alles erledigt sein, verstanden?«
Do-kyung antwortet nicht, sondern betrachtet angespannt den Stapel
Ausdrucke: Warum sind die Leute so begeistert von diesem Laden? Es ist
kein Restaurant, keine besondere Galerie mit einzigartigen
Ausstellungen, sondern nur ein kleiner Laden am Rand der Stadt.
Er beschließt, demnächst dem Pflanzen-Shop einen Besuch abzustatten.
Und zwar in seiner Freizeit, ohne dem Teamleiter etwas zu sagen. Was
ist so besonders an diesem Laden mit dem schlichten Namen? Genau
wie die Hinweise zu den Vermisstenfällen interessiert ihn, was den sonst
nicht so Social-Media-affinen Teamleiter dazu veranlasst hat, auf seinem
Handy zu surfen.
Es ist kurz nach Mittag, als Min-ha im Pflanzen-Shop ankommt. Sie ist
ein bisschen verlegen, weil drinnen und draußen großer Betrieb
herrscht. Aber es gibt keine Garantie, dass ein solcher Tag wie heute sich
wiederholt. Es ist ihre letzte Chance. Sie läuft vor dem Laden auf und ab
und schaut zu den Katzen im Hof. Yu-hee sieht sie und führt sie hinein.
Min-ha trägt dieselbe Schuluniform und denselben Schlüsselanhänger
wie vor ein paar Wochen.
»Die Lithops sind nicht mehr zu retten, das weißt du, oder?«, fragt Yuhee leise,
nachdem alle anderen Kunden gegangen sind. Min-ha starrt
Yu-hee an und senkt den Kopf. Ihr Pony verdeckt ihre Augen, und Yu-
hee kann ihren Gesichtsausdruck nur deuten. Sie möchte wissen, wer
die Lithops so zugerichtet hat, wartet jedoch, bis Min-ha von selbst etwas
sagt.
»Ich wünschte, mein Vater würde … aufhören … und …«, bricht sie das
Schweigen und sieht Yu-hee mit geröteten Augen an. »Wenn er nur ein
bisschen … diesen Schmerz verstehen könnte …«
Nachdem sie diese Worte aus tiefstem Herzen ausgesprochen hat,
brechen undefinierbare Emotionen aus ihr heraus. Sie lässt den lange
zurückgehaltenen Tränen freien Lauf. Während sie tief und schwer
atmet, tropfen sie auf ihre Füße, als würde sie nach langer Zeit alles aus
sich herauslassen. Sie krallt ihre Hände in den Rock ihrer Schuluniform
und lässt sich zu Boden sinken.
Yu-hee legt sanft ihre Hand auf Min-has Schulter und schaut auf sie
hinunter. Hätte ihr doch nur jemand zugehört! Min-ha lehnt sich an die
Wand und schlägt die Hände vors Gesicht. Yu-hee erkennt an ihnen
mehrere frische Narben. Sie erzählen vielleicht nicht die ganze
Geschichte, doch sie tragen sicher die schmerzhaftesten Erinnerungen in
sich. Mit einem leisen Seufzen reicht sie Min-ha ein Taschentuch, als sie
mit verquollenen Augen aufblickt.
Während sie sich das Gesicht abtupft und ihre Fassung zurückgewinnt,
holt Yu-hee zwei kleine hellgrüne Früchte. Min-ha starrt die länglich
glatten Früchte in Yu-hees Händen an, die wie eine Mango oder eine
unreife Tomate aussehen.
»Du kennst die wahrscheinlich nicht. In anderen Ländern hat sie einen
ungewöhnlichen Namen und wird vielseitig verwendet.«
Yu-hee legt eine Frucht des Zerberusbaums in Min-has Hand und fährt
fort: »Ich nehme an, dass sie für jemanden von großem Nutzen ist.«
Während Min-ha die Frucht anstarrt, beginnt Yu-hee mit dem
Verpacken. Dabei ist mehr Präzision erforderlich als bei einem Topf.
