Plant Lady by Minyoung Kang Chapter 02

DAS GEMEINE FETTKRAUT
Am frühen Dienstagmorgen betritt Yu-hee ihren Laden und prüft zuerst
Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Gestern war Ruhetag, und obwohl sie
nur einen Tag nicht da war, bemerkt sie den deutlichen
Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen zu dieser
Jahreszeit. Wenn man hier nicht auf die empfindlichen Pflanzen
aufpasst, kann es passieren, dass sie unerwartet früh ihre Blätter
verlieren oder sich jetzt schon auf den Winter vorbereiten. Auch wenn
es Spätsommer ist und die Feuchtigkeit nach der langen Regenzeit
abnimmt, ist es morgens und abends kühl. Der Winter ist noch weit,
aber Yu-hee kann sich nicht entspannen. Das Wetter ist einfach zu
wechselhaft.
Nachdem sie die Raumtemperatur und die Luftfeuchtigkeit kontrolliert
hat, macht sie einen kurzen Rundgang. An Ruhetagen kann sie von zu
Hause aus per Überwachungs-App den Laden auf ungewöhnliche
Bewegungen überprüfen, aber sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht,
jeden Winkel des Geschäfts zu kontrollieren. Wie immer ist nichts
Ungewöhnliches zu sehen. Wenn sie zu Hause ist und der Alarm losgeht,
wirft sie einen Blick auf die App. Meistens sind es junge, fremde Katzen,
die an die Tür klopfen, mit dem Schwanz wedeln und weglaufen. Mehr
passiert meist nicht.
Das Katzengras im Hof sieht aus, als hätte man ein winziges Stück eines
üppigen Reisfeldes hineingelegt, und die Katzen zupfen und scheuern
sich eifrig daran. Dieser Anblick zieht immer mehr die Aufmerksamkeit
der Passanten auf sich. Geplant war es nicht, aber seit diesem Sommer
ist der Pflanzen-Shop zu einem beliebten Ausflugsziel für Menschen
geworden, die nicht nur Pflanzen, sondern auch Tiere, vor allem Katzen,
lieben. Außer der Stammkundschaft schenken auch Neukunden Yu-hee
oft kleine Portionen verpacktes Katzenfutter und Leckerlis.
Bevor sie den Laden öffnet, kontrolliert sie als Letztes das Katzengras in
der Ecke des Hofes. Kurz nach der Neueröffnung waren manchmal
Leute vorbeigekommen, um ihren Müll abzuladen oder etwas
wegzuwerfen. Dann begann ihr Tag damit, Plastikbecher aufzusammeln
und Zigarettenstummel aus dem Abfluss zu fegen. In der Gasse gab es
keine Überwachungskameras, aber selbst wenn es welche gegeben
hätte, hätte die Polizei oder die Stadtverwaltung wohl kaum versucht,
die Müllsünder zu fassen. So sehr sie sich auch bemühte, den Müll zu
beseitigen, am nächsten Tag lag wieder etwas herum.
Eines Abends musste sie eine Wasserleitung im Laden reparieren und
machte später Feierabend als sonst. Da traf sie auf die Männer, die für
die Kaffeebecher und Zigarettenstummel verantwortlich waren. Diese
Männer, etwas jünger als Yu-hee, drückten ihre Zigaretten in der Erde
im Hof aus und spuckten darauf. Sie erstarrte bei ihrem Anblick, fasste
sich aber schnell und jagte die Kerle davon. Sonst sagte sie selten etwas
Unangenehmes zu Fremden, aber jetzt zeigte sie ihnen offen ihren
Ärger. Halbherzig entschuldigten sich die Typen und verschwanden. Von
da an hinterließen sie keinen Müll mehr, aber Yu-hee war noch
wochenlang angespannt. Sie ärgerte sich, dass sie nicht härter gewesen
war, und schwor sich, beim nächsten Mal die Kerle in Stücke zu reißen
wie den Müll auf der Straße, während sie die Schaufel noch fester
umklammerte. Seitdem steht die Mistschaufel aus Edelstahl wie ein
Totem vor dem Laden.
Zum Glück verursacht seither niemand mehr Unordnung vor dem
Geschäft. Als sie auf der Suche nach einem Platz für den frischen Dünger
den Hof auf den Kopf stellte, begannen die Katzen, einen Teil des Hofes
für sich zu beanspruchen, und nicht die Männer, die Yu-hee am liebsten
für immer und ewig losgeworden wäre. Sie wirft einen letzten Blick auf
den Hof, dann lässt sie die schnurrenden Katzen in Ruhe und kehrt in
den Laden zurück, um ihren Tagesplan zu überprüfen.
Innerhalb kurzer Zeit ist der Pflanzen-Shop nicht nur in Sejin, sondern
im ganzen Land bekannt geworden. Die Katzen spielen dabei eine
wichtige Rolle, aber vor allem die einzigartige Inneneinrichtung, die sich
mit den Jahreszeiten verändert, und Yu-hees sorgfältige
Pflanzenberatung haben dazu beigetragen. Sie weiß instinktiv, wie sie
die Pflanzen in ihrem Laden zur Geltung bringen kann.
Nachdem sie einen eigenen E-Mail-Service für das Geschäft eingerichtet
hat, kommt ihre brillante Intuition noch besser zum Tragen. Die Kunden
zahlen eine kleine Gebühr und erhalten per E-Mail Ratschläge zur
Lösung ihrer Probleme: Wie oft muss diese Pflanze gegossen werden,
warum verwelkt die Blüte, warum sind die Blätter verfärbt? Mit solchen
einfachen Fragen hat es angefangen, doch inzwischen nimmt die Zahl
der Anfragen von Firmen und anderen Pflanzenhandlungen zu.
Jeden Dienstag nach Ladenöffnung sitzt Yu-hee im hinteren Bereich
des Ladens und bearbeitet bis zum Nachmittag alle E-Mails. Für ein
Restaurant oder ein Lebensmittelgeschäft mag der erste Tag der Woche
der geschäftigste sein, aber nicht für den Pflanzen-Shop. Auch für Yu-hee
ist es wichtig, sich einmal in der Woche einen halben Tag Zeit für die EMails zu nehmen.
Sie berät nur zahlende Kunden, sodass es keine
unsinnigen Fragen gibt und die Arbeit sie kaum ermüdet. Abgesehen
von den Anfragen von Firmen und Organisationen, sind die meisten
Mails einfach zu beantworten, zum Beispiel wird nach dem Namen und
der Art der Pflanze gefragt und wie man sie pflegt.
Auch heute gleichen sich die Nachrichten. Sie nimmt einen Schluck
von ihrem leicht abgekühlten Kaffee, vergleicht in der Banking-App den
Namen des Absenders mit dem des Auftraggebers der Überweisung und
klickt auf die erste E-Mail.
Wie heißt diese Blume? Ich habe sie geschenkt bekommen, aber ich nde
keinen Namen dazu. Und es wäre mir unangenehm, jetzt danach zu fragen.
Können Sie mir anhand des Fotos sagen, wie sie heißt?
