DIE AVOCADO
»Hallo?«
Eine Frau mit einem ausladenden Hut steckt ihren Kopf durch die Tür
von Yu-hees Laden, und die Türglocke klingelt fröhlich. Yu-hee, die
gerade mit dem Rücken zur Eingangstür kniet, richtet sich langsam auf
und ruft:
»Bitte treten Sie ein.«
Vorsichtig betritt die Frau den Raum und lässt ihren Blick unauffällig
über die Auslagen schweifen. Yu-hee zieht ihre Handschuhe aus und
begrüßt die Kundin mit dem beigen Shopper, die weiße Pumps und dazu
passend ein weißes Kleid trägt. Ihr Erscheinungsbild wirkt inmitten des
von sattem Grün dominierten Ladens beinahe deplatziert.
»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«
Die Frau schaut sich noch einen Moment weiter um, bevor sie
antwortet:
»Ich bin auf der Suche nach außergewöhnlichen Pflanzen –
pflegeleicht, aber mit einem gewissen Etwas. Früher hatte ich mal
Spargel. Etwas ähnlich Ausgefallenes wäre schön. Oh, das hier hat
wundervolle Muster!«
Sie bleibt vor dem Gummibaum am Fenster stehen und streckt die
Hand aus, um das neue, breite Blatt an der Spitze zu berühren. Doch hält
Yu-hee sie hastig zurück.
»Oh, bitte seien Sie vorsichtig mit den Blättern. Das ist ein Ficus elastica
Tineke, der ist ein bisschen schwierig zu handhaben. Spargel gehört
übrigens auch zu den eher anspruchsvollen Arten. Aber es gibt auch
viele andere dankbare Pflanzen, vor allem pflegeleichte und schnell
wachsende Kräuter. Soll ich Ihnen welche zeigen?«
Yu-hee deutet auf die Töpfe im hinteren Teil des Ladens. Doch die Frau
schüttelt stirnrunzelnd den Kopf.
»Nein, danke. Das sind ja ganz normale Pflanzen. Da ist nichts
Außergewöhnliches dabei.«
Ihre Hand verharrt noch einen Moment zögernd in der Luft, bevor sie
sie schließlich zurückzieht. Dann fügt sie hinzu:
»Wenn man sagt: Ich habe Sukkulenten, klingt das sehr gewöhnlich.
Aber wenn man erzählt, man hätte Spargel zu Hause, fragen die Leute
erstaunt, ob man den überhaupt im Haus anbauen kann, weil sie
denken, das ginge nur auf dem Bauernhof. Solche Reaktionen gefallen
mir.«
Yu-hee lässt sie ausreden und zieht dabei leicht genervt ihre
Handschuhe aus der Jackentasche. Währenddessen durchquert die Frau
mit großen Schritten den Laden und lässt ihren Blick schweifen, bis sie
in der Ecke eine Topfpflanze entdeckt. Schwungvoll hebt sie den kleinen
Topf hoch und fragt Yu-hee:
»Wie nennt man die? Sieht ungewöhnlich aus.«
Es ist eine Peperomia. Aus der Ferne sehen die hübschen Blätter aus
wie glänzende, übereinandergeschichtete Matcha-Mochis. Solange man
sie vor direkter Sonne schützt und für eine angemessene
Luftfeuchtigkeit sorgt, ist sie recht unkompliziert zu halten. Yu-hee hat
für sie einen schönen Tontopf ausgesucht, in dem die einzigartigen
Blätter gut zur Geltung kommen, und kümmert sich mit großer Sorgfalt
um sie.
»Das ist eine Peperomia«, erklärt sie. »Sie ist etwas empfindlich. Am
besten sie steht draußen, nicht im Haus, und man muss morgens und
abends die Temperatur im Auge behalten. Auch die Luftfeuchtigkeit
sollte konstant bleiben. Außerdem …«
Obwohl die Pflanze eigentlich nicht zum Verkauf bestimmt ist, könnte
man sie problemlos anbieten. Normalerweise hätte sie sie für einen
fairen Preis abgegeben. Doch während sie spricht, betont sie immer
stärker die Empfindlichkeit der Peperomia – nicht, weil ihr diese Pflanze
besonders am Herzen läge, sondern, weil sie sicher ist: Diese Pflanze
wäre nichts für die Frau. Irgendetwas in Yu-hee drängt sie dazu, deren
Interesse rasch zu zerstreuen.
Die Frau hört sich alles schweigend an, stellt den Topf schließlich
vorsichtig zurück und klopft sich die Hände ab. Ihr Blick schweift noch
einmal durch den Laden, dann verlässt sie ihn, ohne ein Wort zu sagen.
Sie bleibt aber noch eine Weile vor dem Laden stehen und sieht durch
das Schaufenster hinein. Sie scheint der Peperomia nachzutrauern. Als
Yu-hee den Blick der Frau bemerkt, greift sie nach dem Topf und stellt
ihn außer Sichtweite. Die Frau zuckt nur leicht mit den Schultern, dreht
sich um und geht davon. Das Klackern ihrer weißen Pumps verhallt bald
auf dem Pflaster.
Yu-hees Geschäft befindet sich in einem umgebauten alten Wohnhaus
im Stadtteil Dosan. Als sie zum ersten Mal hierher kam, um sich nach
Ladenflächen umzusehen, war sie überrascht, dass es in der Stadt Sejin
ein solches Viertel gab. Es war eine ruhige, beinahe verschlafene Gegend
ohne Cafés oder Restaurants, ohne jeglichen Trubel. In Dosan gab es
neben den Wohnquartieren viele unbebaute Grundstücke. Kleinere
Fabriken und Druckereien hatten ihren Betrieb aufgegeben und standen
leer. Irgendwo mittendrin entdeckte Yu-hee die heruntergekommene
Adresse.
Es war ein kleines Einfamilienhaus. Der Makler erklärte ihr, dass es
hier kaum größere Gebäude gebe, nur wenige Passanten unterwegs
seien und sich deshalb nie ein richtiges Geschäftsviertel habe entwickeln
können. Die Gegend galt als wenig attraktiv, so stand das Haus bereits
seit über einem Jahr leer und war ein Sorgenkind, weshalb die Miete
niedrig war und keine Verwaltungskosten anfielen. Der Eigentümer
lebte nicht in Sejin.
Yu-hee musste einen Kredit aufnehmen und mehr als die Hälfte ihrer
Abfindung von der Firma, bei der sie über sechs Jahre gearbeitet hatte,
für die Inneneinrichtung ausgeben. Aber diese Belastung glich sich
durch die geringe Miete wieder ein wenig aus. Nach zwei Monaten
Umbau meldete sie ihr Gewerbe an. Am Tag der Eröffnung fühlte sie sich
sehr erleichtert und überglücklich, an einem neuen Ort mit einer neuen
Arbeit beginnen zu können. Pünktlich zur Eröffnung war sie, auch
wegen der günstigen Mietkaution, nach Dosan gezogen.
Trotz aller Motivation und sorgfältiger Planung, die der Schritt in die
Selbstständigkeit erfordert hatte, lief es natürlich nicht von Anfang an
gut. Etwa zwei Monate nach der Eröffnung hatte Yu-hee noch immer
keine nennenswerten Einnahmen. Die meiste Zeit verbrachte sie
schweigend im Laden, sprach nur, wenn sie auf dem morgendlichen
Blumenmarkt um Preise für Blumen und Töpfe feilschte.