Min-ha beobachtet Yu-hees akribische Bewegungen.
»Schön, dass die Frucht ihren Platz gefunden hat«, sagt Yu-hee. »Die
Blüten sind übrigens sehr schön, ich schicke dir später ein Foto.«
Während Min-ha die sorgfältig verpackte Frucht in ihre Tasche steckt,
drückt ihr Yu-hee ihr Handy in die Hand und sagt:
»Du bist die Erste, der ich je vom Account des Ladens geantwortet habe,
also lass uns künftig texten oder telefonieren. Tipp hier deine Nummer
ein.«
Min-ha nimmt das Gerät und nickt, während sie sich die Tränen aus
den Augen wischt.
Sie kommt genauso spät nach Hause wie beim letzten Mal. Ihr Vater
verlangt, dass das schlechte Benehmen aufhört, und schlägt sie. Aber sie
wehrt sich anders als früher. Sie hält sich mit beiden Händen am
Schulterriemen ihrer Tasche fest und sieht, wie ihre Mutter mit
zerzaustem Haar auf dem Boden liegt.
Als der Ausbruch vorbei ist, geht sie ins Zimmer und holt die Frucht aus
der Tasche. »Nimm das als Schutzschild«, hat Yu-hee zu ihr gesagt.
Angeblich darf man die kleine Frucht nicht essen. Hat sie vielleicht
mystische Kräfte? Min-ha legt sie ans Fenster, wo sie das meiste
Sonnenlicht abbekommt. Beim Anblick der runden, glatten Frucht hat
sie das Gefühl, als würde der stechende Schmerz in ihren Handgelenken
und Ellbogen verschwinden.
Die Frucht reflektiert den Lichtschein der Straßenlaternen und wirkt
wie eine kleine Stimmungslampe. So sahen die Mangos oder Papayas im
Internet auch aus. Der zarte Duft scheint sich vom Fensterbrett aus im
ganzen Zimmer auszubreiten. In dieser Nacht hat sie zum ersten Mal
seit Langem keine Albträume.
Als sie eine Woche später von der Schule nach Hause kommt, findet sie
ihr Zimmer in einem chaotischen Zustand vor. Das wenige Geld, das sie
versteckt hatte, ist aus den Schubladen verschwunden, und alle
Kleiderkisten stehen offen herum. Auch die Frucht, die sie sorgfältig auf
das Fensterbrett gelegt hatte, ist nicht mehr da. Sie fragt sich, ob bei
ihnen eingebrochen wurde, aber als sie sieht, wie ihre Mutter
schluchzend das Geschirr abwäscht, wird ihr klar, dass es ihr Vater war.
Das ist nichts Neues, denn er durchsucht regelmäßig ihr Zimmer. Sie
richtet ihren Blick auf das leere Fensterbrett und sucht das Haus und den
Hof ab, doch nirgends ist die Frucht zu finden.
Min-has Vater ist an diesem Tag pfeifend mit der Frucht weggegangen
und nie wieder nach Hause gekommen. Yu-hee hatte ihr erzählt, dass
Pflanzen genau wissen, wie sie wachsen müssen. Diese Worte hallen
noch lange in ihrem Kopf nach.
Seomaeul-ro 112-gil 3, Dosan-gu, Stadt Sejin. Do-kyung steigt in den Bus
und gibt die Adresse aus seinem Notizbuch in die Navigations-App ein.