Die E-Mail am Ende der Liste wurde heute um 05:20 Uhr verschickt. Das
Beratungshonorar war bereits um 05:05 Uhr überwiesen worden. Der
Name der Absenderin ist Choi Hyun-jin. Es ist das erste Mal, dass jemand
Yu-hee um diese Zeit eine E-Mail schickt. Neugierig betrachtet sie die
kurze Nachricht und das angehängte Foto. Es ist eine Petunie in einem
gelben Topf mit einer hübschen Schleife. Wenn sie blühen, sind diese
Pflanzen wunderschön, aber im Winter sind sie schwierig zu pflegen
und daher für Anfänger zu anspruchsvoll. Das weiß die Absenderin
dieser E-Mail offensichtlich nicht. Außerdem findet sie es peinlich, nach
dem Namen zu fragen. Wer würde jemandem wie ihr eine Petunie
schenken?
Jedenfalls scheint die Pflanze gut gepflegt zu sein und blüht. Yu-hee
antwortet wie immer freundlich.
Guten Tag, vielen Dank für Ihre Anfrage. Hier ist Choi Yu-hee vom
Panzen-Shop. Die Blumen auf dem Foto sind Petunien. Ihre farbenfrohen,
manchmal sogar gemusterten Blüten sind von Frühling bis Herbst sehr
schön, benötigen aber im Winter besondere Pege.
Bis zum Ende der Mittagspause hat sie alle E-Mails beantwortet.
Größere Aufträge oder Beratungen sind nicht darunter, nur kleinere
Fragen über Pflanzenarten und deren Winterpflege. Sie klappt den
Laptop zu, steht auf und schlägt den Tischkalender auf. Sie hat zwei
Bestellungen, einen Blumentopf und einen Strauß zur Abholung. Der
Topf ist schon fertig, und der Strauß muss nur noch kurz vorher
gebunden werden. Sie hat also den ganzen Nachmittag Zeit.
Yu-hee überlegt kurz, ob sie zuerst die Tontöpfe herrichten oder sich
die neuen Pflanzen ansehen soll, entscheidet sich dann für die Töpfe. In
einer Ecke des Ladens stehen die schmutzigen Töpfe, um die sie sich
während der Regenzeit nicht hatte kümmern können. So lange hat sie
die Arbeit aufgeschoben. Einige scheinen unbrauchbar zu sein, andere
könnten wiederverwendet werden. Nicht alle sind für den Verkauf
geeignet, doch sie könnte das Moos entfernen. Aber egal, ob es sich um
einen Tontopf oder einen gewöhnlichen Topf handelt, das Einweichen
und Reinigen nimmt Zeit in Anspruch. Deshalb hatte Yu-hee damit
gewartet, bis die Hauptsaison vorbei war.
Sie hockt sich hin, um zuerst alle Töpfe auszusortieren, die in
schlechtem Zustand sind. Das Mittagslicht lässt die Tontöpfe besonders
schmutzig erscheinen. Sie schließt den grünen Schlauch an und dreht
langsam den Wasserhahn auf. Ein dünner Wasserstrahl benetzt die mit
Erde bedeckten Töpfe von unten.
»Ach ja«, entfährt es ihr, als sie nach dem ersten greift. Erst jetzt
erinnert sie sich daran, dass sie in der E-Mail mit der Petunie vergessen
hat, etwas über den gelben Topf zu schreiben. Eigentlich hatte sie noch
hinzufügen wollen, dass sie nach ein paar Wochen umgetopft werden
muss. Normalerweise würde ihr ein solcher Fehler nicht passieren, doch
offenbar war sie wegen des merkwürdigen Tons der E-Mail mit dem
Fotoanhang abgelenkt gewesen. Obwohl die Kundin die Nachricht sicher
schon gelesen hat, hält sie es für besser, noch einmal zu antworten. So
ein glänzender Porzellantopf kann unmöglich atmen. Sie steht auf und
geht mit schmutzigen Händen zur Spüle.
Gerade als sie den Wasserhahn aufdrehen will, klingelt die kleine
Ladenglocke. Sie dreht den Kopf und sieht eine Frau mit einem kleinen
Umschlag in der Hand. Yu-hee grüßt sie und schaut reflexartig auf die
Wanduhr. Schnell wischt sie sich die Hände grob an der Schürze ab und
wendet sich der Frau zu.
»Willkommen.«
Hyun-jin lächelt Yu-hee leicht zu. Mit dem Umschlag in der Hand blickt
sie zwischen Yu-hee und dem Laden hin und her. Sie ringt nach Worten.
Wo soll ich anfangen? Darf man einfach so herkommen?
»Schauen Sie sich ruhig um. Ich bin dabei, die Töpfe zu putzen, und
wollte mir gerade die Hände waschen.«
Yu-hee lässt die schweigende Kundin stehen und geht zurück zum
Waschbecken. Hyun-jin umklammert den Umschlag. Bin ich zu plötzlich
hergekommen? Was, wenn sie mich seltsam findet? Ihre Hände
beginnen zu schwitzen. Aber sie hat keine andere Wahl. Wenn sie das
Problem heute nicht in den Griff bekommt, gibt es bestimmt Ärger, und
morgen müsste sie sich vielleicht wieder einen Tag freinehmen. Zu
Hause herrscht sicher schon Chaos. Also muss sie so schnell wie möglich
zurück.
Hyun-jin klappt ihr Handy auf, macht ein Foto vom Inneren des Ladens
und schickt es an ihren Freund Sung-min:
Bin angekommen. Melde mich gleich wieder.
Sung-mins Antwort erscheint sofort im Chatfenster.
Wann genau? Bleibst du lange?
Hyun-jin bekommt leichte Kopfschmerzen von den ständigen
Fragezeichen und den schnell aufeinanderfolgenden Nachrichten. Yuhee beobachtet sie.
»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«, fragt sie schließlich.
»Ach … Nein, das ist es nicht. Vielleicht könnten Sie die hier retten? Ich
habe Ihnen heute Morgen eine E-Mail geschickt …«
»Eine E-Mail?«, wiederholt Yu-hee, woraufhin Hyun-jin ihr wortlos den
Umschlag in die Hand drückt. Darin befindet sich ein zerbrochener
gelber Blumentopf mit einem Klumpen Erde. Yu-hee kippt den
Umschlag leicht, und zum Vorschein kommen schlaffe lindgrüne
Stängel und violette Petunien, die verwelkt an ihren Enden
herunterhängen. Ach, der Porzellantopf aus der E-Mail!
»Das ist … vor ein paar Stunden passiert. Ich wusste nicht, was ich tun
sollte, also habe ich sie einfach hierhergebracht. Ist sie jetzt verletzt oder
so? Ich meine, können sich Pflanzen an Scherben verletzen?«
»Eigentlich nicht, aber es bleibt nicht ohne Folgen. Bitte setzen Sie sich.
Ich versuche, das erst einmal in Ordnung zu bringen.«
Yu-hee zieht einen kleinen Stuhl hervor und schiebt ihn Hyun-jin hin.
Diese setzt sich unbeholfen darauf, ohne den Umschlag aus den Augen
zu lassen.