In dieser Zeit kamen ihre ehemaligen Kollegen und Kommilitoninnen
vorbei, um ihr ihre Meinung mitzuteilen. Einige meinten, die
Inneneinrichtung sei zu modern für die Leute aus der Nachbarschaft.
Andere fanden, die Preise seien angesichts des fehlenden
Einkaufsviertels in der Umgebung etwas hoch. Manche Bekannte
schlugen sogar vor, den Namen des Ladens zu ändern. Panzen-Shop
klang zu schlicht, damit wären zwei einfache Wörter lediglich durch
einen Bindestrich verbunden. Ein auffälliger, eleganter Name sei besser,
sagten sie. Doch genau das wollte Yu-hee nicht. Sie glaubte daran, dass
sich die Menschen gerade wegen dieser schlichten Worte an ihr Geschäft
erinnern würden. Diese klare, einfache Assoziation würde sie eines
Tages in ihren Laden führen.
Sie machte sich viele Gedanken über den Geschmack der Allgemeinheit
und stellte etliche kleine Gegenstände und Möbel um. Vereinzelt senkte
sie die Preise und organisierte eine Eröffnungsveranstaltung als
Marketingmaßnahme. Um zu lernen, wie man Kundschaft anlockt,
recherchierte sie auf Websites und Social-Media-Accounts erfolgreicher
Blumenläden und Gärtnereien im ganzen Land. Sie stellte allerdings
schnell fest, dass sich die dort gesammelten Informationen bestenfalls
als grobe Orientierung eigneten. Auf ihr eigenes Geschäft ließen sie sich
nur schwer übertragen.
Doch schon kurz nach der Eröffnung setzte im Stadtteil Dosan ein
Wandel ein, der sich als Glücksfall für Yu-hee erwies. Nicht einmal die
Alteingesessenen hatten damit gerechnet, geschweige denn die
Immobilienmakler. Das lebhafte Geschäftsviertel, das sich rund um die
zahlreichen Wolkenkratzer auf der anderen Seite des Dosan-Marktes
erstreckte, war inzwischen völlig ausgelastet und begann sich
auszudehnen. Die Menschen erkundeten zunehmend die Umgebung
rund um die U-Bahn-Station, und einige Händlerinnen und Händler
entschieden sich bewusst dafür, ihre Geschäfte in abgelegeneren
Gegenden, fernab des Trubels, zu eröffnen. So fanden immer mehr
Besucher den Weg in Yu-hees Laden am Rand des Viertels.
Der PflanzenShop war der einzige Pflanzenladen in Dosan und erstreckte sich über
ein ganzes Haus. Diese Einzigartigkeit erregte Aufmerksamkeit.
Bloggende, die ständig auf der Suche nach neuen, besonderen Orten
waren, strömten herbei, und auch Influencer und Influencerinnen
verschiedener Social-Media-Kanäle interessierten sich für das Geschäft.
Langsam, aber stetig begann sich der Pflanzen-Shop als Geheimtipp und
Hotspot zu etablieren.
Yu-hee ist der Ansicht, dass nichts von Geburt an schlecht ist. Pflanzen
gehen ein, wenn der Boden nicht gut ist und die Temperatur nicht
stimmt. Ihre Aufgabe sieht sie darin, die Umgebung für die Pflanzen so
zu verändern, dass sie gedeihen können. Wenn die Wurzeln wegen zu
hoher Feuchtigkeit faulen oder die Blätter wegen Lichtmangels über
einen längeren Zeitraum verkümmern, kann sie diese Probleme relativ
schnell und leicht lösen. Sie weiß genau, was in solchen Fällen zu tun ist.
Sie glaubt, dass Menschen Pflanzen ähnlich sind und dass auch sie
geheilt werden können, wenn man sie ebenso sorgsam behandelt. Mit
der richtigen Pflege, glaubt sie, entwickeln sie sich in die Richtung, die
für sie bestimmt ist. Yu-hee hat in ihrem Leben schmerzhafte
Erfahrungen gemacht, doch sie hält daran fest, dass die menschliche
Natur nicht grundsätzlich böse ist. Sie möchte an diesem Glauben
festhalten. Aber irgendwann begann dieser Glaube allmählich zu
bröckeln. Und das liegt an den Männern, die in ihr Leben getreten sind.
Rückblickend kann man sagen, dass alle Probleme immer von außen
kamen. Die Männer näherten sich Yu-hee meist mit einer gewissen
Freundlichkeit. Schon als Kind hatte sie das Gefühl, dass mit ihr etwas
nicht stimmte. In solchen Momenten dachte sie an verschiedene
Pflanzen: An die Kamelie etwa, die sie kurz draußen auf die Fensterbank
gestellt hatte, als plötzlich ein Regenschauer einsetzte. Oder an den
kleinen Topf mit Sukkulenten, den sie vergessen hatte zu gießen. Nach
einem Monat waren sie vertrocknet. Und dann war da noch die
Pfingstrose, die ihre Blüten verlor, sobald sich die Sonneneinstrahlung
änderte. Die Probleme, die die Pflanzen still in sich tragen, treten
irgendwann zutage. Erst dann erkennt man sie. Und wenn man die
Ursache beseitigt, kehren sie meist schnell in ihren ursprünglichen
Zustand zurück. Alle Pflanzen in Yu-hees Obhut haben schon mehrere
Krisen überstanden und überlebt.
Obwohl sie bei den Menschen mit der gleichen Einfühlsamkeit und
Sorgfalt vorging wie bei ihren Pflanzen, stieß letztlich jeder ihrer
ExFreunde sie über die Klippe. Sie fühlte sich dabei wie ein Computer, dem
sein Wiederherstellungsstatus abhandengekommen war. Kein
Optimierungstool und kein Antivirenprogramm konnte sie wieder in
Ordnung bringen.
Gerade als sie glaubte, die erfolglosen Monate nach der Eröffnung
endlich hinter sich gelassen zu haben, besuchte ein merkwürdiger Mann
ihr Geschäft. Es war der erste männliche Kunde, der wirklich wegen
Panzen kam.
Ho-young arbeitete in einer Unternehmensberatung – und er war
verzweifelt. Der Grund war der Auftrag eines Fahrradherstellers, der im
Großraum Seoul einen Flagship-Store eröffnen wollte. Das namhafte
Unternehmen vergab für eine beträchtliche Summe den Auftrag für ein
innovatives und kreatives Werbe- und Innenarchitekturprojekt, das es
so in der Branche noch nicht gegeben hatte. Ho-young war fest
entschlossen, das Projekt im Alleingang zu stemmen. Doch so sehr er
sich auch anstrengte, eine wirklich zündende Idee blieb aus.
Dann kam ihm plötzlich das Wort Panze in den Sinn: Fahrräder
bestehen aus Aluminium, Carbon und allerlei Chemikalien. Pflanzen
hingegen sind Natur pur. Er fragte sich, wie es wohl wirken würde, wenn
ein Laden voller technischer Geräte großzügig mit schönen Pflanzen
gestaltet wäre. Obwohl seine Idee bei einer internen Besprechung auf
heftige Kritik stieß, blieb er hartnäckig und setzte sich durch. Schließlich
erhielt er vom Auftraggeber die Antwort, er solle einige Entwürfe
vorlegen, und wenn etwas Gutes dabei herauskäme, würde man die Idee
umsetzen. Doch genau da lag das Problem: Ho-young hatte keine
Ahnung von Pflanzen und sollte beim ersten Meeting bereits einen
Entwurf präsentieren.