Im Grunde genommen greift er nach jedem Strohhalm. Er kommt mit
seinen Ermittlungen nicht voran, und Teamleiter Lim meckert täglich,
dass er sich zu sehr mit unwichtigen Fällen beschäftige. Auch sonst steht
niemand im Team hinter Do-kyung. Stattdessen zeigen sie ihm die
Vermisstenstatistik der Stadt Sejin und werfen ihm harte Blicke zu. Er
sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht, sagen sie. Eigentlich stimmt er
ihnen zu, denkt aber etwas ganz anderes. Es gibt ein paar Fragen, die ihn
nicht loslassen und immer wieder quälen: Warum sind die Vermissten
aus Dosan verschwunden, obwohl sie doch sonst keinen Bezug zu
diesem Viertel haben? Ob Dosan ihr Ziel war oder nicht, kann er nicht
sagen. Aber es ist auf jeden Fall verdächtig. Die Stellen in den Parks und
die Supermärkte in Dosan, an denen die Vermissten zum letzten Mal
gesichtet wurden, hat er alle aufgesucht. Bis auf den Pflanzen-Shop.
Er hat seit Langem mal wieder einen dienstfreien Vormittag, aber
trotzdem musste er sich zuerst um einen Betrunkenen kümmern. Als er
ihn aufgriff, lag der Betrunkene an einer Bushaltestelle und sang
lauthals. Erst als Do-kyung die Situation unter Kontrolle hatte, konnte er
den Bus zum Dosan-Markt nehmen. Zum Glück muss er nicht
umsteigen. Er lehnt seinen Kopf an die Fensterscheibe und spürt, wie ihn
Trägheit überfällt. Aus dem Radio dringt eine Stimme:
»Aber in letzter Zeit häufen sich die ungeklärten Fälle von
Massenvergiftungen. Herr Kim, gab es da nicht kürzlich einen Fall?«
»Ja, das stimmt. Er ereignete sich im Dorf Punghwa in der Stadt Namin.
Drei Männer um die vierzig kamen ins Krankenhaus, klagten über
Bauchschmerzen und starben dann alle an einem akuten Herzinfarkt.«
»Bauchschmerzen? Hat das etwas mit Drogen zu tun? Das kommt in
letzter Zeit öfter vor.«
»Nein. Die genaue Ursache ist unklar, aber nach erster Einschätzung
war es eine Vergiftung. Wahrscheinlich weil sie zusammen Obstschnaps
getrunken haben.«
»In den abgelegenen Bergregionen ist es manchmal schwierig zu
wissen, was essbar ist und was nicht. Man kann zum Beispiel an
falschem Schlangenschnaps sterben.«
»Ja, das stimmt, es gibt so viele Unfälle mit Pestiziden, und in letzter
Zeit mehrere Vorfälle, bei denen Menschen giftige
Gewächshauspflanzen gegessen haben. In Südasien gibt es einen
einzigartigen Baum, den sogenannten ›Selbstmordbaum‹, dessen
Früchte gegessen werden, um sich das Leben zu nehmen. Ähnliche
Inhaltsstoffe sollen auch bei diesem Vorfall gefunden worden sein. Der
Vorfall brachte aber auch eine überraschende Tatsache ans Licht. Es
handelt sich um den Betrieb einer illegalen Mülldeponie …«
Das Gespräch zwischen dem Radiomoderator und dem Reporter hallt
durch den Bus. Do-kyung, der in sich zusammengesunken war, richtet
sich auf, als sie über die Todesfälle sprechen. So etwas kommt in Sejin
selten vor, deshalb interessiert es ihn. Er fragt sich, ob es heute noch so
etwas gibt, findet es aber gleichzeitig kurios und traurig, dass nicht nur
Vergiftungen und Todesfälle, sondern auch andere Verbrechen dadurch
aufgedeckt werden. Andererseits wundert er sich, dass es so einfach ist,
an Früchte zu gelangen, die bei Menschen tödliche
Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Automatisch fallen ihm die
unzähligen Pflanzenfotos auf dem Account des Pflanzen-Shops ein. Ob
die so etwas auch verkaufen? Mit leerem Blick starrt er aus dem Fenster,
als die nächste Station, der Dosan-Markt, angesagt wird. Er blinzelt
müde, steht auf und drückt den Halteknopf.