»Der Boden ist etwas rutschig. Lehnen Sie sich einfach an, und machen
Sie sich keine Sorgen um sie.«
»Ist sie … tot?«
»Bitte?«
»Diese … Petu… nie, haben Sie gesagt, so heißt die Blume. Ist sie tot? Ich
muss diese Blume … am Leben erhalten. Verstehen Sie?«
Vorsichtig breitet Yu-hee die Petunie auf ihrer Werkbank aus. Die Blüte
und die Blätter hängen herunter, aber die Pflanze sieht nicht tot aus. Die
freigelegten Wurzeln allerdings belasten sie stark. Hyun-jin sitzt dicht an
der Werkbank und blickt ängstlich auf die losen Stängel, als wäre die
Petunie das Kostbarste auf der Welt.
»Die Blume ist in Ordnung. Sie muss Ihnen viel bedeuten. Sie sagten
doch, sie sei ein Geschenk, oder?«
»Ein Geschenk … ja. Es ist ein Geschenk, aber wie dem auch sei, ich
muss nur die Blume retten. Man hat mir gesagt, ich soll sie lebend
zurückbringen.«
In diesem Moment vibriert Hyun-jins Handy mehrmals. Hastig macht
sie ein Foto von der Pflanze und schickt es an Sung-min. Als sie ihr
Handy etwas schräg hält, bemerkt Yu-hee eine Narbe an Hyun-jins
rechtem Handgelenk.
»Haben Sie eine Katze?«, fragt Yu-hee.
»Ka… Katze?« Hyun-jin lässt schnell die Hand sinken und fährt fort:
»Oh, nein. Es ist wegen des Blumentopfs …«
Plötzlich verstummt sie, und Yu-hee wird stutzig. Doch sie beschließt,
nicht weiter nachzufragen. Zuerst muss sie sich um die Petunie
kümmern.
Es ist nicht schwer, die Scherben zu entfernen und die Petunie
herzurichten. Während sie Blumenerde auf der Werkbank verteilt,
Tongranulat herausnimmt und in einen neuen Tontopf füllt, vibriert
Hyun-jins Handy ununterbrochen, und in der Stille des Ladens wirkt
jedes Geräusch viel lauter. Hyun-jin beobachtet jede ihrer Bewegungen
und macht ein Foto nach dem anderen. Normalerweise geben sich die
Leute viel Mühe, um schöne Fotos zu machen, zum einen vom Laden
oder Selfies aus verschiedenen Blickwinkeln. Doch Hyun-jin knipst in
einer Endlosschleife und verschickt die Bilder sofort weiter. Yu-hee
findet das seltsam.
»Soll ich ein neues Band darumbinden?«, fragt Yu-hee, während sie den
Topf reinigt, und Hyun-jin nickt mit einem breiten Lächeln.
»O ja, danke, dann sieht es gleich viel schöner aus, oder?«
Sie hält inne, als sie Hyun-jins strahlendes Gesicht bemerkt, das eben
noch voller Unruhe war. Es ist derselbe Ausdruck wie bei einer Kundin
letzte Woche. Mit einem riesigen Strauß weißer Rosen im Arm strahlte
sie, als gehöre ihr die ganze Welt. Yu-hee hat lediglich gesagt, dass sie die
zerrissene Schleife ersetzen wird, aber Hyun-jins Augen leuchten, als
wäre sie innerhalb von nur wenigen Minuten ein ganz anderer Mensch
geworden. Die große, üppige Monstera hinter ihr lässt das Bild noch
lebendiger wirken.
Yu-hee greift nach dem teuersten und luxuriösesten Band, das der
Laden zu bieten hat, und sieht Hyun-jins erwartungsvolles Gesicht.
»Sie ist auch ohne Schleife schön genug. Man muss sie nur gut pflegen.«
Rasch bindet sie das jadefarbene Seidenband um den Topf. Hyun-jin
lächelt angesichts des völlig verwandelten Aussehens der Petunie, aber
ihr Gesicht verdüstert sich sofort, als ihr Handy wieder unentwegt
vibriert. Dann bedankt sie sich mehrmals und eilt aus dem Laden.
Der Anblick von Hyun-jin, deren Gesichtsausdruck sich von einem
Moment auf den anderen wie bei einem Maskenwechsel veränderte,
bleibt Yu-hee für den Rest des Tages im Gedächtnis. Auch sie kannte
solche Momente. Zum Beispiel damals, auf dem staubigen Sportplatz
ihrer heruntergekommenen Schule, als die Jungs lachend an ihr
vorbeigerannt waren und eine dicke Staubwolke aufwirbelten. Noch
heute erinnert sie sich genau an das Gesicht eines dieser Jungen, und
unwillkürlich schüttelt sie den Kopf.
Wenige Tage später setzt ein unerwartet heftiger Regen ein. Innerhalb
kürzester Zeit ziehen Regenwolken über der Hauptstadt auf und wollen
nicht mehr weichen. Trotz mehrerer Feiertage bleibt Yu-hee nichts
anderes übrig, als in den Laden zu gehen. Seit Tagen gleicht das Wetter
einem tropischen Monsun, und die auf Luftfeuchtigkeit empfindlich
reagierenden Pflanzen wären jetzt sicher überfordert. Auch die
Luftentfeuchter, die sie auf niedriger Stufe eingeschaltet hat, müssen bei
diesem Regen neu eingestellt werden.
Nachdem sie an der Haltestelle Dosan-Markt ausgestiegen ist, rennt sie
mit einem großen, aufgespannten Regenschirm zum Laden. Das Wasser
spritzt bei jedem Schritt, durchnässt ihre Kleidung und ruiniert ihre
Schuhe, aber das ist ihr egal. Ihre Sorge gilt einzig ihren Pflanzen,
besonders der temperaturempfindlichen Calathea. Einen Tag vor den
Feiertagen war es so warm gewesen, dass sie die Pflanze ans Fenster
gestellt hat. Sie ist gerade dabei, ihre Blätter gleichmäßig zu entwickeln,
und ausgerechnet jetzt! Yu-hee klappt den Schirm zusammen und läuft
schneller.
Mit aller Kraft stemmt sie sich gegen den strömenden Regen. Endlich
angekommen, will sie kurz verschnaufen, doch weder die Katzen, die
sich vor dem Regen in Sicherheit gebracht haben, noch die Calathea, die
scheinbar zitternd am Fenster steht, begrüßen sie. Vor dem Laden
kauert jemand in einem großen Regencape, in der Hand einen nassen
Umschlag. Das Wasser tropft von den Händen, und der fast
durchgeweichte Umschlag droht zu reißen. Trotz des Regens erkennt
Yu-hee die Person sofort.
Es ist Hyun-jin, die nach einer Woche mit der Petunie und dem
zerbrochenen Topf im Arm wieder da ist. Als Yu-hee ihren verzweifelten
Gesichtsausdruck sieht, versteht sie auf einmal, warum sie so schwer auf
ihrer Seele lastet.