Selbst am Tag vor der Sitzung war Ho-youngs Präsentationsentwurf
noch immer nicht fertig. Obwohl er sich die ganze Woche über den Kopf
zerbrochen hatte, wollte ihm einfach keine rettende Idee in den Sinn
kommen. Er saß vor der Suchmaschine und tippte pflanzenbezogene
Wörter ein und wartete auf eine Eingebung. Und zwischen all den
unsinnigen Wortkombinationen stieß er auf Yu-hees Laden. PanzenShop:
Wir handeln mit allem, was mit Panzen zu tun hat. Ohne lange zu
überlegen, sprang Ho-young in ein Taxi. Er musste nach jedem
Strohhalm greifen.
Als das Taxi vor dem Laden hielt, war er etwas überrascht, denn der
Pflanzen-Shop war kein schickes Geschäft an einer belebten Straße.
Yuhee war gerade damit beschäftigt, Plastik- und Steinguttöpfe im Hof zu
sortieren. Er stieg aus dem Taxi und blickte sich unsicher um. Dann
trafen sich ihre Blicke.
»Sie haben mich doch vor einer Stunde angerufen, nicht wahr?«, sagte
Yu-hee, während sie sich aufrichtete.
»O ja. Ich bin Lee Ho-young«, antwortete er etwas verlegen.
Sie zeigte zur Treppe, die in den Laden führte. Etwas unbeholfen ging er
hinein. Doch drinnen fühlte er sich wie in einer anderen Welt. Noch nie
hatte er so viele Pflanzen auf einmal gesehen. Fasziniert von der
Energie, die sie ausstrahlten, blieb er eine Weile geistesabwesend stehen.
Yu-hee beobachtete ihn in aller Ruhe.
»Ich habe noch nie so viele Blumentöpfe in einer Reihe gesehen. Das ist
wirklich beeindruckend.«
»Es ist ein bisschen unordentlich. Ich bin gerade dabei, sie
umzutopfen.«
Sie holte zwei Stühle, die in einer Ecke gestapelt waren, und bat ihn,
Platz zu nehmen. Er setzte sich und zog sein Tablet aus der Tasche. Für
einen Moment war auf dem Bildschirm ein Selfie von ihm vor dem
Eiffelturm zu sehen.
»Brauchen Sie noch etwas?«, fragte Yu-hee.
»Nein, das hier reicht. Ich habe nicht viel Zeit. Sie sagten am Telefon,
Sie würden mich in allen Angelegenheiten beraten. Ich wäre Ihnen sehr
dankbar, wenn Sie sich das hier ansehen und mir sagen könnten, ob Sie
mir irgendwie helfen können. Es ist schon morgen fällig …«
Sie nahm ihr kleines Notizbuch und setzte sich hin, während er ihr sein
Tablet hinschob. Auf dem Bildschirm erschien die überarbeitete Version
seines Entwurfs, über der er eine Woche lang gebrütet hatte. Immer
wieder hatte er alles verworfen und eine neue Version geschrieben. Für
Yu-hee mit ihrer jahrelangen Berufserfahrung war das nichts Neues. Das
Problem bestand nur darin, dass er nicht viel aufgeschrieben hatte.
Zum Glück erinnerte sie sich daran, dass sie ihr kaputtes Fahrrad erst
vor Kurzem zu einem kleinen Laden in der Nähe des Dosan-Marktes
gebracht hatte. Sie versuchte sich an den Laden zu erinnern und begann
ausführlich über Pflanzen zu sprechen, die in einem Fahrradgeschäft gut
zur Geltung kämen. Sie schilderte eingehend ihre Formen, ihre Wirkung
im Raum und ihre Bedürfnisse. Ho-young schrieb auf seinem Tablet
eifrig mit, und das Gespräch zog sich bis spät in die Nacht hin. Die meiste
Zeit sprach Yu-hee und gab ihm genau die Inspiration, nach der er so
verzweifelt gesucht hatte.
In der Präsentation, die Ho-young am nächsten Nachmittag seinen
Auftraggebern vorlegte, stammte kaum etwas von ihm selbst. Die
meisten Ideen waren Vorschläge und Überlegungen von Yu-hee. Doch
der Entwurf kam gut an. Nun brauchten sie nur noch ein Geschäft, um
den Plan Wirklichkeit werden zu lassen. Ho-young empfahl kurzerhand
Yu-hees Laden und behauptete, er habe ihn persönlich entdeckt und
stehe in engem Kontakt mit der Besitzerin.
Von Woche zu Woche strömten mehr Kunden in den Pflanzen-Shop,
und Yu-hee hatte alle Hände voll zu tun, da sie auch noch mit Ho-young
an der Eröffnung des Flagship-Stores arbeitete. Dreimal in der Woche
schloss sie ihr Geschäft, um sich der Vorbereitung des Projekts zu
widmen. In dieser Zeit kamen sich die beiden immer näher. Als die
Auswahl und Gestaltung der Pflanzen in die finale Phase gingen, klopfte
er ihr auf den Rücken und sagte:
»Wenn das gut läuft, kannst du dein Geschäft enorm ausbauen. Das
wird das beste Portfolio deines Lebens. Wirklich. Vertrau mir!«
Dass der Pflanzen-Shop immer mehr Besucher und Stammkundschaft
anzog, lag natürlich nicht daran, dass sie seinen Worten Glauben
schenkte. Die Menschen schätzten vor allem den einzigartigen Charme
ihres Ladens, der mitten im Nirgendwo zu stehen schien. Er sah nicht
das ganze Jahr über gleich aus, sondern brachte genau die Farben und
Stimmungen der jeweiligen Jahreszeit zum Ausdruck. Besonders bei
jungen Frauen war der Pflanzen-Shop beliebt. Als die Verkaufszahlen zu
steigen begannen, eröffnete Yu-hee einen offiziellen Instagram-Kanal
für ihren Laden. Ohne große Werbung oder Posts in lokalen
OnlineCommunities fanden immer mehr Touristen ihren Weg zu ihrem
Geschäft und markierten es in ihren eigenen Instagram-Feeds.
Ho-young behauptete stets, dass all das sein Verdienst sei. Dass der
Laden überhaupt Aufmerksamkeit erregt habe, sei seinem damaligen
Vorschlag zu verdanken. Er betonte immer wieder, wie schwer es
gewesen sei, einen Laden an einem so abgelegenen Ort zu einem
Kundenmagneten zu machen. Seit sie vor einiger Zeit mit ihm
zusammengekommen war, bekam sie seine großspurigen Worte immer
häufiger zu hören.
Jedes Mal, wenn Ho-young den Leuten um ihn herum das Geschäft wie
sein eigenes präsentierte, nahm sie es kommentarlos hin. Als sie eines
Tages in seinem Auto eine Mappe mit seinem Lebenslauf fand, auf dem
Marketing-Leiter des Panzen-Shops stand, dachte sie sich zunächst
nichts dabei. Sie ertrug es auch, dass er ihr mindestens dreimal pro
Woche sagte, der Laden habe keine Identity und müsse umbenannt
werden. Sie dachte sich, dass das nur Gewohnheiten seien, die man
ändern könne. Sie würden sich mit der Zeit zum Guten wenden. Sie
waren nun in einer Beziehung, und sie versuchte, seine Marotten zu
akzeptieren und darüber hinwegzusehen. Yu-hee konzentrierte sich
mehr auf seine Zukunft als auf seine Vergangenheit.