Yu-hee zieht die Jalousien hoch und öffnet das Fenster, nachdem sie sich
die Pflanzen im Laden genau angesehen hat. Es ist seit langer Zeit der
erste schöne Tag ohne Feinstaub. Die Berggipfel hinter dem Geschäft
sind deutlich zu sehen. Und es ist auch ein guter Tag, um den Dachboden
und das Gewächshaus gründlich zu reinigen, die sonst nicht regelmäßig
gelüftet werden.
Da alle Jalousien hochgezogen sind, ist es im Laden hell. Die Sonne geht
immer später auf. Wenn der Winter erst einmal richtig begonnen hat,
wird es nur noch selten so viel Sonnenschein geben. Yu-hee ist
überwältigt von der frischen Luft, die von allen Seiten hereinströmt.
Die Leute im Laden freuen sich über die Helligkeit. Einige beginnen
Fotos zu machen. Yu-hee zieht ihre grüne Schürze aus, faltet sie
ordentlich zusammen und legt sie auf den Tresen. Dann bindet sie sich
eine steife marineblaue Schürze um, die sie für die grobe Arbeit mit dem
Dünger benutzt.
Immer wieder gehen ihr die Textnachrichten, die sie am Vormittag mit
Min-ha ausgetauscht hat, durch den Kopf. Sie schrieb, dass sie nicht
mehr nervös auf die Narbe an ihrem Arm schaue, wenn sie aus dem
Haus gehe. Sie werde Namin verlassen, wenn sie erwachsen sei. Yu-hee
antwortete, dass sie jetzt überall hingehen könne. Dazu fügte sie noch
mehrere animierte Häschen-Emoticons hinzu, in denen süße Häschen
nickten. Sie schickte ihr auch ein Foto von einer Blüte in zauberhaftem
Weiß und Lila, vom Zerberusbaum, wie sie es ihr versprochen hatte.
Es ist der natürliche Lauf der Dinge, dass Blüten verwelken und sich
Früchte entwickeln. Doch selten bekommt man den Zerberusbaum in
voller Blütenpracht zu Gesicht, und deswegen hat Yu-hee jeden Moment
von der Knospe bis zum Verblühen festgehalten. Jetzt scheint der Baum
am Ende seines Lebens angelangt zu sein, und man weiß nicht, ob er im
nächsten Jahr wieder blühen und Früchte tragen wird. Man kann nur
hoffen.
Yu-hee reibt sich die Hände an ihrer marineblauen Schürze ab. Für das
Säubern des Hofes braucht sie mindestens einen halben Tag, deshalb
sollte sie die momentane Flaute im Laden nutzen und sich an die Arbeit
machen. Nachdem sie den Leuten zugerufen hat, dass sie sich melden
sollen, wenn sie etwas möchten, nimmt sie die viereckige schwarze
Schaufel, die neben der Treppe lehnt, und geht zum Schuppen.
Do-kyung schaut sich mit der Karten-App in alle Richtungen um und
bleibt im Hof vor dem Laden stehen. Es ist kein Schild zu erkennen, aber
er ist sich sicher, hier richtig zu sein. Er kratzt sich am Kopf und sieht im
Hof die ordentlich gepflanzten Bäume und zwei Katzen, die sich an
einem sonnigen Plätzchen zusammengerollt haben. Durch die
bodentiefen Schaufenster sind Menschen auszumachen, vermutlich
Kunden. Er folgt den Kokosmatten auf dem Boden und steuert direkt auf
die Tür zu.
In diesem Moment fällt sein Blick auf Yu-hee, die mit einem Stapel
Pflanzschaufeln aus dem Schuppen kommt. Ihr Anblick mit den
Schaufeln erschreckt ihn, aber er senkt zur Begrüßung leicht den Kopf.
Sie schaut ihn aufmerksam an und legt die Schaufeln auf den Boden. Das
Klappern hallt einen Moment lang über den Hof. Do-kyung steht auf der
Kokosmatte, die Hände ineinander verschränkt.
»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«
Es ist lange her, dass ein Mann allein in den Laden gekommen ist. Wie
immer lächelt sie höflich und geht auf ihn zu.