»Diesmal meine ich es ernst, ich bringe mich um.«
Diese Worte gab Sung-min immer wieder von sich, und diesmal hielten
sie Hyun-jin drei Nächte lang wach. Sie wünschte sich, mit
Schlaftabletten wenigstens eine Nacht ruhig schlafen zu können. Aber
das konnte sie nicht, weil sie Angst hatte, die Nachricht von ihrem
Freund nicht rechtzeitig zu lesen. Dann würde er vielleicht wirklich
sterben.
»Sie sehen müde aus, als hätten Sie nicht gut geschlafen. Haben Sie die
Medikamente genommen, die ich Ihnen verschrieben habe? Oder haben
sie nicht gewirkt?«
Der Arzt blätterte in der Akte und kritzelte etwas hinein. Hyun-jin saß
auf dem Stuhl, beobachtete die fleißigen Hände des Arztes und dachte
nach. Das Rezept … wo habe ich es hingelegt? Auf den Küchentisch?
Oder neben den Computer? Sie musste es irgendwo außer Sichtweite
von Sung-min versteckt haben, aber sie wusste nicht mehr, wo.
Der Arzt blickte in ihr nervöses Gesicht und fragte noch einmal nach
den Medikamenten. Überrascht stammelte Hyun-jin:
»Ach so, Sie meinen die Medikamente. Ich glaube, die haben mir nicht
gutgetan. Ich habe Fieber davon bekommen, deshalb habe ich sie
abgesetzt.«
»Wirklich? Das war bestimmt keine allergische Reaktion, die sind nicht
so stark. Aber wir müssen vorsichtiger sein. Setzen Sie sie ab, ich werde
Ihnen ein neues Rezept ausstellen.«
Zum Psychiater geht man, um offen über Dinge zu sprechen, über die
man sonst mit niemandem reden kann. Hyun-jin wusste das, doch auch
Wochen später konnte sie ihren Frust nicht loswerden. Immer wieder
musste sie sich bremsen, wenn sie den Drang verspürte, alles
hinzuschmeißen. Jedes Mal waren es diese Worte von Sung-min, die ihr
Herz durchbohrten und sie stoppten.
»Haben Sie Hobbys? Treiben Sie Sport? Ist etwas passiert?«
Hobbys. Sie überlegte und wollte gerade etwas sagen, als ihr Handy
plötzlich einmal kurz vibrierte. Beide starrten gleichzeitig auf ihr
Telefon. Kaum hatte sie den Absender überprüft, überflutete eine
Nachricht nach der anderen das Display. Gleichzeitig vibrierte ein
Stressalarm auf ihrer Smartwatch.
»Ach, wenn Sie beschäftigt sind«, fährt der Arzt fort, »müssen Sie die
Zeit hier nicht absitzen. Ich denke, ein neues Rezept ist heute wichtiger
für Sie.«
Sie griff in ihre rechte Tasche, in der es immer noch vibrierte, und
verbeugte sich zum Abschied. Sie hatte Sung-min gesagt, dass sie heute
wegen eines Meetings nicht ans Telefon gehen könne. Doch auch heute
funktionierte es nicht. Eigentlich klappte es nie, selbst wenn sie wirklich
in einer Sitzung oder beim Arzt war. Auf ihrem Handy, das tief in ihrer
Tasche steckte, waren mehr als zwanzig Nachrichten. Die
Benachrichtigungen würden nicht aufhören, bis sie sie abgerufen hatte.
Sie sah dem Arzt noch einmal in die Augen, erhob sich langsam und
ging auf die Tür des Sprechzimmers zu. Zwei widersprüchliche
Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Einerseits wollte sie schnell
durch die Tür verschwinden und die Nachrichten lesen. Andererseits
wünschte sie sich, der Weg hinaus würde ewig dauern. Das Vibrieren in
ihrer Tasche schien immer stärker zu werden. Eigentlich wollte sie den
Arzt etwas anderes fragen: Wie kann ich dieses Klingeln vermeiden?
Wie schaffe ich es, nicht auf mein Handy zu schauen? Warum kann ich
das nicht? Warum in aller Welt bin ich so?
Ihre verschwitzte linke Hand griff nach der Türklinke und rutschte fast
ab. Sie wollte nicht gehen, doch dann hörte sie die Stimme des Arztes
hinter sich.
»Sehen Sie die Blumentöpfe da? Nehmen Sie einen, wenn Sie möchten.
Es scheint den Patienten gutzutun. Es ist immer gut, ein kleines Hobby
zu haben.«
Der Arzt betonte das Wort Hobby. Sie wusste nicht, ob sie auf ihn hören
oder einfach so schnell wie möglich aus der Tür rennen sollte.
Inzwischen vibrierte es wieder wie verrückt in ihrer Jackentasche.
Schnell streckte sie die Arme aus, schnappte sich den Topf mit der
größten Pflanze und eilte aus dem Sprechzimmer.
Zu Hause fand Hyun-jin Sung-min vor, der sie scharf musterte. Sie stellte
die Einkaufstüten und die Topfpflanze vor das Schuhregal. Als sie nach
den richtigen Worten suchte, um ein Gespräch zu beginnen, bemerkte
sie seine mit Farbe verschmierten Hände. Rasch drehte sie sich um und
sah erst jetzt, dass im Wohnzimmer bereits Chaos herrschte: eine
umgestürzte Staffelei, verstreute Leinwände und Farbspritzer auf dem
Boden. Sie seufzte tief. Er hatte versprochen, es nie wieder zu tun. Aber
er drehte sich im Kreis. Zum x-ten Mal schwor sie sich, nie wieder seinen
Lügen zu glauben, und doch fiel sie jedes Mal darauf herein. Sie
sammelte die Farben, Paletten, Referenzfotos und Klammern ein und
tröstete ihn.
»Sung-min, was ist los? Tut mir leid, dass ich nicht gleich ans Telefon
gegangen bin. Ich bin in der U-Bahn eingenickt …«
»Eingenickt?«
Sung-min saß ruhig in der Ecke, drehte den Kopf und sah sie an. Kalter
Schweiß lief ihr über die Hände. Obwohl sie diesen Blick schon
tausendmal gesehen hatte, konnte sie sich nicht daran gewöhnen.
Schweigend wartete sie auf seine nächsten Worte.
»Hach.«
Plötzlich sprang er auf und trat mit voller Wucht gegen eine runde
Vase. Sie fiel zu Boden und zerbrach in viele Scherben. Hyun-jin
erschrak, versuchte sich jedoch nichts anmerken zu lassen und wollte
ihn festhalten. Er darf nicht weitermachen, er muss sofort aufhören. Das
war alles, woran sie in diesem Moment denken konnte.
»Es tut mir leid, wirklich. Ich entschuldige mich.«
»Soso«, erwiderte er, den Blick auf die Scherben gerichtet. »Ist das der
miese Grund, warum du nicht rangegangen bist?«
»So ist es nicht, Sung-min, hör mir zu. Wir waren uns einig, dass wir das
nicht mehr machen.«
»Nicht mehr? Was nicht mehr machen? Du musst mir helfen, bitte.«
Er ging zu seiner Staffelei zurück und kramte auf der Ablage herum.