Aber eines konnte sie nicht durchgehen lassen: Ho-youngs Umgang mit
Pflanzen.
Was anfangs wie ein harmloser Scherz aussah, wurde mit der Zeit zur
Gewohnheit. Während er mit jemandem telefonierte, riss er grundlos
Zweige ab und berührte achtlos die zarten Blätter, die gerade zu
sprießen begannen. Später fand sie Efeuzweige auf dem Boden mit
tiefen Schuhabdrücken, die sie an einen lieblos angerichteten Krautsalat
erinnerten. In diesem Moment zerbrach etwas in ihr.
Still hockte sie sich hin und sammelte die abgestorbenen Reste ein.
Während sie die zerdrückten Blätter in der Hand hielt, kam ihr ein klarer
Gedanke: Sie musste ihm einen Riegel vorschieben, bevor sie selbst so
achtlos weggeworfen wurde wie diese Pflanzen. Sie wollte ihm die
Situation begreiflich machen. Er müsste doch in der Lage sein, seine
schlechten Angewohnheiten zu ändern, dachte sie. Ja, das musste er.
An diesem Abend bestellte sie ihn in den Laden. Als er zur Tür
hereinkam, wirkte er erschöpft. Sie holte tief Luft und sagte:
»Sieh dir das an.«
Sie breitete die verletzten Zweige und abgestorbenen Stängel vor ihm
aus, während er sich in eine Ecke setzte. Er seufzte und runzelte die
Stirn.
»Was willst du mir damit sagen?«
»Ich bitte dich, vorsichtig zu sein. Das hier …«, sagte sie und zeigte auf
eine der Topfpflanzen. Doch bevor sie weitersprechen konnte, winkte er
unwirsch ab, stand auf und fiel ihr ins Wort:
»Hast du mich deswegen herbestellt? Ich bin müde.«
»Das geht schon seit Monaten so, und es ändert sich nichts. Bis jetzt
habe ich es ertragen, aber ich kann nicht mehr.«
Sie wies ihn ruhig auf sein Tun hin und erklärte ihm, wie schwer es sei,
mit anzusehen, dass überall, wo er sich aufhielt, die Pflanzen litten.
Daraufhin machte er ein beleidigtes Gesicht.
»Du zitierst mich also wegen so etwas mitten in der Nacht her, wo ich
doch so beschäftigt bin?«
»Du weißt, wie wichtig mir das ist. Ich bin sicher, du denkst dir nichts
dabei, aber ich möchte, dass du vorsichtig bist. Deshalb sage ich es dir
jetzt.«
Missmutig blickte er auf den Efeustängel hinunter. Sie hatte sich vorher
jedes Wort genau überlegt und alles Verletzende so gut wie möglich
herausgefiltert. Am Anfang ihrer Beziehung war er nicht so gewesen. In
letzter Zeit benahm er sich immer merkwürdiger, aber sie glaubte fest
daran, dass er das ändern konnte. Sie müsste es ihm nur erklären, dann
würde er es verstehen.
Lange wartete sie auf eine Antwort. Doch er schwieg und runzelte
immer noch die Stirn. Yu-hee hatte gehofft, wenigstens ein einziges Wort
der Einsicht von ihm zu hören. Stattdessen stand er nur da, in Gedanken
versunken. Auch sie verharrte reglos, erfüllt von der leisen Hoffnung,
dass er doch noch sprechen würde. Schließlich flüsterte sie:
»Ich verstehe nicht, wie jemand mit einem Pflanzenladen eine
Beziehung mit jemandem haben kann, der mit Pflanzen respektlos
umgeht.«
Bei der Erwähnung des Wortes Beziehung veränderte sich sein
Gesichtsausdruck schlagartig.
»Hast du mich deshalb herbestellt, um über die Trennung zu reden?
Mitten in der Nacht?«
»Ich sage nicht, dass wir uns trennen sollten …«
»Das ist doch dasselbe!«, schrie er sie an und durchbohrte sie mit
seinem Blick. »Weißt du überhaupt, wie gestresst ich in letzter Zeit bin?
Ich habe eine Leistungsbeurteilung vor mir und arbeite ständig bis spät
in die Nacht. Hast du eine Ahnung, was ich alles durchmache?«
Sie war verzweifelt. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Sein plötzlicher
Ausbruch machte ihr Angst. Sie ging zur Tür und griff nach der Klinke,
um den Laden zu verlassen. Doch plötzlich packte er ihren Arm.
Erschrocken riss sie sich los und wich einen Schritt zurück.
Er war außer sich und atmete schwer, während er versuchte, seine Wut
zu kontrollieren, was ihm offensichtlich nicht gelang. Bei diesem Anblick
rang sie um Fassung und dachte: Ja, so etwas kenne ich, aber bei ihm
sehe ich es zum ersten Mal. Vor ihrem inneren Auge tauchten die
Gesichter aus ihrer Vergangenheit auf, und eines nach dem anderen
verschmolz mit dem von Ho-young.
»Ich hole etwas kaltes Wasser«, sagte sie schließlich.
Sie atmete tief durch und ging in den hinteren Bereich des Ladens. Als
sie sich bückte, um die Kühlschranktür zu öffnen, hörte sie seine
Stimme.
»Sind diese Scheißdinger das wirklich wert?«
Gerade als sie nach einer Flasche griff, stockte sie. Ein Geräusch drang
an ihr Ohr, das sich anhörte wie das Zerreißen eines dünnen Stoffes –
das Knirschen von Blättern. Aber das wird er doch jetzt nicht tun, dachte
sie, völlig erstarrt in ihrer Bewegung. Kalter Schweiß sammelte sich auf
ihren Handflächen. Langsam richtete sie sich auf und drehte den Kopf in
Ho-youngs Richtung.
Lange, dünne Blätter rieselten auf seine schwarzen Schuhe. Zentimeter
für Zentimeter hob sie den Blick und verfolgte, wie seine groben
Handbewegungen die zarten Blätter zerquetschten. Ein erstickender
Schmerz stieg in ihr auf.
Seit der Eröffnung hatte die Areca-Palme stets die Tür des Ladens
bewacht. Die Palme war für Yu-hee sehr symbolisch, denn sie hatte sie
nur mit Mühe am Leben erhalten. Kurz nach der Eröffnung wurde das
Geschäft von Schädlingen befallen. Damals hatte sie große Mengen
Blumenerde bestellt und Flüssigdünger gekauft. Der Laden war voll mit
neuen Sachen. Deshalb erkannte sie nicht sofort, dass eine spezielle
Erde, die mit der Anzuchterde geliefert wurde, die Ursache des Übels
war. Nach dem Umtopfen am Wochenende begann der erbitterte Kampf
gegen Trauermücken, Woll- und Blattläuse.
Dank rascher Gegenmaßnahmen konnte der Schaden begrenzt
werden. Eine Pflanze nach der anderen erholte sich langsam. Doch die
Areca-Palme kehrte nicht so einfach in ihre ursprüngliche Form zurück.
Der Angriff der Trauermücken war von der Palme ausgegangen,
und Yuhee zerbrach sich tagelang den Kopf, ob sie den Baum, der von Tag zu
Tag mehr welkte, aufgeben oder retten sollte.
Am einfachsten wäre es gewesen, die Palme aufzugeben, aber das tat
sie nicht. Stattdessen klammerte sie sich an den Gedanken, dass das
Glück doch noch auf ihrer Seite sein könnte. Eine Woche lang ließ sie die
Palme nicht aus den Augen. Sie wusste, dass man Pflanzen nicht so oft
ansehen und berühren sollte. Aber tief in ihrem Herzen hoffte sie, dass
ein winziger Teil ihrer Aufmerksamkeit der Palme helfen würde, wieder
zu Kräften zu kommen und sich zu erholen.
Die starken Präparate hatten die meisten Wurzeln abgetötet, und fast
alle Blätter waren eingegangen. Doch die Palme überlebte. Vielleicht war
es Yu-hees verzweifelter Wunsch, der ihr das Leben rettete. Im Vergleich
zu einem Menschen hing der Baum noch immer an einem
Beatmungsgerät. Aber nach und nach kehrten die Blätter und Zweige
zurück.
Jedes Mal, wenn Ho-young die langen Blätter der Palme berührte, klang
es in Yu-hees Ohren so unangenehm und schrill, als würde eine Peitsche
gegen eine Wand schlagen. Sie ließ sich auf den Boden fallen, und ihre
Hände zitterten heftig. Sie spürte, wie sich ihr Inneres zusammenzog, als
würde ihr Herz aufhören zu schlagen. Um diesem Gefühl zu
entkommen und Halt zu finden, presste sie ihre zitternden Hände auf
den Boden und tastete ihn ab.
Plötzlich stieß ihre Hand auf etwas – eine Spitzhacke mit einem dicken
gelben Stiel. Sie hatte sie im Sommer benutzt, als das Unkraut wucherte,
und dann achtlos für den Winter weggelegt, ohne die Erde von der
Klinge zu entfernen. Ihre Finger berührten die scharfe Klinge.
Immer wieder hörte sie, wie Ho-young weitere Blätter zerriss. Sie
beruhigte ihren Atem und drehte die Hacke, um den rauen Griff zu
packen. Wenn er jetzt nicht aufhört, wird der Baum sterben. Sie konnte
ihn förmlich schreien hören. Sie hatte diesem Baum so beharrlich ihre
ganze Aufmerksamkeit gewidmet, dass er ihr sogar Albträume bereitete.
Nein, das kann ich nicht zulassen. Ich habe so viel getan, um ihn am
Leben zu erhalten. In diesem Moment fiel das zarteste Blatt der Palme
zu Boden, und Yu-hee stürzte mit angehaltenem Atem auf Ho-young zu,
die Hacke fest in ihrer Hand.
Sie blieb genau dort stecken, wo Yu-hee sie haben wollte, und das
Geräusch der zerreißenden Zweige und Blätter verstummte. Sie dachte
an die lästigen, verfluchten Trauermücken, die um jeden Preis
überleben wollten. Sie erinnerte sich daran, wie sie den klebrigen,
ekligen Schleim weggewischt hatte, den die Blattläuse überall
hinterließen, und auch an den Moment, als sie die letzte Laus, die
unbeeindruckt von dem scharfen Mittel am Blatt kleben geblieben war,
entfernt und zerquetscht hatte. Sie hatte das Gefühl, sie noch Monate
später deutlich an ihren Fingern zu spüren. Deshalb klopfte sie sich
immer wieder unwillkürlich auf die Hände.
Yu-hee blickte zu Ho-young, der nun endlich verstummt war, und
atmete ein paar Mal tief durch. In ihr wuchs der Wunsch, die wieder
genesene Palme sorgfältig zu pflegen. Über dem Laubhaufen lag nun ihr
tiefes Mitgefühl.
Es war Frühsommer und daher morgens und abends nicht mehr ganz so
kühl. An diesem späten Sonntagnachmittag wimmelte es im Geschäft
wie immer von Kunden.
Ein Mann betrat das Geschäft in Begleitung mehrerer Frauen. Yu-hee
nahm an, dass er zu ihnen gehörte, da sie vor ihm hereingekommen
waren. Er folgte ihnen und schaute sich um. Die Frauen beobachteten
eine Weile die kleinen fleischfressenden Pflanzen und gingen bald
wieder. Eine Frau in Weiß stellte sich hinter ihn und begann, Yu-hee
etwas über eine Spargelpflanze zu erzählen, während sie mit einem Topf
Peperomia hantierte. Dann ging auch sie, und der Mann blieb als
einziger Kunde zurück. Erst jetzt fiel er ihr unangenehm auf.
Normalerweise hätte sie ihn einfach durch den Laden schlendern
lassen. Aber da sie die Frau in Weiß ein wenig nervig gefunden hatte,
war sie nun besonders empfindlich. Es kam eher selten vor, dass ein
Mann allein in den Pflanzen-Shop kam. Und dann erinnerte sie sich an
jenen Vorfall im Frühjahr. Sie wischte sich die Erde von den Händen,
ging auf den Mann zu und wollte ihn gerade fragen, ob er etwas suche.
Da bemerkte sie, dass er etwas in der Hand hielt. Als sie den runden
Gegenstand näher betrachten wollte, kam der Mann mit großen
Schritten auf sie zu und sagte:
»Entschuldigen Sie, ich habe eine Frage.«
Er zeigte ihr ein kleines braunes Etwas. Erst jetzt erkannte sie, dass es
ein Avocadokern war. Der Mann hielt ihn so liebevoll, als wäre es eine
kostbare Praline, die er gerade geschenkt bekommen hatte. Er fuhr fort:
»Haben Sie so etwas schon einmal gezüchtet?«
Behutsam legte er den Avocadokern auf den kleinen Tisch vor ihr.
Schweigend betrachtete sie dessen glatte Oberfläche. Nach dem Spargel
kommt jetzt die Avocado, ging es ihr durch den Kopf. Sie musterte sein
Gesicht. Wer weiß, vielleicht fragt er einfach so. Aber er wirkte zu ernst.
»Das ist eine Avocado«, antwortete sie.
»Ja, genau. Das ist nach dem Essen übrig geblieben, aber der Kern ist so
hübsch, dass ich dachte, man könnte sie züchten. Und ich fragte mich,
ob sie Früchte tragen würde. Ich habe nach Infos gesucht und mich
entschieden, einen Experten zu fragen. Wachsen Avocados gut in
Korea?«
Dann verstummte er plötzlich. Er schien außer Atem zu sein, weil er so
viel auf einmal gesagt hatte. Yu-hee nahm ein trockenes Tuch aus der
Schublade und wischte den Kern ab. Nach einer kurzen Politur glänzte
er mehr als zuvor. Hastig fügte er hinzu:
»Oh, er ist sauber. Ich sagte, er ist nach dem Essen übrig geblieben.
Vielleicht haben Sie mich missverstanden. Ich habe ihn gewaschen,
wissen Sie?«
Er schien sehr verlegen zu sein, und sie konnte sich ein kleines Lächeln
nicht verkneifen. Peinlich berührt kratzte er sich am Kopf.