Dabei stieß er mit dem Kopf leicht an eine Ecke des Keilrahmens. Mit
einem Ruck riss er die Leinwand hoch und warf sie direkt auf Hyun-jin.
Sie fing sie reflexartig auf, aber ihre elfenbeinfarbene Jacke war nun mit
weinroter Farbe verschmiert.
Trotz der ruinierten Jacke atmete sie innerlich erleichtert auf. Vielleicht
war es für heute endlich vorbei. Sie hoffte immer, dass seine Wut schnell
verfliegen und er lieber in Trostlosigkeit versinken würde.
»Ich habe wirklich nur dich«, sagte er jammernd.
Er senkte den Kopf und griff nach ihren Händen. Da sie schweißnass
waren, glitten seine Hände zunächst immer wieder ab. Aber sie hielt sie
fest, atmete tief durch und blickte sich im Wohnzimmer um. Erst jetzt
nahm sie den strengen Geruch der Ölfarbe wahr. Sie dachte, sobald er
sich beruhigt hätte, würde sie das Fenster öffnen, die zerbrochene Vase
wegräumen und den Boden aufwischen. Den farbverschmierten Teppich
würde sie mit etwas Benzin tränken und die Farbe von ihrer Jacke
entfernen …
In diesem Moment spürte sie einen starken Schmerz in ihrer Hand. In
Gedanken noch beim Aufräumen, zog sie sie überrascht zurück. Doch er
ließ sie nicht los. Sein tränenüberströmtes Gesicht näherte sich langsam.
Auf ihrer Smartwatch ertönte ein Stressalarm.
Sein eben noch so mürrischer Gesichtsausdruck war verschwunden.
Nun sah er wieder sehr wütend aus. Das … ist das erste Mal, dass er so
ist. Also ist es noch nicht vorbei? Sie schluckte schwer.
»Aber ich glaube nicht, dass es bei dir auch so ist«, sagte er, und sie
schwieg.
»Ich meine, du scheinst mich nicht zu lieben«, fügte er hinzu.
Dann änderte er plötzlich seine Haltung, ließ ihre Hand los und stürmte
aufgebracht zur Wohnungstür. Dort standen vor dem Schuhregal ihre
Einkäufe, die sie noch nicht in den Kühlschrank hatte stellen können.
Reflexartig biss sie sich auf die Lippe. Ach, warum habe ich das nicht
längst weggeräumt?
Mit einer übertriebenen Handbewegung hob er den gelben Blumentopf
vom Boden auf. Ein dünnes weißes Band flatterte bei jeder Bewegung
auf und ab. Da wusste sie schon, was als Nächstes kommen würde. Der
kleine Blumentopf war in seiner Hand nicht sicher. Sung-min würde ihn
vor Wut kaputt machen. Wenn sie Glück hatte, würde er sie zwar nicht
treffen, aber sie würde nur schwerlich den Scherben ausweichen
können.
Unbewusst rieb sie über die Narbe an ihrem rechten Handgelenk.
Wahrscheinlich würde der Blumentopf in ihre Richtung fliegen oder
direkt unter dem Schuhregal neben Sung-min landen. Hastig wandte sie
sich ihm zu und sagte:
»Das habe ich für dich gekauft. Schau mal, da ist sogar eine Schleife
dran. Sieh genau hin.«
Er wollte den Topf gerade auf den Boden knallen. Doch er hielt inne,
und das weiße Band landete auf seinem Handrücken.
»Du hast mir erzählt«, fuhr sie fort, »dass du mit deiner Arbeit nicht so
gut vorankommst, deshalb habe ich dir das mitgebracht. Sie sind
hübsch, diese Blumen.«
Langsam richtete er seinen Blick auf die violetten Blüten in dem gelben
Topf und starrte sie an. Sein Gesichtsausdruck entspannte sich ein wenig,
aber sie konnte sich noch nicht in Sicherheit wiegen, dafür war es noch
zu früh. Bitte, nur dieses eine Mal.
Langsam ließ er die Hand sinken, während er über ihre Worte
nachdachte. Überraschenderweise ging er dann zu dem Beistelltisch
neben der Staffelei und hielt den Topf in seinen Armen, als hätte er ein
wirklich kostbares Geschenk erhalten. Sie beobachtete ihn mit
angehaltenem Atem. Soll ich noch etwas sagen? Oder ist es besser
abzuwarten, bis er sich beruhigt hat? Wenn sie eine weitere
Auseinandersetzung verhindern könnte, würde sie jede Lüge erzählen.
In ihrem Hinterkopf entstand wieder ein schrecklicher Kopfschmerz.
Er schwieg eine Weile, dann flüsterte er ihr zu:
»Ich habe wirklich nur dich.«
Erleichtert legte sie ihre Hand auf seinen Rücken und streichelte ihn.
Das war’s dann doch für heute?
»Ohne dich könnte ich mir etwas antun. Das weißt du doch, oder?«
Seine Worte stachen, und sie spürte wieder einen dumpfen Schmerz.
Ihre Hände zitterten leicht. Dennoch nickte sie und zwang sich
absichtlich, mit Nachdruck zu sprechen, damit er ihr zuhörte.
»Natürlich weiß ich das.«
Sie verbarg ihre Erleichterung und atmete bewusst ein und aus. Dabei
blickte sie abwechselnd auf die Narbe an ihrem rechten Handgelenk und
auf die Smartwatch an ihrem linken, die sie in unregelmäßigen
Abständen piepsend über ihre erhöhte Herzfrequenz informierte.
Hyun-jin beruhigt sich erst, nachdem sie sich das Regenwasser
abgewischt hat.
»Tut mir leid, der Laden ist nicht ganz sauber«, sagt Yu-hee.
»O nein, mir tut es leid.«
Hyun-jin schüttelt energisch den Kopf und nimmt den grünen Tee
entgegen, den Yu-hee ihr reicht. Wortlos stellt Yu-hee ein paar Pflanzen
aus dem Fenster in die Mitte des Ladens. Hyun-jin sieht ihr dabei zu und
zerbricht sich den Kopf darüber, wie sie mit ihrer Geschichte anfangen
soll. Letzte Woche konnte sie nicht zur Sprechstunde ihres Psychiaters
gehen. Denn Sung-mins Zustand hatte sich deutlich verschlechtert.
Wenn er malte, war er völlig in seine Arbeit vertieft, was Hyun-jin die
Möglichkeit gab, ein wenig durchzuatmen. Das Problem war nur, dass
sie den Zyklus nicht genau berechnen konnte. Sie konnte sich nicht
mehr an das Licht erinnern, das einmal von seinem Wesen ausgegangen
war. Nachdem er plötzlich aus unerklärlichen Gründen das Malen fast
vollständig aufgegeben hatte, veränderte er sich schlagartig. Von da an
war er besessen von Hyun-jin. Er tauchte ohne ihr Wissen an ihrem
Arbeitsplatz auf und stellte Nachforschungen über Kollegen an, die mit
ihr an einem Projekt arbeiteten. Immer wieder gab er vor, krank zu sein.