»Dazu kann ich im Moment leider nichts sagen«, antwortete sie. »Ich
muss noch ein bisschen recherchieren. Ich habe noch nie einen
Avocadokern zum Keimen gebracht, aber ich glaube, es ist möglich.«
Er nahm seine Hand vom Kopf und begann sofort zu strahlen.
»Ja, ich lasse ihn erst einmal hier«, begann er wieder unruhig zu
sprechen. »Ich kenne mich mit Pflanzen nicht so aus, und bei Ihnen ist
er sicher besser aufgehoben. Er wird doch nicht absterben, oder?«
Sie beruhigte ihn, und sie vereinbarten einen neuen Termin. Er schien
doch gemerkt zu haben, dass er ihre Zeit in dem überfüllten Laden an
einem Feiertag nicht allzu lange beanspruchen durfte. Er sagte, er wolle
in einer Woche wiederkommen, und ging. Sie legte den Kern vorsichtig
in den Schatten und erinnerte sich an seinen besorgten Tonfall und
Gesichtsausdruck.
Yu-hees Interesse galt jedoch weniger dem Keimen des Samens als
dem Besuch des Mannes. Aus verschiedenen Gründen gaben die Leute
ihre Pflanzen in Yu-hees Hände, aber manche kamen nie wieder, um sie
abzuholen, als hätten sie sie einfach ausgesetzt. Vielleicht war dieser
Mann genauso. Der kleine Kern hatte ja noch nicht einmal gekeimt. Also
hatte er ihn in einer Woche womöglich vergessen und käme nicht
wieder.
Doch wider Erwarten betrat der Mann genau eine Woche später am
Sonntagnachmittag den Laden. Sie erkannte ihn sofort. Er winkte ihr
fröhlich zu, als würde er sich freuen, sie wiederzusehen, und eilte auf sie
zu.
»Hallo, wie geht’s? Ich bin wegen des Avokadokerns hier.«
»Ach ja. Sie sind wirklich wiedergekommen«, sagte Yu-hee überrascht,
fast als würde sie zu sich selbst sprechen. Er legte den Kopf leicht schräg
und sah sie fragend an. Sie öffnete ein kleines Gefäß, in dem sie den
Samen aufbewahrt hatte.
»So kann er nicht wachsen«, fuhr sie fort und deutete auf eine Stelle an
der Schale. »Zuerst muss man diese braune Schicht abziehen, damit er
keimen kann. Dann muss man den Kern leicht einritzen. Das wollte ich
nicht tun, ohne Sie vorher zu fragen. Also habe ich gewartet, bis Sie
wieder hier sind.«
Während einige Kunden Yu-hee Fragen über die Pflanzen stellten und
Blumentöpfe kauften, saß er in einer Ecke und wartete. Sie hatte nicht
damit gerechnet, dass er wirklich wegen des Kerns zurückkommen
würde, doch er übertraf ihre Erwartungen. Fasziniert von seinem
aufmerksamen Gesichtsausdruck, erzählte sie ihm noch eifriger als
sonst von den Pflanzen.
Sie setzten sich in eine Ecke und unterhielten sich, bis der Laden
schloss. Das Gespräch begann mit der Avocado und ging dann zu den
anderen Pflanzen über. Erst als er mit dem Kern, dessen
elfenbeinfarbenes Innere nun sichtbar geworden war, den Laden
verließ, tauschten sie ihre Namen aus. Er hieß Ji-hun und meinte, man
höre seinen Vornamen oft, aber er sei leicht zu merken.
Auch nachdem Ji-hun den Kern vorsichtig nach Hause gebracht hatte,
besuchte er weiterhin den Laden einmal pro Woche. Der offizielle Grund
dafür war, über das Wohlergehen des Kerns zu berichten und weitere
Informationen darüber zu erhalten, aber in Wahrheit spielte Ji-huns
Interesse an Yu-hee eine weitaus größere Rolle. Er kam gewöhnlich am
späten Sonntagnachmittag und verbrachte einige Zeit im Laden. Er war
der einzige Mensch in ihrem Leben, der Sympathie für Pflanzen
empfand. Und das beruhigte sie in vielerlei Hinsicht.
Ji-hun verursachte im Laden nie Unruhe. Er kam und ging stets leise.
Über der Tür neben der alten, unrenovierten Wand hatte Yu-hee eine
kleine Glocke mit hellem Klang angebracht. An den Wochenenden
herrschte reger Kundenverkehr, sodass sich das Klingeln oft überlagerte.
Aber sie war immer mehr davon überzeugt, dass sich die Ladenglocke
bei Ji-hun anders anhörte und sie sie von allen anderen unterscheiden
konnte.
Die junge Avocado zog bald in ihr Geschäft ein, und oft kümmerte sie
sich anstelle von Ji-hun um sie. Diese Arbeit war ihr vertraut, und so
machte sie ihr nichts aus. Für Yu-hee war es in Ordnung, denn sie
wusste, dass auch der Besitzer die Pflanze ebenso ins Herz geschlossen
hatte wie sie selbst.
Die Avocado gedieh prächtig. Auch wenn die Veränderungen auf den
ersten Blick kaum sichtbar waren, hatte sie Wurzeln geschlagen, war
gekeimt und wuchs Tag für Tag ein kleines Stück weiter. Es war lange
her, dass Yu-hee eine Pflanze vom Samen bis zur ersten Keimung
begleitet hatte. Wenn sie die Avocado betrachtete, dachte sie oft an ihre
eigene Kindheit zurück, in der ihr Interesse und ihre Liebe für Pflanzen
grenzenlos gewesen waren.
So trat Ji-hun mit der Avocado in Yu-hees Leben und berührte ihr Herz.
Hatte sie je zuvor einen Menschen getroffen, der einer Pflanze
ähnelte? – Eine Pflanze, die still und unbeirrbar wuchs, ohne
aufdringlich andere zu verändern. Sie überlegte, wie wahrscheinlich es
war, dass ein solcher Mensch freundlich zu Pflanzen sein würde.
Pflanzen waren ihr Leben, ihre stille Leidenschaft. Und die
Wahrscheinlichkeit, so jemanden zu treffen – jetzt oder irgendwann –,
erschien ihr verschwindend gering.
Ji-hun hatte zugesehen, wie der Avocadokern aus der Wasserschale in
die Erde gesetzt worden war. Er unterschied sich definitiv von den
Männern, die bisher in ihr Leben getreten waren. Keiner von ihnen war
je in der Lage gewesen, einen einzigen Samen zu hegen und zu pflegen.
So wagte sie zaghaft zu glauben, dass Ji-hun sie nicht, wie andere zuvor,
vom Rand einer Klippe stoßen würde. Dass sie nie wieder von dort auf
die herabstürzenden Felsen starren müsste. Jeden Abend, wenn sie im
Bett lag und mit ihm Nachrichten austauschte, fragte sie sich, ob sie
hoffen durfte, dass es diesmal anders wäre.
An einem Wochenende war Ji-hun auf Dienstreise und konnte nicht in
den Laden kommen. Sie betrachtete die Avocado, die im Topf
gleichmäßig Wurzeln geschlagen hatte, und hing ihren Gedanken nach.
Sie hatte liebevolle Nachrichten von ihm erhalten. Nun beschloss sie für
sich, nicht mehr wegzulaufen. In dieser Nacht schlief sie lange und tief.
Es war ein ganz normaler Sonntagabend, und Yu-hee war gerade dabei,
ihren Laden zu schließen. Sie dachte an Ji-hun, der bald durch die Tür
kommen würde, und sammelte die Reste des Packpapiers und das
gejätete Unkraut ein. Dann ging sie durch die Hintertür in den Hof, um
alles zu entsorgen.
Da hörte sie von irgendwoher ein Flüstern, eine leise Stimme, als
würde jemand vor sich hin murmeln. Sie fragte sich, ob um diese Zeit
noch Kunden kämen, stellte den Müllsack ab und ging in Richtung Hof.
Bald entdeckte sie eine vertraute Gestalt: Ji-hun stand mit dem Rücken
zum Ladeneingang und telefonierte.
Er war ganz in sein Gespräch vertieft und schien ihre Anwesenheit gar
nicht zu bemerken. Vorsichtig näherte sie sich ihm, um ihn aus Spaß zu
erschrecken, und dabei hörte sie einen seltsamen Satz, vermischt mit
der vertrauten Stimme. Er musste aus seinem Mund gekommen sein.
»Die Frau ist leicht zu haben.«
Zuerst wusste sie nicht, wem diese Worte galten. Aber Ji-huns Tonfall,
wie er dort stand, in sein Gespräch vertieft und mit dem Rücken zu ihr,
war ihr völlig fremd. Mit einem seltsamen Gefühl ging sie zur Hintertür
und spitzte die Ohren. Doch seine Stimme wurde immer leiser, sodass
sie ihn nicht mehr richtig verstehen konnte. Kurz darauf beendete er das
Gespräch. Als sie sah, wie er sein Handy vom Ohr nahm, ging sie zurück
in den Laden und versuchte, ihre Aufregung zu verbergen.
Sie begrüßte ihn mit einem liebevollen Lächeln, beobachtete ihn
jedoch die ganze Zeit mit einem mulmigen Gefühl. Doch es fiel ihr nichts
Ungewöhnliches an ihm auf. Nachdem er gegangen war, dachte sie noch
tagelang darüber nach. Die Worte hatten verächtlich geklungen, und sie
hatte ihn nie zuvor so reden gehört. Fragen und Zweifel quälten sie.
Yuhee lehnte sich an den Tresen und dachte zurück an die Wunde vom
Frühjahr. Und sie ließ die letzten Monate mit ihm Revue passieren:
Hatte sie etwas falsch gemacht? Oder war schon etwas im Argen
gewesen, und sie hatte es nur nicht bemerkt?
Sie dachte immer wieder über ihre Beziehung nach und erinnerte sich
an jenen Abend im Frühjahr, an dem sie beschlossen hatte, dass so
etwas nie wieder passieren dürfe. Als sie ihn zur Rede stellte, sagte er:
»Yu-hee, sehe ich aus wie jemand, der so etwas sagt?«
Auf diese Worte wollte sie bauen. Wenn sie sich irrte, würde sie es
richtigstellen. Sollte ein offenes Gespräch mit ihm nicht funktionieren,
würde sie später darüber nachdenken. Sie beschloss, ihm ehrlich zu
sagen, was sie fühlte. Sie wartete auf den Sonntag und dachte darüber
nach, wie sehr sie sich seit ihrer Begegnung verändert hatte.
Am Samstag war mehr los als sonst, und Yu-hee musste Überstunden
machen. Am Wochenende vor den vielen Feiertagen im Mai mit dem
Kinder-, Eltern- und Lehrertag gab es immer eine Menge Aufträge. Bei
schummrigem Licht arbeitete sie bis spät in die Nacht an den
Verpackungen für die zahlreichen Abholungen am Sonntag. Ihre
Gedanken kreisten unablässig um Ji-hun. Während sie Nelken- und
Rosensträuße mit roten, violetten und blauen Bändern schmückte,
überlegte sie, wie sie ihn morgen am besten darauf ansprechen sollte.
Nach getaner Arbeit räumte sie den Arbeitsplatz auf. Obwohl am
Wochenende kein Müll abgeholt wurde, füllte sie die Müllsäcke. Sie
beschloss, die vollen Säcke im Hinterhof zu lagern, und ging zur
Hintertür. Ihre Schritte waren vorsichtig, denn sie hatte einen der
Wasserhähne im Laden aufgedreht, um das Moos reichlich zu gießen.
Mit einem 20-Liter-Müllsack in jeder Hand versuchte sie, dem
herabtropfenden Wasser auszuweichen, und stellte die Säcke in einer
Ecke ab.
In diesem Moment hörte sie Ji-huns leise Stimme. Zuerst dachte sie, sie
hätte sich verhört, weil sie sich zu viele Gedanken über ihn gemacht
hatte. Sie blickte sich um und meinte, dass die Stimme aus der Nähe der
Eingangstür kam. Es war eindeutig seine Stimme. Plötzlich kehrten die
Erinnerungen an jene Nacht zurück. Sie trat näher an die Wand, um die
murmelnde Stimme besser verstehen zu können, und schaute
geradeaus.
Die Stimme gehörte tatsächlich Ji-hun – da war er. Er telefonierte hitzig
mit jemandem und schien leicht betrunken zu sein. Aber es war
Samstag. Vielleicht war er zufällig in der Nähe und wollte bei ihr
vorbeikommen. Sie sah auf ihre Armbanduhr und überprüfte das
Datum.
Er kauerte in einer Ecke des unbeleuchteten Hofes. Sie klopfte sich ein
paarmal die Hände ab und ging dann auf ihn zu. Sie wollte ihm gerade
die Hand auf den Rücken legen, als sie hörte:
»Ich hab’s dir doch gesagt, sie ist wirklich leicht zu haben. Du wirst
sehen.«
Diesmal war es eindeutig. Yu-hee zog schnell ihre Hand zurück und
ging langsam rückwärts. Von hinten hörte sie das Wasser auf den Boden
plätschern, aber das war ihr egal.
»Wenn ich es richtig anstelle, springt ein Haufen Kohle für mich
heraus. Siehst du? Sie werden für eine Million Won pro Stück verkauft.«
Er lachte amüsiert und blickte schnell in Richtung Laden. Dann fuhr er
leise fort:
»Sie ist einfach zu handhaben, so zahm wie die Pflanzen, um die sie
sich kümmert.«
Wie angewurzelt blieb sie stehen. Es war klar, über wen er redete.
Prompt folgten weitere Sätze, die sie angriffen. Ihr Name und ihr
Pflanzen-Shop mischten sich unter die beleidigenden Worte.
Sie konnte förmlich hören, wie etwas in ihrem Herzen zerbrach. Dass
sie ihren Pflanzen ähnelte, klang zwar fast wie ein Kompliment, aber er
hatte es ganz anders gemeint. Vom ersten Moment ihrer Begegnung an
liefen all die gemeinsamen Tage wie ein Film vor ihrem inneren Auge
ab.
Wieder bildete sich kalter Schweiß auf ihren Handflächen. War es ein
Fehler gewesen, dass sie um diese Zeit auf den Hof gegangen war? Oder
dass sie das Telefongespräch mitgehört hatte? Warum musste sie
ausgerechnet jetzt den Müll rausbringen? Unzählige Fehler und
Versäumnisse gingen ihr durch den Kopf.
Dann wurde ihr plötzlich klar: Nein, ich habe keinen Fehler gemacht.