Fast mit jedem Atemzug sagte er Dinge wie: »Ich fühle mich nicht gut,
ich bin nicht in Form, mein Herz schmerzt, deshalb komme ich mit
meinem Bild nicht gut voran.« Jedes Mal schlug sie ihm ernsthaft vor,
endlich zum Arzt zu gehen, aber seine Antwort war immer die gleiche:
»Ich brauche nur dich.«
Als er wieder zu malen begann und die Petunien aus Hyun-jins
psychiatrischer Praxis als Stillleben verwendete, ging es ihm schon
besser. Zwei Jahre lang hatte er sich auf eine Einzelausstellung
vorbereitet, die nicht zustande kam, und seit Langem hatte er nun
wieder einen Pinsel in der Hand. Hyun-jins Zustand hatte sich trotz der
Behandlung nicht gebessert, aber sie war erleichtert, dass es ihm dank
der Topfpflanze ihres Arztes besser ging. Sung-min kümmerte sich
rührend um die Petunien, als hätte er noch nie eine Blume gesehen, bis
er in einem Wutanfall den Topf in Hyun-jins Richtung warf.
Als der Topf zersprang, sagte er immer wieder dieselben Worte: »Ich
will sterben, ich kann nicht ohne dich sein, ich bringe mich um.« Selbst
wenn sie hoffen konnte, den Tag gut zu überstehen, gab es keinen
Ausweg. Obwohl sie die ganze Zeit an seiner Seite war, wiederholte er
sich ständig. Sie wusste, dass er eine Behandlung brauchte, aber sie
konnte das Thema nicht so einfach ansprechen.
»Es tut mir so leid, schon zum zweiten Mal …«, sagt Hyun-jin zu Yu-hee.
Sie senkt den Kopf und knüllt ihren Regenumhang zusammen,
während das Wasser aus ihren Haaren tropft und ihre ohnehin schon
nasse Kleidung noch mehr durchnässt. Ihre Turnschuhe und Socken
sind schlammverschmutzt. Yu-hee mustert langsam Hyun-jin von Kopf
bis Fuß, bestimmt ist ihr kalt. Auf ihrem Handrücken ist ein roter
Streifen zu sehen, eine Schnittwunde, die erst wenige Stunden alt zu sein
scheint. Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen, aber Yu-hee kann sich ihren
Gesichtsausdruck gut vorstellen. Die dünnen, blassen Finger zittern
leicht. Der weiße Regenumhang klebt mittlerweile am Boden.
Yu-hee hebt den Umschlag auf, den Hyun-jin auf den Boden gelegt hat.
Vorsichtig greift sie auch nach dem zerknüllten Regenumhang. Wasser
und Schlamm tropfen von ihm herab. Yu-hee rollt ihn zu einem Knäuel
zusammen und wirft ihn so weit wie möglich von Hyun-jin weg.
Hyun-jin hat unzählige Male darüber nachgedacht, es zu beenden, aber
sie konnte es nicht aussprechen. Natürlich hatte sie es versucht. Sie
wollte den Schock nicht noch einmal erleben, den sie empfunden hatte,
als sie diese Worte zum ersten und letzten Mal zu Sung-min gesagt hatte.
Allein der Satz, dass sie die Beziehung beenden wolle, hatte sie einen
Monat lang durch die Hölle geschickt. Dahin will sie auf keinen Fall
zurück.
»Was soll ich tun?«, fragt Hyun-jin.
Mit leerem Blick starrt sie auf die Pflanzenteile auf der Werkbank. Die
Petunie ist in noch schlechterem Zustand als vor einer Woche. Keine
Blüte ist mehr unversehrt, und die schlaffen Blätter drohen jeden
Moment abzufallen. Yu-hee blickt zwischen der Petunie und Hyun-jin
hin und her, und sagt:
»Im Moment können wir nichts mehr tun.«
Hyun-jin sieht sie verzweifelt an, und Yu-hee fährt schnell fort:
»Aber es gibt Hoffnung. Es wird lange dauern, bis die Blumen wieder
schön sind. Zuerst müssen wir den faulen Teil beseitigen, was auch
immer das ist.«
Yu-hee nimmt ein Paar Latexhandschuhe aus der Schublade und streift
sie sorgfältig über. Dann kehrt sie zu ihrer Werkbank zurück und
untersucht die Petunie langsam vom Blütenblatt bis zur Wurzel. Die
meisten der dünnen, zarten Stängel sehen verletzt aus, als wären sie
gequetscht worden. Vorsichtig schneidet sie die beschädigten Stängel ab.
Dabei fallen die meisten der violetten Blüten ab.
»Du darfst es beenden«, sagt Yu-hee.
Hyun-jin merkt, dass Yu-hee genau das ausspricht, was sie schon so
lange, nachdem sie es einmal ausgesprochen hatte, nicht mehr über die
Lippen gebracht hat. Mit feuchten Wangen, von denen sie nicht weiß, ob
es Tränen oder Regenwasser sind, sieht sie Yu-hee an. Diese fügt hinzu:
»Ich werde dir helfen, vom Anfang bis zum Ende.«
Sie zieht ihre erdverschmierten Latexhandschuhe aus und reicht
Hyun-jin ihre Hand. Im Schein der kleinen Neonröhre an der Decke
leuchtet ihre Hand seltsam auf.
»Wäre das wirklich … möglich?«, fragt Hyun-jin mit brüchiger Stimme,
nachdem sie ihren Speichel heruntergeschluckt hat. Yu-hee dreht sich
zu ihr um und antwortet mit einem strahlenden Lächeln:
»Das ist nicht schwer. Es ist, als würde man einen unbrauchbaren
Blumentopf wieder zum Leben erwecken.«
Auf die heftigen Regenfälle folgt eine unerwartete Hitzewelle. Trotz der
Hitzewarnung steigt Sung-min an der Station Dosan-Markt aus und
startet die Navigation auf seinem Handy. Die drückende Hitze steht im
Kontrast zur klimatisierten U-Bahn, und in seinem Kopf dreht sich alles
wie im Hochsommer. Aber es gibt einen Grund, warum er trotzdem zum
Pflanzen-Shop muss: Eine SMS von Hyun-jin, die vor drei Tagen den
Kontakt abgebrochen hat.
Sie wollte einen zerbrochenen Blumentopf reparieren lassen und ist
seitdem spurlos verschwunden. Er hatte vermutet, dass sie sich wieder
einmal in der Wohnung ihrer Eltern eingeschlossen hatte, fand sie dort
aber nicht. Auch an ihrem Arbeitsplatz war die Tür verschlossen. Er
kehrte nach Hause zurück, saß im chaotischen Wohnzimmer und
versuchte immer wieder, Hyun-jin per Telefon oder über einen
Messenger zu erreichen. Aber die Markierung ungelesen im Chatfenster
änderte sich nicht.
Doch heute Morgen waren plötzlich die unzähligen Ungelesen Markierungen
verschwunden, und sie antwortete wie aus heiterem Himmel.
Es tut mir leid, das war falsch von mir. Wir sollten reden, aber nicht zu
Hause. Lass uns in einen netten Laden gehen, wie bei einem Date.
Obwohl Hyun-jins Nachricht etwas anders klang als sonst, verzieh er
ihr schnell. Es gefiel ihm, dass sie geschrieben hatte, es täte ihr leid.
Dann schickte er ihr mehrere liebevolle Nachrichten zurück.
Liebe Hyun-jin, okay, ich werde dort auf dich warten. Alles wird gut. Ich
liebe dich.
In Dosan war er zwar noch nie, aber den Namen des Ladens, PflanzenShop,
kennt er. In den sozialen Medien wird er oft empfohlen. Auch
Hyun-jin hat ihm einmal Fotos davon geschickt. Er erinnert sich, wie
sich der schwere beige Tontopf in seinen Händen anfühlte. Der gelbe
Topf war schnell zerbrochen, aber die verarzteten Blumen sahen
wunderschön aus. Vielleicht würde er heute hier ein neues Stillleben
oder ein neues Objekt für seine Arbeit finden. Etwas Schönes, das seine
neue Beziehung zu Hyun-jin widerspiegelt.
Nachdem er sich vergewissert hat, dass er fast am Ziel ist, ruft er Hyunjin an.
Doch sie geht nicht ans Telefon. Er drückt die Anruftaste einmal,
zweimal, dreimal, aber sie antwortet nicht. Er öffnet die App und findet
Dutzende Nachrichten von sich, aber keine einzige von ihr. Die SMS sind
alle mit ungelesen markiert. Seine Stirn legt sich in Falten. Was soll ich
tun? Soll ich reingehen? Er steht einfach da und überlegt. Doch die
sengende Hitze zwingt ihn, weiterzugehen. Er drückt erneut die
Anruftaste und macht sich auf den Weg in den Laden.
Eine Türglocke ertönt, und er betritt das große grüne Innere des
Ladens. Sehen alle Pflanzenläden so aus? Für einen Moment fühlt er sich
wie an den Amazonas versetzt. Doch die Luft ist angenehmer als
draußen, was ihn schnell beruhigt. Aus irgendeiner Ecke hört er das leise
Vibrieren eines Handys.
»Hyun-jin?«
Sung-min eilt dorthin und streift dabei die großen, ihm unbekannten
Blätter, als würde er die Tropen erforschen. Plötzlich taucht eine Frau in
dunkelgrüner Schürze auf.
»Sie müssen Herr Kim Sung-min sein, nicht wahr?«
Mit einem freundlichen Lächeln begrüßt Yu-hee den verdutzten Sungmin und fährt fort:
»Ich bin die Besitzerin und wusste, dass Sie kommen würden. Es tut
mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.«
Er bleibt wie angewurzelt stehen und beobachtet aufmerksam, wie
Yuhee sich zur Begrüßung verbeugt. Der Anblick ihres breiten Lächelns im
Grün des Ladens scheint sein Gefühlschaos aus Überraschung,
Verlegenheit und Wut für einen Moment zu beruhigen. Er hat seit
Langem nur Kontakt zu Hyun-jin und fühlt sich sofort zu Yu-hee
hingezogen, die einen ganz anderen Stil hat als seine Freundin.
Menschen, die sich um Pflanzen kümmern, sollen eine ruhige und
sanfte Persönlichkeit haben. Ich glaube, das stimmt. Diese Frau wirkt so
ausgeglichen und lieb.
Er vergisst, dass er eben noch dem Geräusch des vibrierenden Handys
gefolgt ist, und will etwas sagen, aber sie kommt ihm zuvor:
»Ich habe gehört, dass Sie Maler sind und sich gerade mit Pflanzen
beschäftigen. Können Sie mir mal ein paar Ihrer Bilder zeigen?«
Bei diesen Worten löst sich die Wachsamkeit in seinem Herzen in Luft
auf.
»O ja, natürlich. Hier gibt es viele schöne Stillleben, die mich
inspirieren.«
Plötzlich fühlt er sich großartig und lacht etwas unnatürlich. Immer
wieder klappt er sein Handy auf und zu, als wolle er ihr sofort Fotos von
seinen Bildern zeigen. Sie bemerkt seinen entspannten
Gesichtsausdruck und erzählt ihm, dass sie gehört habe, dass er ein
hervorragender Künstler sei und tolle Bilder male. Er ist überwältigt
vom Lob dieser fremden, attraktiven Frau und berauscht, weil sie so
attraktiv ist. Da vergisst er sogar seine Verabredung mit Hyun-jin. Kurz
darauf verlässt er den in Grün getauchten Laden und steigt die Treppe
zum Dachboden hinauf. Yu-hee begleitet ihn und sagt lächelnd:
»Wissen Sie, Dinge, die wirklich wertvoll sind, stellt man nicht dorthin,
wo andere sie sehen können. Wie Ihre Bilder. Es gibt Pflanzen, die
entfalten ihr Talent erst, wenn sie viel gelitten haben. Wie Sie.«
»Ach, Sie kennen meine Arbeiten? Oder hat Hyun-jin sie Ihnen gezeigt?
Bin ich hier vielleicht berühmt?«
Er ist immer noch so fasziniert von ihren Worten, dass er einfach
losplappert und fröhlich lacht. Leichtfüßig erreichen sie den Dachboden.
Vollkommen von Dunkelheit umgeben, steht in einer Ecke eine einzelne
Pflanze im Licht. Sie hat nur einen langen Stängel, an dessen Spitze
seltsam hellviolette oder blassrosa gefärbte Blüten hängen. Unten, um
den Stängel herum, schmiegen sich breite, dicke Blätter wie eine Rosette
aneinander, und es wirkt, als hätten sie winzige Flaumhaare.
Die Atmosphäre wird noch geheimnisvoller durch das Sonnenlicht, das
ausschließlich auf die Pflanze mit ihrer einzigartigen Form fällt. Er hat
das Gefühl, so etwas schon einmal in einem Zeichentrickfilm aus seiner
Kindheit gesehen zu haben. Verzaubert betrachtet er die Pflanze, die auf
dem sonst dunklen Dachboden ganz allein im Licht erstrahlt. Wie um
alles in der Welt kann es so etwas geben? Ja, genau, das ist es. Wenn ich
dieses Gefühl in einem Bild wiedergeben könnte, wäre das großartig.
»Man muss vorsichtig sein.«
Er hört ihre leise Stimme hinter sich. Doch er ignoriert sie und nähert
sich der Blume. Aus der Nähe betrachtet sieht es so aus, als könnte die
kleinste Verletzung die Pflanze zerstören. Bei diesem Gedanken schlägt
sein Herz vor unerklärlicher Freude. So etwas Weiches und
Zerbrechliches ist mir lieber als das Feste und Starre. Es strahlt so etwas
Geheimnisvolles und Einzigartiges aus, als hätte es noch nie jemand
berührt. Er erinnert sich an den Moment, als er Hyun-jin kennenlernte,
und streckt seine Hand nach dem dünnen Stängel mit den violetten
Blüten aus.
Gerade als seine Finger die Blütenblätter berühren wollen, versetzt ihm
Yu-hee von hinten einen heftigen Schlag. Da er sich ganz auf die Blume
konzentriert hat, verliert er schnell das Bewusstsein und bricht
zusammen. Sie starrt ihn an, wie er hilflos wie eine zerknüllte Zeitung
auf dem Boden liegt, und untersucht die Pflanze sorgfältig auf Kratzer.