Es kann kein Fehler sein, dass ich mich anderen Menschen gegenüber
unvoreingenommen und mit den besten Absichten verhalte. Ihr Blick
fiel auf die angespitzte Hacke und die Schaufel, die am Rand ihres nun
nassen Hinterhofs lagen. Sie erinnerte sich an das Ungeziefer und die
Schädlinge, die sie nacheinander mit ihren Fingern zerquetscht und
angestarrt hatte, bis sie sich nicht mehr rührten. Probleme
verschwinden nicht, wenn man die Ursache nicht beseitigt, dachte sie
und betrat mit leisen Schritten den Laden, in dem das Licht schwach
flackerte.
Sie blickte zu Ji-hun hinüber, der mit dem Rücken zum Laden
dahockte, und schaltete das Licht ein. Auf einmal drehte er sich
erschrocken um. Ihre Blicke trafen sich, und sie lächelte ihn strahlend
an. Sofort beendete er das Telefonat, räusperte sich ein paarmal und lief
auf sie zu. Sie sah ihn näher kommen und ging weiter in den Laden
hinein.
Mit dem Klingeln der Glocke betrat er ihr Geschäft. Es war nicht schwer
zu erkennen, dass er getrunken hatte, aber er lächelte breit. Sie starrte
ihn an und fragte sich: Wie lange wollte er mich noch täuschen? War
alles, was ich bisher von ihm wahrgenommen habe, nur eine Maske?
Sie beobachtete seinen gewohnten Gang, als er sich einen Hocker holen
ging. Der Wasserhahn war noch nicht zugedreht. Als er in eine Pfütze
trat, verzog er leicht das Gesicht.
Wäre es letzte Woche gewesen, hätte sie ihm noch gesagt, er solle
vorsichtig sein, denn überall war gerade frisch gegossenes Moos. Aber
sie schwieg und beobachtete ihn nur. Die Hocker waren in der Nähe des
Abflusses gestapelt, und dort war es noch rutschiger mit all dem
Schmutz, der herausgespült wurde. Natürlich sagte sie ihm nicht, dass er
dort noch besser aufpassen sollte. Schweigend richtete sie ihren Blick
auf die Avocado auf dem Tisch. Ein frischer Stiel ragte aus dem einst
runden, glänzenden Kern. Seit einiger Zeit kümmerte er sich gar nicht
mehr darum. Jetzt schien es an der Zeit, ihr etwas Dünger zu geben.
Als Yu-hee sah, dass er den Gully erreicht hatte, schaltete sie die
Leuchtstoffröhren im Laden aus und beobachtete alles im Dunkeln.
Jihun, dessen Gesicht vom Alkohol gerötet war, trat auf einen
Mooshaufen, verlor das Gleichgewicht, fiel rückwärts und schlug mit
dem Kopf auf einen Haufen Betonbrocken. Mehrere leise Geräusche
folgten, sie starrte reglos in die Dunkelheit, wo er hingefallen war.
Als das Scharren auf dem Boden aufhörte, ging sie langsam hinüber.
Der Schlauch spuckte immer noch Wasser aus, und von der anderen
Seite des Raumes flossen Moos und Blätter in den Abfluss. Ein großer
Gegenstand lag unbeweglich vor dem Abfluss und verstopfte alles. Der
Mund, aus dem böse, abfällige Worte gekommen waren, stand noch ein
wenig offen, aber er bewegte sich nicht mehr.
Das Rauschen des seichten Wassers drang an ihr Ohr. Langsam und tief
atmete sie durch, bevor sie sich daranmachte, Moos und Laub, Dreck,
Kies und was sonst noch auf dem Boden lag, zu entfernen. Der kalte
Schweiß auf ihren Handflächen war längst verschwunden. Sie war froh,
sich nicht die Hände gewaschen zu haben, nachdem sie den Müll
rausgebracht hatte.
Als der Sommer richtig beginnt, kommen immer weniger Kunden und
Kundinnen. Die heißen, schwülen Tage halten an, aber sie traut sich
nicht, die Klimaanlage weiter herunterzudrehen, weil sich sonst die neu
gekauften tropischen Pflanzen nicht akklimatisieren können. So erträgt
sie die Hitze und geht ab und zu in den Hof, um die Pflanzen zu gießen.
Auch die Zahl der Passanten ist merklich zurückgegangen. Einige
betreten den Laden, schauen sich verschwitzt um und gehen gleich
wieder, um sich in ein Café zu verdrücken.
Statt Menschen tauchen bald streunende Katzen auf. Sie verbringen
den Abend vor dem Laden und schlafen ein. Am Morgen ziehen sie
weiter und kommen später wieder, um sich im Hof ein schattiges
Plätzchen in der Mittagssonne zu suchen. Als der Monsun naht,
baut Yuhee an einer Seite des Hofes einen Unterstand für sie, um sie vor dem
Regen zu schützen.
Eines Abends, nach mehreren tropischen Nächten, jätet sie wie immer
das Unkraut im Hof zwischen den Katzen. Sie lieben die Bäume und
Topfpflanzen in der Mitte des Hofes. Diese wachsen so kräftig, dass sie
mit denen im Laden nicht zu vergleichen sind. Sie strecken ihre Stängel
aus und bringen große Blätter hervor. Ab und zu stecken verspielte
Katzen ihre Pfoten in die Töpfe und ziehen Ungeziefer und Unkraut
heraus. Manchmal ragen auch andere Dinge aus der Erde. Wenn die
Katzen das Interesse daran verloren haben, vergräbt Yu-hee die
Überreste wieder sorgfältig. Die Katzen sind geschickt und finden sie
auch unter den sonnenliebenden Laubbäumen. Sie blinzeln aus der
Ferne und spitzen die Ohren, wenn sie mit Schaufel und Schere arbeitet.
Je länger und heißer der Sommer, desto kräftiger entwickeln sich die
Wurzeln für den kommenden Winter. Die Areca-Palme und der
Gummibaum haben inzwischen den neuen Dünger aufgenommen und
sind immer höher gewachsen. In der Übergangszeit vom Winter zum
Frühling streckten die Pflanzen ihre dicken grauen und braunen Äste in
alle Richtungen aus. Und dann, im Frühling, bereiteten sie sich darauf
vor, ihre großen, glänzend grünen Blätter auszutreiben. So begrüßten
sie den Sommer und wuchsen prächtig. So auch die Avocadopflanze, die
aus dem Laden in den Hof umgezogen ist.
Yu-hee geht zu ihr und greift in die Erde. Vorsichtig streckt sie die
Fingerspitzen aus, ohne die Wurzeln zu berühren. Sie stößt auf die
vertrockneten Dinge, die sich bereits bis zur Unkenntlichkeit verwandelt
haben. Etwa ein Monat ist vergangen. Sie öffnet den Kalender auf ihrem
Handy und überprüft das Datum. Die Stücke haben inzwischen ihre
Aufgabe als Nährstoffquelle erfüllt.
Ihr Handy piept, eine Warnmeldung: Starker Wind und örtliche
Regenschauer ziehen auf. Yu-hee beschließt, den Hof aufzuräumen,
sobald die Regenzeit einsetzt. Sie will die Erde und den Dünger, die die
außergewöhnlich kräftigen Bäume getragen haben, aufgraben und
durch neue Erde ersetzen.
Diese Erde verdient es, einfach so weggeworfen zu werden.