Die zarten, noch feuchten Blätter zeigen stolz ihre Frische.
»Ich habe dir doch gesagt, du sollst vorsichtig sein.«
Sie schaut auf den kraftlos am Boden liegenden Mann herab und
verzieht das Gesicht.
Sie lässt Sung-min und die Schaufel, mit der sie ihm den Schlag
versetzte, einfach auf dem Boden liegen und geht ins Erdgeschoss
zurück. Hyun-jin ist pünktlich. Yu-hee öffnet ihr sofort die Tür, zieht das
Handy aus der Innentasche ihrer Schürze und gibt es ihr. Hyun-jin
betritt den Laden und schaut sich erstaunt um.
»Wow!«
Sie staunt über die großen, kräftigen Blätter. Vor ein paar Tagen gab es
diese Pflanzen noch nicht. Obwohl jedes Blatt anders geformt ist, sehen
sie aus der Ferne so aus, als seien sie alle aus einer Wurzel gewachsen
und so miteinander verwoben, dass man glauben könnte, man sei in
einem Märchen gelandet. Hyun-jin wird von Yu-hee zu einem Stuhl
geführt. Sie setzt sich auf die Stuhlkante und wirft unbewusst einen Blick
auf das Display ihres Handys, keine Benachrichtigungen. Sie steckt es in
ihre Tasche und atmet tief durch. Der leichte Duft von Gras steigt ihr in
die Nase, und sie fühlt sich sofort ruhiger und gelassener.
Yu-hee verschwindet kurz in einer Ecke des Ladens und kommt mit
einem Blumentopf zurück. »Das ist das Gemeine Fettkraut«, sagt sie und
setzt sich zu Hyun-jin, die die Pflanze in Yu-hees Händen betrachtet. Die
Blätter bilden unten mehrere Schichten, und die mehrgliedrigen Blüten
sitzen an der Spitze des Stängels. Die Pflanze sieht aus wie eine
Sukkulente, aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass die
dick aussehenden Blätter aus einer einzigen Schicht bestehen, die sehr
zart und weich ist. Nur der lange Stiel mit den violetten Blüten ist mit
den Blättern verbunden.
»Es ist nicht schwer, sie zu pflegen«, fährt sie fort, »man muss nur auf
die Feuchtigkeit achten. Sie blüht nicht oft, aber jetzt ist der richtige
Zeitpunkt.«
Sie reicht Hyun-jin den Topf. Vorsichtig nimmt sie ihn entgegen und
achtet darauf, den Stiel nicht zu beschädigen. Das Gemeine Fettkraut. Sie
murmelt den Namen der Blume vor sich hin und schließt die Pflanze
sofort ins Herz, die nun in voller Blüte und ganzer Pracht strahlt.
»Gibt es sonst noch etwas, das ich … brauche?«, fragt Hyun-jin leise.
Yu-hee steht auf und wischt sich ein paarmal über die Hände, bevor sie
antwortet:
»Das ist eine fleischfressende Pflanze, die die Nährstoffe aus den
Blättern saugt. Das Ungeziefer im Haus bleibt an ihnen hängen.«
»Dann brauche ich also nichts mehr zu tun? Alles ist vorbei, für
immer?«, fragt sie noch einmal.
»Wenn du willst, kannst du vorbeikommen und Dünger mitnehmen.
Der ist besser als Erde. Im Laden gibt es sowieso genug. Außerdem habe
ich gerade etwas bekommen, das ich verarbeiten muss.«
Yu-hees Blick wandert zur Treppe, die zum Dachboden führt. Auch
Hyun-jin folgt ihrem Blick, dann betrachtet sie wieder die Pflanze in
ihren Händen. Eine seltsame Wärme scheint von dem stabilen Topf
auszugehen.
Yu-hee verschwindet erneut zwischen den großen Blättern und kommt
schnell zurück. Sie gibt Hyun-jin einen kleinen Zettel, auf dem in
sauberer Handschrift Pflegetipps für das Gemeine Fettkraut stehen.
»Willst du ihn sehen? Vielleicht zum letzten Mal?«, fragt sie Hyun-jin.
Diese steht mit dem Topf auf und schüttelt langsam den Kopf.
»Nein, das ist in Ordnung so.«
Hyun-jin verabschiedet sich von ihr. Sie sieht ihr noch eine Weile nach,
bevor sie die Tür abschließt. Dann löscht sie alle Lichter im Erdgeschoss.
Nur vom Dachboden scheint noch ein schwaches Licht.
Yu-hee nimmt ihr Handy und sieht auf die Uhr. In zwei Stunden ist es
erledigt. In der Dunkelheit glitzert die Heckenschere in ihrer Hand und
bewegt sich unaufhörlich. Wenn alles in kleine, nicht mehr erkennbare
Stücke zerschnitten ist, wird es wie der übrige Dünger auf dem Hof
vergraben.
»Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?«, will der Arzt wissen.
Hyun-jin ist seit Langem wieder bei ihrem Psychiater, und erneut stellt
er die Frage mit besorgtem Ton und ernstem Gesichtsausdruck.
»Im Ernst, ich kann wieder essen und schlafe auch wieder gut. Mein
Teint ist auch besser geworden, oder?«
Sie lächelt breit und beugt sich zu ihm, aber er kann sich eines leisen
Zweifels nicht erwehren und erwidert:
»Nun, Dinge wie Depressionen und Schlaflosigkeit bessern sich nicht
immer dramatisch, selbst wenn die Ursache beseitigt ist, aber …«
»Ich schlafe auch ohne Medikamente gut und komme nicht auf
dumme Gedanken. Es ist ganz anders als früher.«
Sie legt ihr Handy auf den Beratungstisch und zeigt mit dem Finger auf
die gelben Blumentöpfe neben der Tür. Dann fährt sie fort:
»Die Petunie, die Sie mir damals geschenkt haben, hat mir sehr
geholfen.«
Der Arzt blickt zwischen ihrem Handy und den Topfpflanzen, auf die
sie deutet, hin und her.
»Gut, dann wird das heute wohl unsere letzte Sitzung sein. Wenn es
schlimmer wird oder die gleichen Probleme wieder auftreten, müssen
Sie unbedingt vorbeikommen.«
Hyun-jin nickt, steht auf und verbeugt sich zum Abschied. Sie lächelt
dem Arzt noch einmal zu, der immer noch ein Fragezeichen über dem
Kopf hat, und öffnet langsam die Tür des Sprechzimmers. Das Telefon in
ihrer Tasche bleibt stumm, als sie an der freundlich lächelnden
Empfangsdame vorbei durch die Eingangstür tritt, auf der in großen
weißen Buchstaben Clear Mind Mental Health Clinic steht. Hyun-jin
blickt auf ihre Smartwatch. Ihre Herzfrequenz bleibt konstant. Zufrieden
mit der endlich eingekehrten Ruhe, atmet sie friedlich ein und aus.

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